Auf der Suche zwischen zwei Welten

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Maite Romero Spieker (28) ist Expertin für Interkulturelle Kommunikation und gibt Trainings, die helfen sollen, eine fremde Kultur besser zu verstehen. Dieses relativ neue Wissensgebiet hat sie in Jena studiert. Sie selbst hat die Multikulturalität sozusagen in die Wiege gelegt bekommen: ihr Vater ist Chilene, ihre Mutter Deutsche. In Hamburg aufgewachsen, hat es sie immer wieder nach Chile gezogen.

Von Petra Wilken

Als Maite Romero Kind war, bildete Chile für sie ein magischer Ort. In ihrer Fantasie malte sie sich die Geschichten weiter aus, die ihr Vater und ihre Onkel über dieses ferne Land erzählten, in dem es so lustig und unbeschwert zuging. Ein Land, in dem es keine starren Regeln zu geben schien und wo unglaubliche Dinge passierten.
Sie wurde 1986 in Hamburg geboren und wuchs in Iserbrook auf, einem familienfreundlichen, gepflegten Elbvorort der Hansestadt, gleich neben Blankenese, «aber nicht so reich und vornehm», erklärt sie. Sie und ihr eineinhalb Jahre älterer Bruder wuchsen zweisprachig auf.
Als sie fünf war, reiste sie zum ersten Mal mit ihrer Familie in dieses Land, aus dem der Vater stammte. Sie waren in seiner Heimatregion, in der Gegend von Valdivia, auf dem Land. Bis heute kann sie sich an den Geruch von «Hierba Buena» erinnern. Und sie erinnert von dieser Reise, dass sie und ihr Bruder hinten im Auto keinen Gurt anlegen mussten. «Das war cool», sagt sie. «Doch das Chile, das wir damals kennengelernt haben, gibt es gar nicht mehr».
Ihr Vater war als Sohn einer deutschen Einwanderin und eines Chilenen geboren worden. Die Großmutter von Maite Romero war Jüdin und musste in den Dreißiger Jahren Deutschland verlassen. Sie kam als junge Frau mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Chile, wo sie sich verliebte. Ihre Eltern waren gegen die Heirat mit einem Chilenen, doch Maites Großmutter setzte sich durch. «Mein Opa und sie arbeiteten als Professoren an der Universität in Valdivia.» Wegen der unsicheren Zustände im letzten Jahr der Regierung von Salvador Allende seien sie nach Deutschland gegangen.
Mit sechs Kindern kamen sie in Bremen an. Sie hatten Glück. Ihr Großvater wurde Physiklehrer in einem Gymnasium, ihre Großmutter lehrte Mathematik in einem anderen Gymnasium. Alle sind in Europa geblieben, niemand ist nach Chile zurückgegangen.
Immer wieder gekommen hingegen ist Maite. Mit 13 Jahren kam sie mit ihrem Vater, ihrem Bruder und einer Cousine für drei Monate nach Valdivia, wo sie auf die Deutsche Schule ging. Als sie 17 war, kam sie zum ersten Mal alleine, diesmal um so richtig in die chilenische Gesellschaft einzutauchen. Sie ging nach Coquimbo, wo sie Familie von Seiten ihres chilenischen Großvaters hatte. Hier ging sie nicht auf eine deutsche Schule, sondern auf ein «colegio público subvencionado», wo sie die einzige Ausländerin war. «Das war eine super Erfahrung, sehr positiv».
Dann sei sie sehr lange nicht mehr in Chile gewesen, sondern machte ein Bachelor-Studium an der Fachhochschule Hamburg in Außenwirtschaft und Internationalem Management und ging im fünften Semester nach Indien. Dort stellte sie fest, dass ihr Berufsfeld, das damals noch in den Kinderschuhen steckte, sich inzwischen aber in Deutschland rasant entwickelt hat.
Interkulturelle Kommunikation bekommt in Zeiten der globalen Arbeitsteilung und zunehmender Mobilität immer mehr Bedeutung. So gibt es sie inzwischen als interdisziplinäres Lehrfach an Universitäten, als Masterstudiengang und als Training zur Vorbereitung auf einen Auslandseinsatz oder für die Verbesserung der Zusammenarbeit von multikulturellen Teammitgliedern in einem Unternehmen oder einer Institution. Dabei wird ethnographisches und kulturtheoretisches Wissen vermittelt, um dafür zu sensibilisieren, dass unterschiedliche kulturelle Prägungen zu Handlungsweisen führen, die oftmals Missverständnisse verursachen. Daran können geschäftliche Verhandlungen scheitern und oder auch im privaten Zusammenleben Konflikte entstehen.
