Bei ihm haben die Schüler das Sagen

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In Kürze wird Hans Grof sein 50-jähriges Berufsjubiläum begehen. Ein halbes Jahrhundert als Lehrer und Übersetzer für Deutsch und Englisch. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, würde er noch einmal den Beruf des Lehrers wählen? Er zögert keine Sekunde: «Auf alle Fälle!»

Von Petra Wilken

Hans Grof unterrichtet derzeit Wirtschaftsenglisch und Deutsch am Insalco. Hier arbeitet er seit 1999, aber das kaufmännische Berufsbildungszentrum ist nur eine von zahlreichen Stationen in einem langen und erfüllten Arbeitsleben. Das Jahr 2016 soll sein letztes werden, hat er angekündigt, doch Institutsleiter Rudolf Schwinghammer hat ihm geantwortet, dass er ihn nicht so einfach gehen lassen will. Wenn er geht, wird die Berufsschule einen Fremdsprachenlehrer verlieren, der seiner Zeit lange voraus gewesen ist und schon seit Jahrzehnten didaktische Methoden anwendet, die bis heute in Chile wenig verbreitet sind.
«Ich unterrichte seit eh und je schülerzentriert», erklärt Grof. «Ich hole die Informationen von den Schülern und dann systematisiere ich sie. Das nennt man induktive Methode im Gegensatz zur deduktiven Methode, bei der der Lehrer vor der Klasse steht und einen Vortrag hält. Ich stehe nicht vor der Klasse, sondern die Schüler bilden einen Kreis. Ich bin nicht im Zentrum, sondern im Hintergrund.»
Die Methode basiert auch auf der Einsicht, dass Schüler mehr von ihren Kommilitonen lernen als vom Lehrer. Und darauf, dass meistens schon Kenntnisse über die jeweilige Materie unter den Schülern vorhanden ist. Um sie zu systematisieren, gibt es oft Gruppenarbeit im Unterricht von Hans Grof. Das sei ja einfach für den Lehrer, würde er manchmal zu hören bekommen. Er lasse ja die Schüler arbeiten.
«Ja», sagt er, «die Studenten müssen 60 Prozent des Unterrichts bestreiten. Zusammen kommt man dann zu einem Ganzen». Doch einfacher ist die Methode für die Lehrkraft nicht. Sie beansprucht sogar mehr Zeit, dafür bleibt das Erlernte auf diese Weise viel besser bei den Schülern haften, weil es selbst erarbeitet worden ist.
Zum Beispiel habe er im Englischunterricht, in dem gerade die Einheit Ethik und Arbeitsmoral ansteht, die Auszubildenden gefragt, was sie darüber wissen. Sie hätten zu diesem Thema nur eine vage Vorstellung gehabt. «Es geht darum, dass sie sprechen, kommunizieren. Immer wieder mache ich ihnen klar, dass in Chile nur fünf Prozent der Bevölkerung in der Lage ist, eine andere Sprache zu verstehen, zu sprechen, zu lesen und zu schreiben, und dass sie deshalb mit Englisch und Deutsch einen enormen beruflichen Vorteil haben». Der Grund für die schlechten Fremdsprachenkenntnisse hierzulande hat für Grof auch mit der sozialen Einstufung des Lehrerberufes zu tun. Er sei so manches Mal gefragt worden: „Lehrer? Hättest du nicht etwas anderes studieren können?“
Das wäre auch seinem Vater lieber gewesen. Alfred Grof war Ingenieur aus Berlin. Die Firma AEG, die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, schickte ihn 1930 nach Chile. Das Kuriose war, dass auch sein Vater, Anton Grof, schon als Techniker von der AEG von Südafrika nach Chile entsandt worden war. Das war 1913. Er war zu dem Zeitpunkt bereits Witwer, da seine Frau bei der Geburt des einzigen Sohnes Alfred 1908 in Neukölln im Wochenbett gestorben war.
