Erstmals seit 1987 ist die Armut in Chile wieder angestiegen, die Kluft zwischen Arm und Reich bleibt zudem unverändert groß. Die Ergebnisse der aktuellen Casen-Studie (Caracterización Socioeconómica Nacional) heizen die politische Debatte an, ob die bisherige Sozialpolitik ineffizient ist und wie zukünftig die Armut verringert werden kann.
Der Schreck über die vor zwei Wochen bekannt gewordenen Resultate sitzt besonders tief, da sie ein fast schon zur Gewohnheit gewordenes Vertrauen erschüttern. Seit der ersten Casen-Erhebung im Jahr 1987 sank mit schöner und fast schon systematischer Regelmäßigkeit die Armut in Chile. Das Pinochet-Regime hinterließ den demokratisch gewählten Concertación-Regierungen 4,5 Millionen Chilenen in prekären Verhältnissen, immerhin 40 Prozent der Bevölkerung, deren Anteil aber in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich um die Hälfte und sogar noch mehr gesenkt werden konnte. Eine Erfolgsgeschichte, die auch im Ausland Erstaunen auslöste und lobende Beachtung fand.
Doch nun erstmals ein Rückschlag. Die Armut hat sich im Vergleich von 2006 zu 2009 von 13,7 auf 15,1 Prozent erhöht. Das sind rund 355.000 Menschen mehr, die ihren Lebensunterhalt mit nur 64.134 Pesos monatlich – so die offizielle Armutsgrenze – bestreiten müssen. Darunter eingerechnet sind auch die Obdachlosen (indigentes), die von weniger als 32.067 Pesos pro Monat leben und deren Anteil an der Bevölkerung von 3,2 auf 3,7 Prozent zunahm. Insgesamt sind somit 2,56 Millionen Chilenen von Armut betroffen.
Warum Chile den ersten Platz in der Liste aller lateinamerikanischen Länder mit dem geringsten Anteil an Notleidenden nun zugunsten von Uruguay mit 13,7 Prozent räumen muss, darüber gehen die Meinungen in der Politik stark auseinander. Staatspräsident Sebastián Piñera fand bissige Worte, als er andeutete, dass die Vorgängerregierung zwar in guter Absicht gehandelt hätte, die Sozialausgaben um 35 Prozent zu steigern. Aber offenbar wären durch Ineffizienz, Bürokratie und Korruption nicht alle Mittel bei den Bedürftigen angekommen. Wirtschaftsminister Juan Andrés Fontaine fasste kurz zusammen: Das soziale Netz der Bachelet-Regierung weise ein riesiges Loch auf, durch das 350.000 Menschen in Armut gestürzt seien.
Die Opposition konterte: Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise im vergangenen Jahr sowie die Lebensmittelpreise, die zwischen 2006 und 2009 dreimal stärker stiegen als die Inflationsrate, hätten laut der Organisation Cepal rund neun Millionen Menschen in Lateinamerika in die Misere abrutschen lassen. Ohne die Sozialprogramme der Regierung, so pflichtete Ignacio Irarrázaval vom Zentrum für Politikstudien an der Universidad Católica bei, hätte es Chile weitaus schlimmer getroffen.
Andere Wissenschaftler wiederum machten neue Erhebungsmethoden bei der Casen-Studie für das schlechtere Abschneiden verantwortlich. Und zu guter Letzt scharten sich noch einige Concertación-Politiker um einen öffentlichen Mea-culpa-Brief, in dem sie selbstkritisch ankreideten, die Armutszunahme wäre mit einem stärkeren Akzent auf Sozialpolitik und weniger neoliberaler Wirtschaftsausrichtung zu verhindern gewesen.
Rückblickend lässt sich zunächst allerdings feststellen, dass sich die Armut in Chile deutlich verringerte, als ein gutes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen war. Zwischen 1986 und 1998 nahm die Leistung im Schnitt um 7,3 Prozent zu, während die Zahl der Notleidenden halbiert werden konnte. Verlangsamte sich die Ökonomie, geriet auch die Anhebung des Lebensstandards ins Stocken.
Doch allein auf Wachstum zu vertrauen wird zukünftig kaum ausreichen. Nach den großen Entwicklungssprüngen und den erreichten Standards dürfte es schwierig sein, die üppigen Wachstumsraten erneut zu erreichen. Die Herausforderungen sind zudem komplexer geworden.
Beispiel Regionen: Die höchste Armutsquote weist mit 27,1 Prozent die Araucanía auf, obwohl dort, wie Verwaltungsvorsteher Andrés Molina erklärte, «sehr, sehr viel Geld» für soziale Belange ausgegeben worden sei. Auch die Regionen Biobío mit 21, Maule mit 20,8 Prozent sowie im Norden die Atacama-Region mit 17,4 Prozent stehen nicht wesentlich besser da. Eine ungenügende Dezentralisierung des Landes mit verbesserter Bildung und Beschäftigungschancen in den ländlichen Zonen erklärt dieses Ungleichgewicht.
Die südlichen Regionen hat es zudem so hart getroffen, weil dort der Arbeitsmarkt nach wie vor hauptsächlich von Forstwirtschaft und Fischerei abhängt. Fazit: Selbst noch so gute Sozialprogramme ersetzen nicht die Notwendigkeit der Diversifizierung der Wirtschaftsstrukturen.
Dass es an sozialen Aufstiegschancen und damit folglich einer stärkeren Mittelschicht in Chile fehlt, verdeutlicht eine Studie vom Nationalen Statistikinstitut (INE). Die reiche Schicht verfügt demnach über ein fast zwölfmal höheres Monatseinkommen – rund zwei Millionen Pesos – als der ärmste Bevölkerungsanteil, der mit 169.000 Pesos auskommen muss. Diese Einkommenskluft ist seit 2006 unverändert groß geblieben.
Als Reaktion auf die Casen-Ergebnisse hat die Regierung bis zu 200.000 neue Arbeitsplätze noch in diesem Jahr versprochen sowie die Überprüfung von 300 Sozialprogrammen angekündigt. Bereits im Mai hatte Sebastián Piñera in Aussicht gestellt, im nächsten Jahr ein Sozialministerium einzurichten und Sozialtransfers zum Erreichen eines sogenannten ethischen Familieneinkommens von 250.000 Pesos einzuführen, um die extreme Armut in Chile bis spätestens 2014 zu beseitigen.
Ob das tatsächlich ausreicht, bleibt fraglich, denn diese Rechnung geht davon aus, dass bei einer fünfköpfigen Familie jedes Mitglied 47.099 Pesos monatlich zur Verfügung haben müsste. Die offizielle Armutsgrenze hat sich mit der Casen-Studie 2009 aber auf 64.134 Pesos erhöht. Und selbst mit dieser Summe ist es im wirklichen Leben schwer über die Runden zu kommen: Von täglich 2.138 Pesos, die zur statistisch zur Verfügung stehen, werden laut Schätzungen allein 1.352 Pesos für Unterkunft und die Fahrt zur Arbeit ausgegeben. Verbleiben 786 Pesos fürs Essen…
Arne Dettmann
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