Um interkulturelle Kompetenz für den Umgang mit anderen zu erlangen, ist als erster Schritt notwendig, die eigene kulturelle Prägung zu verstehen. Die eigene «Kulturbrille», wie es Maite Romero nennt. Nach der Rückkehr aus Indien erlebte sie bei einem Praktikum bei der Firma ICUnet.AG in Passau, wozu diese Trainings gut sein können. «Sie haben Spezialisten für Indien, für China, für Deutschland», schwärmt sie, «machen Kurse für Expats.» (Expatriate=Fachkraft an einer ausländischen Zweigstelle) Oder Trainings zur «Repatriation» – auf Deutsch die Wiedereingliederung in die eigenen Gesellschaft. Auch dafür kann man sich mit Kursen vorbereiten, denn der Eigenkulturschock nach jahrelangem Leben in einem anderen Land kann unerwartet stark sein.
Als sie sich für den Masterstudiengang Interkulturelle Personalentwicklung in Jena einschrieb, ging ihr Blick bereits wieder nach Chile. Im dritten Semester kam sie an die Universidad Católica in Valparaíso. Sie nahm sich Zeit. «Ich wollte meine chilenische Seite verstehen».
Ihre Masterarbeit begann sie während eines Praktikums bei der Firma Contact Chile. Sie basierte auf einer Erhebung von Praktika von Deutschen bei chilenischen Firmen. Ihr Fazit: Die Praktikanten kommen mit der Idee, hier ist alles locker. Dann stellen sie fest, dass es doch nicht ganz so ist. Doch sie kam auch zu dem Ergebnis, dass man nicht von vornhinein davon ausgehen muss, dass es immer Konflikte gibt, wenn Deutsche und Chilenen zusammenarbeiten.
Sie blieb insgesamt zwei Jahre in Chile und ging dann für vier Monate nach Deutschland, um ihre akademische Arbeit zu Ende zu bringen. Der kurze Zeitraum von vier Monaten war mit Manuel, ihrem chilenischen Partner, abgesprochen, denn inzwischen hatte sie es ihrer Großmutter nachgemacht und sich in einen Chilenen verliebt.
Als sie in Deutschland zurück war, passierte das Unerwartete: «Ich habe gesehen, dass vieles doch nicht so negativ ist. Vorher habe ich Chile verherrlicht, aber jetzt stellte ich fest, meine Heimat ist Deutschland, beziehungsweise Hamburg. Ich wusste das eigentlich schon vorher, aber es war mir nicht klar, was es bedeutet».
Sie hielt ihr Versprechen, kam im Mai 2014 nach Chile zurück und nahm eine Stelle bei Chile Inside in Santiago an, einer Agentur für Auslandsaufenthalte, die 2003 von einer Deutschen gegründet worden war. Chile Inside organisiert unter anderem Freiwilligenarbeit, Au-pair, «Working Holidays» und «Farm Stays», Praktika und Unterkünfte für junge Menschen aus aller Welt. Die Arbeit liegt ihr sehr, zudem hat sie angefangen, sich selbst als Trainerin für interkulturelle Kommunikation auszuprobieren.
Obwohl beruflich und privat alles bestens läuft, fehlt ihr etwas. Oder besser: Es ist ihr etwas verlorengegangen – die kindliche Magie, mit der sie Chile gesehen hat. Das rüde Großstadtleben in Santiago hat seinen Teil dazu beigetragen. «Hier musst du sehr aufpassen, dass dir niemand deinen Platz wegnimmt. Und das in jedem Sinn und überall, in der Metro, auf dem Parkplatz, in der Schlange im Supermarkt.» Santiago sei nicht Chile, räumt sie ein. Hier vermisse sie oftmals das immer wieder beschworene Attribut «amoroso» oder «cariñoso» der Chilenen.
Der Nachname ihrer Mutter, Spieker, scheint sie nach Hamburg zurückzuziehen. Wenn sie geht, wird es zusammen mit Manuel sein. Da steht sie wieder in der Tradition der Großeltern: Auch ihr Partner hat einen Beruf, der in Deutschland gerade händeringend gesucht wird, er ist Elektroingenieur. Heute gibt es natürlich keine Bedenken mehr gegen eine Partnerschaft mit einem Chilenen in ihrer Familie.

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