Nicht nur das entsetzliche Erdbeben und die gigantische Flutwelle haben 796 Tote (Stand: Mittwoch) gefordert und ein Bild der Zerstörung in Südchile und den Küstenregionen hinterlassen. Die Tragödie verschlimmerte sich insbesondere in Concepción durch einen Staat, der nicht imstande war, seine Bürger schnell mit Lebensnotwendigem zu versorgen, und durch plündernde Horden, die rücksichtslos die eingebrochene Ordnung ausnutzten.

An diese Fernsehbilder wird man sich noch lange erinnern: Feuerwehrmänner in Concepción, die mehrere Tage nach dem Erdbeben unter den Trümmern eines zusammengebrochenen 14-stöckigen Hochhauses immer noch verzweifelt nach Verschütteten suchen in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen. Und nur ein paar Häuserblocks entfernt Horden von Menschen, die in der von Wasser und Strom abgeschnittenen Stadt die Supermärkte und Geschäfte längst nicht mehr nur auf der Suche nach Lebensmitteln plündern: Kühlschränke, Waschmaschinen, Computer, Fernseher und Fahrräder werden in Autos und auf Lastwagen verladen, ungehindert, schamlos, ohne von Polizei und Armee daran gehindert zu werden.
Nicht nur in Concepción, wo eine Filiale der Kette La Polar und ein Alvi-Supermarkt nach der Plünderung in Brand gesteckt wurden, herrschte der Ausnahmezustand. In der benachbarten Hafenstadt Talcahuano gab es Überfälle auf Banken, Tankstellen und Geschäfte, in Chiguayante starb eine Person an einer Schussverletzung, es wurden von weiteren Schießereien zwischen den Lumpen, sich verteidigenden Bürgern und den völlig überforderten staatlichen Sicherheitskräften berichtet.
Vier Feuerwachen in Concepción und San Pedro de la Paz wurden von Banden auf der Suche nach Benzin und Wasser überfallen. In Hualpén fielen Gruppen mit 20 bis 40 Personen über verlassene Häuser her und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war. «Es ist deprimierend zu sehen, wie sich Mitbürger in Feinde verwandeln», berichtet eine deutsch-chilenische Einwohnerin aus Concepción gegenüber dem Cóndor. «Und es ist schlimm, dass überhaupt kein Soldat oder Polizist erschienen ist, um uns zu schützen. Die Regierung hat uns alleine gelassen», kritisiert die Angehörige der deutsch-chilenischen Gemeinschaft, die in der Stadt zahlreich vertreten ist und dort Geschäfte und Unternehmen betreibt.
Viele Einwohner in Concepción und den Vororten hatten sich aus Angst vor Überfällen in einer Art Bürgerwehr selbst bewaffnet und Straßenblockaden aufgebaut, um in wechselnden Nachtwachen ihr Hab und Gut vor Vandalismus und Angriffen zu schützen. «Es regiert das Gesetz des Urwalds», sagte Bürgermeisterin Jacqueline van Rysselberghe in den Medien und warf der Regierung in Santiago vor, nicht frühzeitig den Ernst der Lage erkannt und unter Kontrolle gebracht zu haben. Erst am Sonntagnachmittag um 15.15 Uhr hatte sich die Regierung dazu durchgerungen, den Ausnahmezustand über die Zone zu verhängen. Zu der Zeit hatten die Plünderungen schon ein bedenkliches Ausmaß angenommen.
Mittlerweile hat die Regierung reagiert und die Entsendung von 7.000 Soldaten in das Krisengebiet der VII. und VIII. Region angeordnet, die am Dienstag eintrafen und damit begannen, die ersehnten Lebensmittel zu verteilen. Alleine 4.700 sollen sich dabei auf Concepción konzentrieren, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Ausgangssperre wurde von 18 Uhr bis 12 Uhr mittags ausgeweitet.
