​Arbeitsplatz Strafanstalt

Ein Deutscher in Chile, der auf einem nicht alltäglichem Gebiet forscht: Dr. Adrian Mundt befasst sich mit Strafgefangenen, «eine Randgruppe der Gesellschaft, bei der man sehr hohe Raten von psychischen Erkrankungen und eine sehr geringe Behandlungsdichte sieht». Ein weltweites Phänomen übrigens.

Auch in den entwickelten Ländern, die ansonsten über hohe Medizin-Ressourcen verfügen, könnte wesentlich mehr getan werden. «Insofern denke ich, dass das ein Bereich ist, den es sich lohnt, zu beforschen», meint Mundt. Warum wird in den Gefängnissen für psychisch labile Insassen nicht genügend getan? «Ich denke, weil es politisch unpopulär ist, in den Strafvollzug zu investieren. Die Politiker sind immer angehalten, zu sparen. Das führt dazu, dass in vielen Ländern der Strafvollzug in einem verheerenden Zustand ist.»

Es gebe häufig in der Allgemeinbevölkerung eine Vorstellung, dass die Strafgefangenen nicht ein Teil der Gesellschaft sind, sondern dass sie weggesperrt gehören. Doch viele seien sich nicht bewusst, dass es ein dynamisches System ist, dass ständig Leute hinein- und hinausgehen. «Insofern sollte die Gesellschaft auch ein großes Interesse haben, dass die Menschen dort gut behandelt werden und sozial gestärkt wieder hinauskommen, auch was die seelische Gesundheit angeht.» Denn das sei ein Beitrag zur Vermeidung von Rückfällen, also letztendlich zur Sicherheit der Gesellschaft. Mundt: «Die populäre Auffassung ist allerdings, dass nur hohe Mauern zur Sicherheit beitragen, hinter denen die Gefangenen möglichst lange drin bleiben sollten.»

Mundts Eindruck von den chilenischen Verhältnissen in den Gefängnissen ist, dass der Strafvollzug in einem besonders schlechten Zustand ist. «Vielleicht liegt es an der gesamtgesellschaftlichen Konstellation, weil die Unterschiede zwischen Arm und Reich hier größer sind, als wir das in Europa gewohnt sind». Strafvollzug betreffe in der Regel arme Schichten, «und die sind hier besonders arm. Von allen möglichen Stellen wird dann auch verlangt, dass es den Menschen im Strafvollzug nicht so gut gehen soll wie draußen. Das ist aus meiner Sicht eine Fehlwahrnehmung. Ich denke, man müsste sehr viel in den Bereich psychosoziale Rehabilitation investieren, damit die Menschen gestärkt herauskommen».

 

Die Psychiatrie als dritte Wahl

Adrian Mundt wurde in der malerischen Universitätsstadt Heidelberg geboren. Beide Eltern sind Ärzte, die Mutter ist Radiologin, arbeitete auch in der Krebsforschung und der Psychiatrie. Der Vater ist Psychiater und hatte bis zu seiner Pensionierung einen Lehrstuhl in Heidelberg.

Adrian hatte viele Interessen, sie reichten von der Filmregie bis zum Sprach- und Jurastudium. Sein Großvater war Mitbegründer des Autorentreffs «Gruppe 47», weshalb er als Kind Gelegenheit hatte, verschiedene Schriftsteller kennenzulernen.

Sein Studium absolvierte er in Berlin. Adrians Entscheidung, die Fachrichtung Psychiatrie einzuschlagen, «lag so ein bisschen im Blut, das habe ich von klein auf von zu Hause mitbekommen. Doch zunächst schlug er eine andere Richtung ein. «Ich habe eine Doktorarbeit in Chirurgie gemacht, im Bereich Lebertransplantation. Da haben wir hybride Systeme entwickelt, um mit einen extrakorporalen Apparat Patienten bei akutem Leberversagen zu unterstützen, um die Zeit zu verlängern, die sie bis zur Transplantation überbrücken müssen».

