Der Mann für die richtige Haltung

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Flexibel und für alle Anstrengungen gut gewappnet – so sollte eine gesunde Wirbelsäule sein, meint Andreas Sutter. Und so ist auch der schweizerische Physiotherapeut selbst, der vor 20 Jahren nach Chile kam und hier dafür sorgt, dass die Menschen mit einem geraden Rückgrat durchs Leben gehen.

Von Arne Dettmann

Wenn alle Menschen das täten, was Andreas Sutter ihnen rät, dann wäre der Physiotherapeut wahrscheinlich arbeitslos. Denn gemäßigt Sport treiben und auf die richtige Sitz- und Arbeitshaltung achten würden schon genügen, um Rückenleiden vorzubeugen. – Eigentlich. Doch in seinen mehr als 36 Berufsjahren hat der Schweizer eine ganz andere Erfahrung gemacht. Das Volksleiden Rückenschmerzen hat eher zugenommen und treibt Patienten massenweise zu Physiotherapeuten wie ihn und zu unzähligen anderen Therapien, um überstrapazierte Muskeln, Knochen und Bänder sowie Sehnen wieder zu heilen.

«Schuld ist unser modernes Leben», erklärt Andreas Sutter und blickt dabei auf seine Kindheit zurück. Während der 1957 in Liestal bei Basel geborene Schweizer in den Feldern, Bergen, an Flüssen und Seen spielte, würden heutzutage Kinder und Jugendliche mehr Zeit vor dem Computer und dem Fernseher verbringen. Viele Erwachsene wiederum sitzen praktisch ihr ganzes Berufsleben im Büro vor dem Bildschirm und bewegen sich immer weniger. Das hat Folgen. Bewegungsmangel und eine schlechte Körperhaltung äußern sich in Schmerzen. «Das ist der erste Wegweiser, der dem Körper sagt: Halt! Mach bitte so nicht weiter.» Und wer den ersehnten Wechsel nicht von alleine hinbekommt, dem hilft Andreas Sutter.

Der Schweizer habe bis zu seinem 16. Lebensjahr zunächst Primarlehrer werden wollen. Doch nach dem Besuch eines Freundes, der damals im Krankenhaus lag, ändert sich dieser Wunsch schlagartig. Physiotherapie – im Volksmund auch Krankengymnastik genannt – war nun sein Ziel. Nach dem obligatorischen Militärdienst studierte er von 1977 bis 1981 in Basel das Fach und begann im Anschluss im Schweizerischen Paraplegiker Zentrum von Basel Menschen mit Querschnittslähmung zu behandeln.

Dort lernte er einen 14-jährigen Schweizer-Chilenen der Schweizer Schule in Santiago kennen, der nach einem Badeunfall in Maitencillo querschnittsgelähmt im Rollstuhl saß und ein Jahr lang im Zentrum weilte. Später besuchte Andreas Sutter mehrmals den Jungen und seine Familie in Chile. Und als die Mutter mit der jüngeren Schwester nach ein paar Jahren definitiv in die Schweiz zogen, verguckte sich der junge Physiotherapeut in die attraktive Mutter. Das Paar ist mittlerweile seit 30 Jahren zusammen.

Andreas Sutter arbeitete nach seiner Zeit im Klinikzentrum fünf Jahre lang als Angestellter in einer privaten Sportpraxis. Halbtags war er zudem als Physiotherapeut beim Fußballverein FC Basel tätig. «Sport und Spitzensport haben mich damals wahnsinnig interessiert.» So erlebte er auch den Tennisstar Roger Federer aus nächster Nähe in der Praxis und auch auf dem nahe gelegenen Tennisplatz.

Andreas Sutter machte sich schließlich selbstständig und hätten sicherlich seine berufliche Karriere in der Schweiz fortgeführt. Doch er entschied sich anders und folgte seiner neuen Familie im Jahr 1997 nach Chile.

Mit 40 die Zelte in der Schweiz abzubrechen und sich in Chile eine neue Existenz aufzubauen sei eine große Herausforderung gewesen. Doch Andreas Sutter lernte schnell Spanisch, bezeichnet sich selbst als gut anpassungsfähig und ist zudem Optimist. «Ich bin ein positiv denkender Mensch. Bei mir ist das Glas halbvoll, nicht halbleer.»

Und er wusste, was er suchte. «Ich hatte damals in der Schweiz viel Arbeit und musste nach den Vorgaben der Krankenkassen die Patienten im 30-Minuten-Takt abfertigen. Das wollte ich nicht mehr mitmachen.» Und so fing er – entgegen allen Ratschlägen – nicht in einer Klinik an zu arbeiten, sondern widmete sich auf eigene Rechnung den Patienten bei Hausbesuchen jeweils eine Stunde lang. «Eine gute Rehabilitation braucht ihre Zeit. Das ist bei Kindern und bei älteren Menschen so.»

