«100 Jahre alt – wer hätte das gedacht?»

Generationen von Schülern erinnern sich an Berti Johner. Die Lehrerin unterrichtete rund 40 Jahre lang an der Schweizer Schule Santiago. Es gibt sogar einen Spielplatz mit ihrem Namen auf dem Schulgelände. Am 21. Juli ist die Schweizerin 100 Jahre alt geworden. «Wer hätte das gedacht», kann sie es selbst kaum glauben.

Wie schafft man es, hundert Jahre alt zu werden? «Es ist wichtig, dass man lachen kann. Dann bleibt man zufrieden und mit beiden Beinen auf der Erde».
Wie schafft man es, hundert Jahre alt zu werden? «Es ist wichtig, dass man lachen kann. Dann bleibt man zufrieden und mit beiden Beinen auf der Erde».

Die Wohnung von Berti Johner im achten Stocks eines der zahlreichen neuen Hochhäuser in Ñuñoa hat eine fantastische Aussicht auf die Andenkordilleren. Sie erwartet mich dort zusammen mit ihrer Nichte Ruth und deren Mann Ruedi Marti in ihrem Wohnzimmer. Beide sind zum Geburtstag ihrer Tante aus der Schweiz angereist. Diesmal für einen kurzen Aufenthalt von nur zehn Tagen.
Berti Johner sitzt ganz aufrecht auf einem Sofa, gekleidet in Braun- und Beigetönen, die bestens mit ihren rötlichen Haaren und wachen braunen Augen harmonisieren. Sie freut sich über das Interview mit dem «Cóndor» und fordert mich auf, näher zu rücken, um mich besser verstehen zu können. Ein wenig Schwierigkeiten beim Hören habe sie inzwischen. Aber keineswegs so schlimm, um über ein Hörgerät nachzudenken. Und offensichtlich ist dies die einzige körperliche und geistige Beeinträchtigung der 100-Jährigen. «Das Berti ist noch guet zwäg, sagt man bei uns auf Schweizerdeutsch», erklärt sie. Es geht ihr rundum gut, heißt das auf Hochdeutsch.
In Europa wütete der Erste Weltkrieg, als Berti Johner 1915 als zweite von sechs Kindern in dem kleinen Dorf Ried bei Kerzers im Seebezirk im Kanton Freiburg geboren wurde. Ihre älteste Schwester war 1914 zur Welt gekommen. «Vom Krieg haben wir nichts mitbekommen. Wir waren ja in der Schweiz. Und noch dazu in einem Dorf auf einem schönen Bauernhof», erzählt Berti Johner. «Ried auf der Anhöhe», so hieß ihr von Landwirtschaft geprägter Heimatort damals noch, in dem die meisten Einwohner deutschsprachig waren und nur eine kleine Minderheit französischsprachig.
Bis zum 16. Lebensjahr lebte sie dort. Dann sorgte der «Götti Fritz» dafür, dass sie Lehrerin wurde. «Götti» ist im schweizerdeutschen Dialekt der Ausdruck für Patenonkel. «Ihm habe ich so viel zu verdanken», erzählt sie. Er war derjenige, der sagte: «Die Berti muss Lehrerin werden». Ihm lag viel daran, weil er selbst den Traum gehabt hatte, Lehrer zu werden. Er war jedoch Schneidermeister, «und machte wunderschöne Herrenkleider. Ein äußerst strenger, gläubiger Mann – protestantisch», erinnert sie sich.
Der Patenonkel finanzierte ihr Studium in Freiburg in einem französischen Lehrerinnenseminar. Berti Johner sprach bis dahin gar kein Französisch, aber eine andere Alternative der Ausbildung zur Lehrerin gab es nicht. «Irgendwie bin ich in Freiburg heimisch geworden. Ich kam ja aus einem kleinen Dorf». Nach der Ausbildung arbeitete sie als Lehrerin unter anderem in Murten, dem Hauptort des Seebezirks und eine der größeren Gemeinden des Kantons Freiburg. Auch in ihrem Heimatdorf praktizierte sie als Lehrkraft.