Die Unfähigkeit der Polizei steht die fehlende Selbstkontrolle von vielen chilenischen Mitbürgern gegenüber, schreibt Fernando Villegas in der Tageszeitung La Tercera. Wie auch andere Journalisten hat er erschreckend zur Kenntnis genommen, dass sich Personen, «die man im Büro oder im Bus begegnen könnte», an den Plünderungen beteiligten und die eben nicht zu der gemeinhin als el lumpen oder delincuentes bezeichneten Gruppe armer und gewaltbereiter Bevölkerungskreise gehören. Fehlender Respekt vor staatlicher Ordnung und Autorität, eine egoistische Selbstbedienungsmentalität, kein Unrechtsbewusstsein sowie die Gewissheit einer laschen Strafverfolgung macht Villegas für dieses Phänomen verantwortlich, das wie ein zweites Erdbeben Chile erschüttert hat. In einer «gesunden Gesellschaft», so der Journalist, hätte es sich bei den Plünderungen nur um Randerscheinungen gehandelt.
Auch in Santiago machte sich Hysterie breit. Anfang der Woche waren in vielen Supermarktregalen Brot und Wasser vergriffen, es bildeten sich lange Schlangen vor den Kassen, die Einkaufswagen waren oft bis oben vollbepackt. Dabei bestand zwar in einigen Stadtteilen keine Strom- und Wasserversorgung, allerdings auch zu keinem Zeitpunkt die Gefahr einer Hungersnot.
Der Schock sitzt jedoch tief. Um 3.34 Uhr hatte am Samstagmorgen das Erdbeben die Menschen aus dem Schlaf gerissen und sie teilweise in Panik auf die Straßen flüchten lassen. Laut US-Seismologen lag das Epizentrum des Bebens 100 Kilometer nordwestlich von Concepción im Pazifik in einer Tiefe von etwa 60 Kilometern und wies eine Stärke von 8,8 auf der Richterskala auf. Damit wäre es das fünftstärkste jemals registrierte Erdbeben weltweit. Chilenische Medien berichten dagegen von einer Stärke mit dem Wert 8,5 auf der Skala.
Nicht nur die Erschütterungen waren außergewöhnlich heftig, sondern auch die Dauer. Spannungsentladungen in der Plattentektonik von dieser Größenordnung würden normalerweise zehn Sekunden lang anhalten, so Experten. Das Beben in Chile ließ aber 90 Sekunden lang die Erde erzittern und brachte Häuser ins Wanken.
Über das Ausmaß der Schäden (siehe Wirtschaftsartikel Seite 3) bei Gebäuden, Brücken und Straßen können derzeit nur Schätzungen abgegeben werden. Sie liegen zwischen 15 und 30 Milliarden US-Dollar. Spezialisten des US-Unternehmens Eqecat, das für die Versicherungswirtschaft Schätzungen abgibt, gehen davon aus, dass die Auswirkungen noch deutlich schwerwiegender gewesen wären, hätte Chile nicht rigide Bauvorschriften. Moderne, erdbebenfeste Bauweisen hätten eine noch größere Katastrophe wie in Haiti, wo ein Erdbeben der Stärke 7 am 12. Januar bis zu 300.000 Todesopfer forderte, verhindert.
Dass dennoch Brücken wie auf der Autobahn Vespucio Norte in Santiago einstürzten und Neubauten in den Stadtteilen Maipú und Independencia schwere strukturelle Schäden aufweisen und sogar einsackten, führt Patricio Gross auf unzureichende Bauvorschriften und deren geringe Überwachung durch den Staat zurück. «Kein gut konstruiertes und solide gebautes Haus oder Gebäude in Chile dürfte bei einem Erdbeben der Stärke acht einfallen oder schwere Schäden aufweisen», sagte der Leiter der Architektenschule. Die betreffenden Baufirmen haben sich bisher nicht geäußert oder jede Verantwortung von sich gewiesen.
