Englisch ein Muss, Deutsch ein Plus

Andrea Brandt von der Deutschen Schule Santiago

DS Santiago Andrea Brandt
Andrea Brandt ist Abteilungsleiterin der Deutschen Schule Las Condes. Als sie klein war, spielte sich mit den Nachbarskindern spielte am liebsten «Schule».

 

Seit einem Jahr ist Andrea Brandt Abteilungsleiterin der Deutschen Schule Las Condes. 800 Schüler von der siebten Klasse bis zum IV Medio besuchen hier täglich den Unterricht.

Von Walter Krumbach

Ihr Aufgabenbereich ist denkbar groß – von organisatorischen Angelegenheiten, die die Abteilung betreffen, bis zu Schülerproblemen und Gesprächen mit Eltern reichen ihre Verantwortungen. Damit nicht genug, betreut sie noch zusätzlich einige Unterrichtsstunden.

Seit 30 Jahren ist sie bereits als Lehrerin an der DS Santiago tätig. Dazu kommen ihre 13 Jahre als Schülerin, was insgesamt ein wohl einmaliger Verbindungsrekord darstellt.

Wenn man so viele, zum Teil komplexe Aufgaben erfüllen muss, dann stellt sich die Frage, wo man Prioritäten setzt. Andrea Brandt bringt es ohne zu zögern auf den Punkt: «Das Wichtigste ist das Wohlbefinden der Schüler, dass wir jedem die Möglichkeit geben, sich selber und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entdecken und diese auch entsprechend zu fördern». Das meint sie «nicht auf eine Schiene gezielt, sondern auf die ganze Palette von Angeboten, die es auf der Welt gibt».

Überhaupt ist der Dialog mit den Schülern ein besonders fester Bestandteil ihrer Arbeit. Oft sagt sie zu ihnen: «Versuche, dein Ziel zu entdecken, und tu das, was dich glücklich macht, denn egal auf welcher Schiene du fährst – wenn du frustriert bist, wenn du Magenschmerzen hast, wenn du aufstehst, weil du nicht zur Arbeit gehen willst, dann stimmt etwas nicht». Daher: «Finde heraus, welches deine Ziele sind, und finde den Weg, um sie zu erreichen».

Besonders wichtig dabei ist, «dass wir als Lehrer den Schülern bei dieser Suche zur Seite stehen und ihnen die Steine aus dem Weg zu räumen helfen». Diese sind oft mit Ängsten verbunden, so zum Beispiel bereitet die Vorstellung der Zukunft vielen Jugendlichen Sorgen. Auch ist Vorsicht geboten, wie man die Vorstellungen der Schüler den Eltern mitteilt, «häufig entsprechen sie nämlich nicht ihren Vermutungen. Alles, was ich tun kann, um sie auf dieser Suche zu unterstützen, wird unternommen».

 

800 Leute wollen betreut sein

Andrea Brandt führt eine Politik der offenen Tür, die Schüler besuchen sie, sooft sie etwas auf dem Herzen haben. Bekanntlich entstehen im Jugendlichen-Alter Konflikte im Elternhaus, weshalb es hilfreich ist, wenn sie in der Schule einen Ansprechpartner haben, «der ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie zu einem Erwachsenen gehen können, der sie in dieser vorübergehenden Phase unterstützt».

Bei 800 Schülern, die betreut sein wollen, stellt sich die Frage, wie schafft man es, jedem einzeln und persönlich beizustehen. «Ich bin ja den ganzen Tag hier, ich komme meistens schon um halb sieben Uhr an», sagt sie dazu, als sei dies selbstverständlich. In der Frühe beantwortet sie die eingegangenen E-Mails, anschließend begrüßt sie die Kollegen im Lehrerzimmer und danach kommt sie mit den eintreffenden Schülern ins Gespräch. Auch mit den Angehörigen der Schülermitverwaltung trifft sie sich regelmäßig («mindestens einmal im Monat»), um sich ihre Anliegen anzuhören und sie im Gespräch bei ihrer Zielsetzung zu orientieren.

Andrea Brandt wurde in Santiago geboren. Ihre Eltern kamen blutjung nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile. Erst nach ihrer Ankunft in Santiago, in Arthur Junges Singkreis, lernten sie sich kennen. Aus der Ehe kamen drei Kinder hervor. Andreas Veranlagung zur Pädagogik wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Schon als kleines Mädchen hatte sie eine Vorliebe für das Schulleben: «Ich war die Beauftragte des Klassenbuchs, musste die Kreide holen und hatte so Gelegenheit, mich mit den Lehrern und den Sekretärinnen zu unterhalten».