«Im Geiste und im Herzen bin ich immer Lehrerin geblieben»
«Dann hat es mich gelüstet ins Ausland zu gehen. Man war ja damals so eingeschlossen in der Schweiz, und ich habe nicht sehr an meinem Zuhause gehangen. Man weiß erst später sein Elternhaus zu schätzen», resümiert sie nach all der Zeit. So ging sie 1946 nach Rom und arbeitete an der Schweizer Schule.
«Man hat mich dort sehr geschätzt», berichtet sie. «Sie sind die geborene Lehrerin», habe die Frau des Schulleiters einmal zu ihr gesagt. «Das war wohl wahr», meint sie, «denn ich bin im Geiste und im Herzen noch immer Lehrerin geblieben». Welche Stufen hat sie eigentlich unterrichtet? «Allerlei Stufen, aber vor allem von der ersten bis zur vierten Klasse». Dazu erklärt Ruth Marti: «Früher war in der Schweiz das erste bis neunte Schuljahr zusammen in einem Klassenraum».
Nach vier Jahren in Rom kontaktierte sie ein Freund, der in Chile arbeitete: Hier suchen sie Lehrer. So siedelte Berti Johner 1950 nach Chile über und ist nie wieder zum Leben in die Schweiz zurückgekehrt. «Wir haben jetzt mal nachgerechnet: Sie hat nur 30 Jahre ihres Lebens in der Schweiz gelebt und 70 Jahre im Ausland», so Ruedi Marti. «Dennoch bin ich Schweizerin geblieben im Empfinden», erläutert Berti Johner. Aber vor allem ist sie immer Lehrerin gewesen. «Von ganzem Herzen gerne. Auch über die Pensionszeit hinaus», sagt sie. Sie weiß gar nicht mehr, wie lange sie an der Schweizer Schule gearbeitet hat. 40 Jahre steht in der Einladung zum Schweizer Nationalfeiertag vom Club Suizo, bei der sie der Ehrengast ist.
«Lange jedenfalls», meint sie. «Und jetzt bin ich in der Zwischenzeit 100. Wer hätte das gedacht?» Der Gemeindepräsident von Ried hat sie angerufen und gesagt: «Das ganz Dorf gratuliert dir!» 2007 war sie das letzte Mal in die Schweiz gereist und hatte auch Ried besucht. «Das war mein letzter Besuch», stellt sie sachlich fest. Als ihre Mutter noch lebte, hätte sie immer den Gedanken gehabt, in die Schweiz zurückzukehren, aber danach sei dieser Wunsch nicht mehr vorhanden gewesen.
Wie schafft man es, hundert Jahre alt zu werden?, stelle ich die typische Journalistenfrage. Berti Johner überlegt länger, als ob sie sich selbst die Frage noch nie gestellt hätte. «Ich bin immer gesund geblieben. Man muss nicht nur von außen, sondern auch von innen gesund sein», antwortet sie dann und fügt hinzu: «Ich habe guten Humor, in jeder Beziehung. Es ist sehr wichtig, dass man lachen kann. Dann bleibt man zufrieden und mit beiden Beinen auf der Erde.»
«Für uns ist Berti immer ein junger Mensch gewesen», meint Ruedi Marti dazu und erzählt, dass das Paar seit 1976 – seit fast 40 Jahren – regelmäßig zu Besuch nach Chile kommt. «Ich bin doch keine alte Schachtel», kommentiert Berti Johner die Anmerkung mit feiner Selbstironie. «Es muss im Inneren stimmen», wird sie wieder ernst. Sie fügt hinzu: «Ich habe viel Glück im Leben», und versucht so auf die Frage nach dem Geheimnis fürs Altwerden bei so guter Gesundheit eine Antwort zu geben.
Ihre Betreuerin Miriam Oyarzún bringt ihr das Telefon. Eine Freundin ruft an, um zu erfahren, wann und wo die große 100-Jahr-Feier stattfinden wird. Gefeiert wird an diesem Sonnabend im Hotel Park Plaza. Eine Feier im kleinen Kreis hatte es schon im Schweizer Restaurant Walhalla gegeben, das ihrer Tutorin Elvira Oehninger gehört. Zudem ist Berti Johner Ehrengast beim Botschaftsempfang zum Schweizer Nationalfeiertag und im Club Suizo. So kommt sie aus dem Feiern kaum heraus. Der Anlass ist schließlich auch nicht ohne.

 

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