Einen Fehler räumte dagegen offiziell Verteidigungsminister Francisco Vidal ein: Die Marine habe nicht sofort eine Tsunami-Warnung herausgegeben. Die Armada de Chile konterte: Ein Hinweis auf mögliche gigantische Wellen sei frühzeitig an die Zentrale für den nationalen Katastrophenschutz (Onemi) erfolgt, jedoch von dort eine Warnung zu spät ausgerufen worden. Tatsächlich wird in den chilenischen Medien aber derzeit berichtet, dass offenbar das entsprechende Fax der Marine zweideutig war und keine klaren Schlussfolgerungen zuließ.
Diese Fahrlässigkeit ist möglicherweise hunderten Menschen zum Verhängnis geworden. Dass eine noch größere Katastrophe verhindert wurde, dürfte dem intuitiv richtigen Verhalten vieler Küstenbewohner zu verdanken sein. Ein zwölfjähriges Mädchen auf dem Inselarchipel Juan Fernández, 670 Kilometer westlich vom chilenischen Festland gelegen, warnte per Glockengeläut schlafende Einwohner, die somit rechtzeitig auf die umliegenden Anhöhen fliehen konnten. Auch im Küstenort Dichato beobachteten Jugendliche, wie sich das Meer eine Stunde nach dem Erdbeben aus der Bucht plötzlich zurückzog. Geistesgegenwärtig rannten sie durch die Straßen und warnten die Bürger. Im Radio wurde dagegen durchgegeben, es würde von den Behörden kein Tsunami erwartet – ein fataler Irrtum. Das US-Tsunami-Warnzentrum löste dagegen Alarm für die gesamte Pazifikregion aus, wo auf Hawaii die Wellen 14 Stunden später eintrafen.
Iloca, Llolleo, Pichilemu und Curanipe – viele der Fischerstädtchen und Urlaubsorte an der Küste sind komplett zerstört, das Ausmaß der Verwüstung ist gigantisch. In Dichato liegen 80 Prozent der Bausubstanz in Trümmern, Bürgermeister Eduardo Aguilera verglich die Situation mit dem vom Vulkanausbruch in Mitleidenschaft gezogenen Ort Chaitén in der X. Region und erwägt ähnlich wie dort einen Neuaufbau an anderer Stelle.
Auch historische Bausubstanz hat das Erdbeben unwiederbringlich zerstört. In der Region Maule mit den Städten Curicó, Talca, Linares und Cauquenes wurden ersten Schätzungen zufolge 50 Prozent der alten Mauern, Kirchen und kulturellen Gebäude dem Erdboden gleich gemacht. Die Lehmziegel, adobe genannt, hielten in vielen Orten den starken Erschütterungen nicht Stand. Auch in Valparaíso hat der historische Stadtkern mit dem Palacio Subercaseaux schwere Schäden davon getragen. In Santiago krachten Steine von der Nationalbibliothek und dem Museumsbau Bellas Artes herunter, taten sich Spalten und tiefe Risse im Stadttheater auf. Etwa 70 Prozent aller Kirchen in der Hauptstadt, darunter die Iglesia Divina Providencia, sowie die Friedhöfe weisen eingestürzte Decken, Mauerrisse, Schutt und Scherben auf.
Das Erdbeben vom 27. Februar 2010 bedeutet aber nicht nur Trauer um getötete Verwandte und Freunde sowie eine jahrelange Wiederaufbauarbeit. Das Miterleben eines solchen Ereignisses dürfte viele Menschen noch lange Zeit als ein schwerer Schock und unvergesslicher Alptraum begleiten. «Es war eine der schlimmsten und verwirrendsten Erfahrungen, die ein menschliches Wesen machen kann», erklärte der chilenische Schriftsteller Jorge Edwards. «Es dauerte so lange. Ich wusste nicht, ob ich das überleben würde.»



Arne Dettmann


Siehe zum Erdbeben auch unsere Texte und Spendenaufrufe auf Seite 7 und die Liste zu möglichen Hilfsleistungen für die Erdbebengeschädigten auf Seite 10.



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