Wenn sie nicht gerade am Unterricht teilnahm, war sie ständig unterwegs, um Aufträge zu erledigen. Das bot ihr eine ideale Gelegenheit, um mit ihren Mitschülern und den Erwachsenen Kontakt aufzunehmen und Gespräche zu führen. «Ich hatte Spaß an der Schule und es sind gute Erinnerungen an jene Zeit geblieben», versichert sie, «ich hatte tolle Lehrer, wir machten wunderbare Ausflüge, haben gezeltet, aber nicht wie heute, wo du alles an der Hand hast, sondern in der freien Natur, wo man mit dem Wasser aus dem Fluss kochen musste».

 

Berufsentscheidung mit vier Jahren

Die guten Lehrer haben sie für ihren späteren Beruf begeistert. Die Entscheidung hatte sie bereits vorher getroffen: «Ich war vier, als ich wusste, dass ich Lehrerin werden würde». In jener Zeit spielte sie mit Vorliebe mit einer Gruppe Nachbarskindern «Schule».

Als sie heranreifte, stellte sie dazu fest, dass ihr die Vermittlung der deutschen Sprache am Herzen lag. «Englisch ist ein Muss, Deutsch ist ein Plus», fasst sie es zusammen, «ich sage den Schülern sooft ich kann, ihr seid privilegiert, an dieser Schule zu sein, und dass ihr diese Sprache und die mit ihr verbundene Kultur vermittelt bekommt. Das öffnet euch so viele Türen!»

Sie veranschaulicht es mit einem Beispiel: Auf dem Schreibtisch eines Managers liegen die Lebensläufe von zwei Bewerbern. Beide enthalten in etwa gleichwertige Beschreibungen. Nur ein stichhaltiger Unterschied ist zu verzeichnen: der eine Anwärter beherrscht zwei, der andere drei Sprachen. Sogleich weiß der Mann, für wen er sich entscheiden muss.

«So überzeuge ich auch meine Schüler, sich für das Sprachdiplom gut vorzubereiten. Außerdem versucht man ja auch, ein aktualisiertes Deutschlandbild zu vermitteln – wir arbeiten mit Statistiken und Zeitungsberichten aus Deutschland, sodass sie wirklich ein modernes Bild erhalten, also nicht nur Volkstänze und Bierkultur vorgesetzt bekommen».

Stolz erzählt sie, dass in diesem Jahr alle Schüler, die das Sprachdiplom ablegten, es geschafft haben. «Es ist eine Supergruppe, die sehr engagiert und interessiert war. Das macht auch viel aus!»

An ihre erste Unterrichtsstunde als junge Praktikantin erinnert sie sich noch gut. Es war eine 7. Klasse an der Abteilung Vitacura: «Es war eine tolle Gruppe. Beim ersten Zusammentreffen war es sehr aufregend, ich war verunsichert, während der ersten zehn Minuten hat mir ein paarmal die Stimme versagt».

Zwei Tage nach ihrem bestandenen Staatsexamen bekam sie ein Stellenangebot der UMCE. Vier Jahre sollte sie an dieser pädagogischen Hochschule tätig sein. Nach dem zweiten Jahr bewarb sie sich erfolgreich an der Deutschen Schule. Beide Aufgaben parallel zu erfüllen wurde ihr jedoch nach einiger Zeit zu mühsam, weshalb sie die UMCE aufgab und sich vollends der Deutschen Schule widmete, an der sie nun seit 30 Jahren arbeitet.

Gegenwärtig ist sie im ersten Jahr als Abteilungsleiterin, womit Andrea Brandt die höchste Sprosse auf der Leiter ihrer beruflichen Laufbahn erreicht hat. Der verantwortungsvolle Posten ist beileibe nicht die einzige Aufgabe, die sie sich gestellt hat. Nach der intensiven Arbeit in der Schule von Montag bis Freitag ist sie am Wochenende im Volleinsatz als Ehefrau, Mutter, Tochter und Oma. «Wir kommen jedes Wochenende zusammen», sagt sie stolz, und es hört sich nicht an, als ob damit eine Pflicht erfüllt werden müsste. Eher schimmert ein gewisser Gemütston durch, an dem man feststellt, dass diese Zusammenkünfte ersehnt werden und dass sie dankbar ist, an ihnen teilzunehmen.

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