Auf den Spuren der eigenen Wurzeln

Francisca Kirsten Rettich-Böttcher lautet der vollständige Name der 26-jährigen Studentin. Lange blonde Haare und blaue Augen: Rein äußerlich wirkt die junge Frau wie eine Deutsche.

«Niemand aus meiner Familie kann richtig deutsch sprechen», erklärt sie, «auch ich kann nur wenige Wörter.» Ihre Familie ist chilenisch, und so fühlt sie sich selbst auch. In diesem Land ist sie geboren und groß geworden. Es ist ihre Heimat. Und doch haben alle in der Familie Rettich blonde oder braune Haare und blaue Augen. Vor über 80 Jahren sind Franciscas Urgroßeltern von Deutschland nach Chile ausgewandert.

«In den 30er Jahren war es für meine Familie gefährlich in Deutschland zu leben», erzählt Francisca, «in Chile konnten sie Unterschlupf finden.» Über 80 Jahre ist es her, dass die Familie Rettich mit einem Boot in der Nähe von Osorno ankam und dort Fuß fasste. Hier konnten sie ein Stück Land bekommen, circa 1.000 Hektar besaß die Familie. Seitdem sind sie geblieben. «Als 1970 Salvador Allende an die Macht kam, wurde ein Teil unseres Landes enteignet», erzählt Francisca, «danach blieben meiner Familie nur noch 400 Hektar.»

 

Zum Studium in die Hauptstadt

Osorno ist für Francisca ihre Heimatstadt. Hier sind sie und ihre vier Schwestern geboren und aufgewachsen. Erst zum Studium ist die 26-Jährige nach Santiago gezogen. Im Moment ist sie im letzten Semester an der Universidad de Desarollo. Ende des Jahres ist Francisca ausgebildete Krankenschwester.

Ihr neues zu Hause, Santiago, mag sie gern: «Ich liebe es, wie weltoffen diese Stadt ist», sagt Francisca, «hier ist einfach immer etwas los.» Ihre Heimat Osorno vermisst sie aber dennoch. «Manchmal hab ich die Hektik und den Straßenverkehr hier einfach satt und ich sehne mich nach der Natur im Süden.»

Deshalb freut sie sich immer, wenn sie die Möglichkeit hat, zu ihrer Familie in den Süden zu fahren. Das restliche Land hat ihre Familie mittlerweile verkauft. Ihr Vater schafft es in seinem Alter nicht mehr, sich um das Grundstück zu kümmern. Und die Kinder sind zum Studieren nach Santiago gezogen. Trotzdem trifft sich die ganze Familie ungefähr einmal im Monat zum traditionellen Asado.

Welche Sprache sie dann untereinander sprechen? Natürlich spanisch, sie sind ja Chilenen. «Wenn Freunde zu Gast sind, kann man uns aber trotzdem nicht ganz verstehen», sagt Francisca und schmunzelt, «denn manche deutschen Wörter wie „schwarz“, „weiß“, „Topflappen“ oder „Dienstmädchen“ haben wir in unsere Alltagssprache übernommen.»

Francisca selbst ging zwar auf eine deutsche Schule, wechselte aber mit elf Jahren auf eine rein chilenische. Das Deutsch, das sie bis dahin gelernt hatte, hat sie schnell wieder vergessen.

Außer der Sprache findet man noch einige weitere Überbleibsel der deutschen Kultur in Franciscas Familie – zum Beispiel in der Küche. «Struwen, Apfelmus und Kuchen stehen bei uns ganz oben auf dem Speiseplan», sagt sie. In ihrer Familie hat sich eine ganz eigene Kultur entwickelt, eine Mischung aus chilenischen und deutschen Traditionen. Und auch zur Weihnachtszeit werden deutsche Brauchtümer wach: «Wir stellen einen Adventskranz auf und für die Kinder gibt es einen Adventskalender», sagt Francisca, «die andere Kinder sind dann immer ganz neidisch». Ihr Vater sei außerdem ganz vernarrt in deutsches Bier und liebe es, seinen BMW zu fahren.

 

Reise nach Deutschland

Wenn sie neue Leute kennenlernt, wird Francisca jedes Mal nach ihrer Herkunft gefragt. Denn mit ihren blonden Haaren sticht sie in Chile heraus. Aber schlimm findet sie das nicht. «Die meisten finden die Geschichte meiner Familie interessant», sagt sie. Trotzdem fühlt sie sich durch und durch wie eine Chilenin. «Ich fühle mich in Chile einfach total wohl», sagt Francisca. «Wüste und Schnee in ein und demselben Land: Wo gibt es das sonst?». Liebend gern würde sie mehr reisen, aber als Studentin fehlt ihr noch das nötige Kleingeld.

Ein wenig gespart hat sie aber dennoch, um sich einen langen Traum zu verwirklichen. Am Ende dieses Jahres wird sie sich zum ersten Mal in das Land ihrer Vorfahren begeben: Einen Monat lang wird sie mit ihrem Freund durch Europa reisen, dabei steht natürlich Deutschland auf dem Plan. Eine Cousine ihres Vaters lebt dort seit einiger Zeit. Sie ist als einzige aus der Familie in die alte Heimat zurückgekehrt. «Die werden wir natürlich besuchen», sagt Francisca.

Bis es soweit ist, steigt bei ihr die Vorfreude und sie plant die genauen Reiseziele. «Aber ein wenig aufgeregt bin ich schon», sagt Francisca, «schließlich liegen dort meine Wurzeln.»

 

Von Katrin Ewert

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