Nachdem er promoviert hatte, forschte er in Endokrinologie, der Lehre von den Hormonen. «Aber schließlich habe ich mich für Psychiatrie entschieden, da dieses Fach die Psychotherapie mit einschließt. Diese Interdisziplinarität ist so breit und so spannend, weil man über den Rand der Medizin in andere Wissenschaften ein bisschen rausgucken kann».

Mundt begann in der tierexperimentellen Forschung. Von Mäusegehirnen machte er Magnetresonanztomografien, die der Früherkennung von Alzheimerpathologien dienen sollten. Ebenso forschte er in einer Gruppe, die sich mit Tiefenhirnstimulation befasste: «Man implantiert kleine Elektroden ins Gehirn, mit denen man bestimmte Areale gezielt stimulieren und damit Verhaltensweisen modifizieren kann. Das ist klinisch relativ etabliert für die Behandlung von fortgeschrittener Parkinson-Erkrankung».

Von diesen eher biologisch orientierten Versuchen wandte er sich später vollständig dem Gebiet der Sozialpsychiatrie zu. Mundt beteiligte sich an Forschungsprojekten in verschiedenen Entwicklungs- und Schwellenländern. Aber auch in Deutschland war er auf diesem Gebiet tätig: In Berlin etwa machte er Untersuchungen in sozial benachteiligten Gruppen von Migranten.

Seit Herbst des vergangenen Jahres lebt er in Chile. Von der Europäischen Union erhielt er eine Marie-Curie-Förderung, die ihm ermöglichte, für zwei Jahre in Chile Forschung zu betreiben. Das dritte Jahr der Förderung wird er an der Queen Mary University of London verbringen. Er ist mit der chilenischen Sängerin Constanza Dörr verheiratet, hat einen Sohn von einem Jahr und zwei Monaten. Anfang November erwartet das Paar das zweite Kind.

 

Gespräche mit Gefangenen

Heute beobachtet Adrian Mundt die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und psychischer Symptomlast bei neu aufgenommennen Untersuchungsgefangenen. «Wir sind in der Phase der Datenerhebung. Oft mache ich Interviews und bin deshalb fat jeden Tag in einer der drei Untersuchungshaftanstalten Santiagos».

Dieser Aufgabe geht er mit einem Forschungsteam nach. Eine lange und komplexe Planung ging dem voraus. Mundt erinnert sich, mit der heutigen Justizministerin  Patricia Pérez, damals Staatssekretärin, das Projekt besprochen zu haben, das von ihr tatkräftig unterstützt wurde. «Sie hat dafür gesorgt, dass ich den entsprechenden Beistand von der Gendarmería bekam und sie haben das auch sehr gut umgesetzt. Es war für mich eine positive Überraschung».

Die Gespräche mit den Gefangenen sind nicht immer einfach zu führen. «Besonders schwierig ist es, wenn sie so bildungsfern sind, dass sie überhaupt keine Idee davon haben, was psychische Gesundheit ist, was Symptome bedeuten und zum Teil mit unseren Fragen nicht viel anfangen können. Sie haben zum Beispiel kein Konzept davon, was eine Depression ist, weil sie nicht gewohnt sind, ihre Gefühle zu artikulieren».

Adrian Mundt ist unter den Gefangenen eine hohe Rate an Suchterkrankungen aufgefallen. Die Kokain- und «Pasta base»-Abhängigkeit sei aufgrund ihrer Häufigkeit besorgniserregend. Außerdem kämen viele psychische Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen und schwere Psychosen hinzu.

Was kann getan werden? «Das Gute ist, dass die Ministerin sehr offen ist, in dem Bereich zu investieren. Sie sieht, dass Chile hier in einer gewissen Schuld ist, eine Besserung zu liefern.» Das Problem kann jedoch nicht rasch gelöst werden. «Die Verbesserungen müssen kontinuierlich vorgenommen werden. Auf lange Sicht müssen sie mit tiefer gehenden strukturellen Veränderungen verbunden sein, damit das gesamte System stärker an die psychosozialen Bedürfnisse der Insassen ausgerichtet ist, als auf eine oberflächliche Sicherheit, auf die derzeit noch der Hauptfokus gelegt wird».

 

Von Walter Krumbach

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