«Meine Mutter ist auch 1908 geboren, aber in Hamburg», rollt Hans Grof die Geschichte seiner Familie und ihre Ansiedelung in Chile auf. In dieser Historie hat neben der AEG auch ein argentinischer Gaucho eine entscheidende Rolle gespielt. Das war so: Eine Tante der Mutter von Hans Grof hatte in Hamburg diesen Gaucho kennengelernt und sich verliebt. Und zwar so heftig, dass sie sich ein paar Jahre später einschiffte und mit dem Kohledampfer nach Valparaíso reiste. Anschließend setzte sie die Reise einem anderen Schiff bis Punta Arenas fort. Die Beziehung hielt nicht lange an, doch lange genug, dass die Nichte sie in Chile besuchen kam. Sie hatte mehr Glück in der Liebe in Chile. Sie lernte Alfred Grof kennen und die beiden heirateten 1944.
Hans Grof kam 1946 zur Welt. Zehn Jahre lang ging er auf die Deutsche Schule Las Lilas, zwischendurch zog die Familie nach Concepción, wo er ebenfalls die Deutsche Schule zwei Jahre lang besuchte. In der Grundschule war der gesamte Unterricht auf Deutsch, danach hatten die Schüler auch noch gleichzeitig Englisch und Französisch. 1963 legte Hans Grof das Abitur ab und schrieb sich am Pädagogischen Institut der Universidad de Chile für Germanistik und Anglistik ein und wurde Lehrer. Seine erste Anstellung nahm er 1966 an einer Abendschule für Erwachsene an, wo er Englisch unterrichtete. Obwohl ihm Deutsch in die Wiege gelegt worden war, gefiel ihm Englisch sogar noch besser.
Aber auch der deutschen Sprache ist er sein ganzes Berufsleben lang treu geblieben. Schon 1967 fing er am Goethe-Institut an. 1969 wurde er von der Deutschen Schule Las Lilas gerufen, um im Wirtschaftszweig Deutsch zu unterrichten; anschliessend – bis 1972 – unterrichtete er Englisch an der Deutschen Schule in Vitacura.
1970 erlangte er die Berechtigung, Deutschlehrer an der an der Universidad de Chile und ab 1972 auch an der Universidad Católica auszubilden. Im August 1972 wurde er auf Grund seiner Deutsch-, Englisch- und Spanischkenntnisse gebeten, keine Deutschlehrer mehr, sondern nur noch Übersetzer auszubilden – eine Aufgabe, die er bis Dezember 2014 wahrnahm. «Heutzutage bilden ja nur noch das LBI und die UMCE Deutschlehrer aus.
1974 wurde Hans Grof Leiter der Deutsch-Abteilung am Erziehungsministerium. An dieser Stelle sorgte er mit dafür, dass das Fach Deutsch nicht aus den chilenischen Lehrplänen verschwand. Danach, 1976, erhielt er ein Stipendium und absolvierte 1978 ein Magisterstudium an der Universität Heidelberg. Er war damals einer der ersten, der die Methode «Deutsch als Fremdsprache» studierte. «Die meisten haben Deutsch als Muttersprache unterrichtet. Meine Arbeit am Goethe-Institut hat dazu geführt, dass ich einen Magister als Fremdsprachenphilologe machen konnte», berichtet Grof.
Mit diesem Plus kehrte er ans Goethe-Institut in Santiago zurück und nahm auch seine Stellen an beiden Universitäten wieder auf. 1982 wechselte er an die Diplomatenakademie des chilenischen Auswärtigen Amts, wo er bis 2002 als Deutsch- und Englischlehrer und als Übersetzer gearbeitet hat. »Viele, die heute als Diplomaten arbeiten, waren mal meine Kursteilnehmer«, sagt Grof.
Die vielen beruflichen Stationen von Hans Grof sind schwer alle wiederzugeben. Daher nur noch so viel stichwortartig: Von 2000 bis 2004 war er Präsident des chilenischen Übersetzerverbandes, 2005 entwickelte er die Lehrpläne, als das Instituto Profesional Chileno-Británico in eine Universität umgewandelt wurde; 2010 wurde ihm der Preis als Übersetzer des Jahres übergeben, und als weitere Meilensteine sind Kurzzeiteinsätze in Syrien, Ägypten, Jordanien und in dem Libanon zu nennen, wo er Seminare über induktive Pädagogik hielt. Er gab auch Fortbildungen in Mexiko, Peru, Argentinien und Kuba.
Früher sei er viel gereist, heute genieße er mehr sein Haus an der See. Nach wie vor ist er leidenschaftlicher Leser, wandert, fährt Rad und liebt Kino und Theater. Seine berufliche Wahl hat er nie bereut.

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