Die Zeiten, in denen er fast ausschließlich Spitzensportler behandelte, sind glücklicherweise vorbei, so Andreas Sutter. «Ich möchte dem normalen Durchschnittsbürger helfen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich eine nachhaltige Verbesserung beim Patienten erreichen kann. Ein Mensch, dessen schlechte Körperhaltung in der Kindheit korrigiert wurde, und der mir 15 Jahre später sagt, wie dankbar er mir ist, verschafft mir eine schöne Zufriedenheit.»

Die Physiotherapie selbst habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Sei es früher nur darum gegangen, dem Patienten körperliche Übungen regelrecht zu verabreichen, stehe heute eine viel größere Palette zur Auswahl. Zum Beispiel nutzt Andreas Sutter das Thera-Band, das hier in Chile noch relativ unbekannt sei, was sich allerdings in Europa und den USA längst als vielseitiges Übungsband zur Steigerung von Kraft, Mobilität und Flexibilität sowie Koordination bewährt habe. Auch die Verwendung der großen Gymnastikbälle gehöre zum modernen Repertoire selbstverständlich dazu. Außerdem absolviere er derzeitig eine Fortbildung zur Anwendung der biodynamischen Craneo-Sacral-Therapie, eine Behandlungsform, bei der der Therapeut die Gezeiten der cerebrospinalen Flüssigkeit erspürt. Ziel und Zweck ist, dass der Patient ruhiger und ausgeglichener wird. «Denn jeder menschliche Körper hat alle Werkzeuge, um sich selbst zu heilen», erklärt Andreas Sutter.

«Heute betrachtet man in der Physiotherapie den Menschen als ganzheitliches System. Eine Pille gegen den Schmerz zu schlucken bekämpft nur die Symptome, nicht aber die Ursachen. Daher suche ich auch immer das Gespräch mit meinen Patienten, um zu erfahren, wie jemand arbeitet und was er in seiner Freizeit macht. Und so mancher Patient hat mir dann erstaunt gesagt: Sie sind ja nicht nur Krankengymnast.»

Und in der Tat gestaltet sich das Leben von Andreas Sutter vielseitig. Jeden Mittwoch trifft sich der 58-Jährige mit Freunden im Schweizer Klub zum Kartenspiel Jass. «Ich genieße es Schwyzerdütsch zu sprechen und im neu eröffneten Klub-Restaurant Zürchergeschnetzeltes mit Rösti, Fondue und Raclette und Rüerblitorte zu essen.» Er ist nicht nur Direktoriumsmitglied im Club Suizo. Die zwei Söhne seiner Tochter gehen zudem auf die Schweizer Schule.

In der näheren Zukunft will Andreas Sutter aber auch, ein etwas eingeschlafenes Hobby wieder zum Leben erwecken. Klarinette spielte er schon in seiner Kindheit, später kam noch das Saxophon hinzu. Sein Traum: Erneut Stunden bei einem Musiklehrer zu nehmen, um die Instrumente auch in Zukunft noch spielen zu können.

An den Wochenenden fährt der Schweizer mit seiner Frau Eliana zudem gerne nach Maitencillo, wo die Familie ein Häuschen hat. «Auch bei Wind und Wetter sind wir dort. Ich genieße es, am Kaminfeuer zu sitzen, am Strand spazieren zu gehen und mit meiner Familie zusammen zu sein. Dazu Fisch, Meeresfrüchte und ein gutes Glas Wein.» In Santiago arbeitet er mit Vorliebe im Garten, in dem Fruchtbäume wachsen und zudem Hunde und Katzen seine Aufmerksamkeit fordern.

Den Sport hat der Physiotherapeut übrigens – es mag zunächst paradox klingen – etwas zurückgefahren. Ein Riss der Achillessehne und ein Tennisarm trugen zu dieser Entscheidung bei. Dennoch: Wer Andreas Sutter einmal in einer Therapiestunde erleben durfte, wird feststellen, dass der Mann unheimlich gelenkig ist und seinen Muskelaufbau fit hält.

«Aktiv zu sein bis ins hohe Alter wirkt sich nicht nur positiv auf unseren Körper, sondern auch auf unseren Geist aus. Das Thema Prävention hat mich daher schon immer fasziniert. Und ich bin davon überzeugt: Unser Körper besitzt alle Werkzeuge, sich selbst zu helfen. Der Patient muss sich allerdings die Zeit nehmen und seinen eigenen Beitrag leisten. An den Arzt mit der Erwartungshaltung ranzugehen „Ich bezahle, du machst mich gesund“ wäre verkehrt.»

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