43 Jahre Radio: «Pipiripao, pipiripao!»

Nach 43 Jahren hat Walter Krumbach seine Tätigkeit als Radiomoderator beendet. Im Gespräch mit seinem Cóndor-Redaktionskollegen Arne Dettmann berichtet er über seine Arbeit beim Rundfunk, über einmalige Höhepunkte und peinliche Versprecher.

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Cóndor: Walter, wie war dein letzter Arbeitstag?

Walter Krumbach: Ich bin froh, dass ich nach 43 Jahren nun in den Ruhestand treten darf. Allerdings blicke ich auch gerne auf die tolle Zeit zurück. Beim Radio arbeiten zu dürfen bedeutete für mich stets den allergrößten Spaß. Man lernt viele interessante Menschen kennen. Zudem war mein Spezialbereich die klassische Musik, die ich sehr liebe.

Bei welchen Radiostationen hast du gearbeitet?

Angefangen habe ich 1973 beim Programm des Instituto de Extensión Musical, abgekürzt IEM, der Universidad de Chile. Dieses brachte ausschließlich klassische Musik, später auch Opern- und Vokalmusik. Von 1981 bis 2001 war ich dann im Hauptprogramm beim Radio der Universidad de Chile tätig, dort als Produzent und Ansager. Und seit 2001 schließlich beim Radio der Universidad de Santiago de Chile. Daneben habe ich allerdings für etliche andere Sender gearbeitet.

Wie wird man Radiomoderator?

Du musst einen Riesenspaß dabei haben und fasziniert davon sein. Warum das bei mir der Fall gewesen ist, weiß ich nicht. Einen eigenen Studiengang gab es damals nicht. Ich studierte also an der Universidad Católica Fernsehregie und machte nebenbei einen Kursus zur Sprecherausbildung, bei der man lernt, Interviews zu führen und Ansagen zu machen. Anschließend ging ich zum IEM. Ich hatte Glück, sie brauchten gerade jemanden, um ein Programm über das Jubiläum von Felix Mendelssohn zu produzieren.

Wie kamst du zur klassischen Musik?

Als ich fünf Jahre alt war – das war Mitte der 50er Jahre – brachte der Weihnachtsmann einen Plattenspieler. Ich war begeistert, meine Mutter zeigte mir, wie man Platten auflegt. So hörte ich Beethoven, und daraus wurde eine Vorliebe für klassische Musik. Später kaufte ich dann selbst Schallplatten und las Bücher über Komponisten. Ich fand das wahnsinnig interessant.

Was ist für dich das Schönste, was das Schwierigste beim Radio?

Eine Sendung über ein Thema zu produzieren, bei dem du dich gut auskennst, ist ein Genuss. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dir gelingt, ist hoch, denn du wirkst überzeugend. Eine große Herausforderung stellt dagegen das Interview mit Künstlern dar. Du musst dich auf die Persönlichkeit vorbereiten und dessen Lebenslauf lesen, um dann die «richtigen» Fragen zu stellen und herauszuholen, was in dem Menschen steckt. Noch schwerer ist wohl die Moderation von Sportsendungen, die ich allerdings nie gemacht habe.

Du warst auch einmal für die deutsche Botschaft tätig.

Ja, zwölf Jahre lang habe ich dort im audiovisuellen Dienst gearbeitet. Die Botschaft verfügte über einen Filmverleih im 16-Millimeter-Format, den später das Goethe-Institut übernahm. Und es gab ein Radiostudio, in dem wir die Sendung «Mensaje de Alemania» produzierten, die dann an Radiostationen von Arica bis Puerto Williams ausgehändigt wurde. Dabei ging es um Neuigkeiten aus Deutschland, zwischendurch untermalt mit Schlagermusik. Für die Sendung «Conciertos del Instituto Goethe» schnitten wir Live-Konzerte mit, denn wir hatten damals gute Aufnahmegeräte. Diese von uns erstellten Rundfunkprogramme waren für die chilenischen Stationen kostenlos und wurden als deutsche Öffentlichkeitsarbeit im Ausland von der Bundesrepublik finanziert. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung kam es jedoch zu Sparmaßnahmen. Das war dann das Aus für diese Sendungen und für den audiovisuellen Dienst.

Wie hat sich Radio bis heute entwickelt?

Sehr zu seinem Nachteil. Als ich anfing, mussten Moderatoren eine gute Stimme mit einem halbwegs guten Klang aufweisen. Sie sollten die Grammatik beherrschen und in der Lage sein, einwandfrei die Worte zu artikulieren. Es war unmöglich, Kraftausdrücke von sich zu geben, denn das hätte die Entlassung bedeutet. Heute erleben wir quasi das Gegenteil: Bei vielen Radiosendern ist die Stimme nebensächlich geworden, Schimpfwörter werden im Allgemeinen großzügig verwendet und sogar als reizvoll empfunden. Zudem hat eine inhaltliche Verflachung stattgefunden. In Santiago unterscheiden sich die Programme kaum noch voneinander. Das Niveau ist fast überall abgesunken.

Was ist deine schönste Erinnerung? Und gab es auch schlimme Versprecher?

Mein Highlight erlebte ich nicht im Radio, sondern im Fernsehen, das bis Anfang der 80er Jahre noch kulturell einiges zu bieten hatte, bis es dann verflachte, weshalb ich mich schließlich ganz vom TV verabschiedete. Ich erinnere mich an eine Konzertsaison des Orquesta Sinfónica de Chile, die in der Aula Magna der Militärschule gegeben wurde. Ich durfte damals live für den Canal 11 berichten. Das bedeutete zum einen eine große Herausforderung, denn man muss schnell zu Ende sprechen, wenn plötzlich der Dirigent hereinkommt. Zum anderen war es aber auch sagenhaft, dieses Ereignis miterlebt zu haben.

Ungemein anregend empfand ich auch die Interviews mit Marcia Haydée, eine Tänzerin von Weltniveau in Stuttgart, die später die Ballett-Compagnie von Santiago de Chile leitete. Eine hinreißende Person! Das gilt auch für den Pianisten Alfredo Perl, der eine außerordentliche Karriere hinter sich hat und jetzt sogar dirigiert.

Zum Thema peinliche Versprecher: Vor fünf bis sechs Jahren moderierte ich beim Radio der Usach die Sendung «Joyas del Barroco», wobei die Ansage vorher aufgenommen wurde. Der Tontechniker bemerkte plötzlich eine Viertelstunde vorher, dass die Ansage fehlte. Also musste ich schnell ans Mikrophon. Und bei der Stimmprobe machte ich etwas, was man nie, nie tun darf. Ich sagte: «Pipiripao, pipiripao!» – «Ok», meinte der Tontechniker und ich sprach daraufhin meine Ansage. Die Aufnahme wurde schließlich dem anderen Techniker weitergegeben, der nicht mehr Zeit hatte, die Ansage zu begutachten. Und Punkt 11 Uhr erklang somit im Radio die Erkennungsmelodie und ich hörte im Anschluss meine Wenigkeit ganz deutlich sagen: «Pipiripao, pipiripao!»

Wirst du dem Radio ganz den Rücken kehren?

Nein. Ab Anfang April produziere ich wieder zusammen mit Rosa Miranda die Sendung «Alemania en vivo» bei der Universidad de Chile. Und natürlich bin ich auch für jedes Radio-Projekt offen, was da kommen mag.

Lieber Walter, ich bedanke mich für das Gespräch.

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