Der Wolf und das Kollektiv

Sehr geehrter Herr Kaiser,

 

mit großem Interesse, aber auch mit großer Ablehnung habe ich Ihren Artikel vergangener Woche (18. Juni) im El Mercurio gelesen. In der Ihnen gewohnten wissenschaftlichen Weise legen Sie anschaulich und dezidiert dar, warum es angeblich kein Recht auf Bildung gibt. Und doch enden Ihre Schlussfolgerungen in einem Irrtum.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich schätze ihre theoretische Herangehensweise sehr. Zumindest am Anfang.

Bereits in Ihrem Buch «La miseria del intervencionismo», das ich vor etwa anderthalb Jahren für den Cóndor (Nr. 3964 vom 4.11.2011) besprach, erklären Sie ökonomische Zusammenhänge auch für den Laien verständlich. Das Ganze reichern Sie mit plastischen Beispielen an, die zunächst logisch erscheinen. So muss sich Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel vorübergehend beim Kokosnuss-Konsum zurückhalten, sprich sparen, will er die dafür gewonnene Zeit nutzen, um sich als Fischer auszurüsten, sprich Mehrwert schaffen. Das gleiche Prinzip gelte auch für Volkswirtschaften. Soweit, so gut.

Doch dann locken Sie den Leser auf eine falsche Fährte. Ganz im Sinne der liberalen Nationalökonomen Friedrich August von Hayek sowie Ludwig von Mises, den Widersachern jedweden Staatsinterventionismus, machen Sie die Zentralbanken als Wurzel allen Übels aus. Immobilien-, Banken-, Finanz- und Schuldenkrise? Wäre alles nicht so schlimm gekommen, hätten die Zentralbanken mal nicht in das natürliche Wechselspiel des Marktes, also Angebot und Nachfrage, eingegriffen und Milliarden von neuen Banknoten gedruckt.

Dass allerdings eine ganze Kaste von internationalen – und vor allem: privaten! –Finanzhaien mit Anleihen, Aktien und Derivaten rücksichtslos gezockt hat, das klammern Sie einfach aus. Die Tatsache der hemmungslosen Profitgier der Marktakteure, die alles andere als rational gehandelt haben, kommt in Ihrer Gleichung einfach nicht vor. Und das ist in etwa so – um auf Ihre Beispiele zurückzugreifen –, als ob man für die Überfischung der Meere die Seehunde zur Rechenschaft zieht. Denn die fressen schließlich den abertausenden Robinson-Crusoe-Flotten den Fang weg.

 

Auch beim Thema Bildung geißeln sie als liberaler Kämpfer erneut den interventionistischen Staat. Denn laut Ihrer Definition handelt es sich bei Bildung um ein wirtschaftliches Gut, das erst einmal erwirtschaftet werden muss, will man es denn als «kollektives Recht» an alle ausschütten. Im Gegensatz zu den Rechten auf Meinungsäußerung und Eigentum, die der Staat einfach nur sicherzustellen habe, würde es bei «sozialen Rechten» daher zwangsläufig zu Verteilungs- und Interessenkonflikten kommen. Die Erwartungshaltung in der Bevölkerung müsste die öffentliche Hand mit immer höheren Schulden befriedigen, am Ende führe das unweigerlich zur volkswirtschaftlichen und demokratischen Krise. Ihr Fazit: Ein Recht auf Bildung existiert nicht.

Wieso eigentlich nicht? Sie erklären, dass der Begriff «Gesellschaft» eine Abstraktion sei, und Rechte sowie Pflichten würden nur für Individuen gelten, nicht aber für abstrakte Begriffe.

Doch laut dem Prinzip des Gesellschaftsvertrags von Jean-Jacques Rousseau schließen sich Menschen mit ihren Einzelinteressen zusammen und ordnen sich einem Gemeinwillen unter, der von allen ausgeht und auf das Wohl aller abzielt. Ganz konkret: Wenn eine Gemeinschaft es für notwendig erachtet, im Norden des Landes Panzer zu stationieren, weil dort von außerhalb eine Gefahr für das Gemeinwohl droht, dann tut es diese Gemeinschaft eben.

Ihre feinsinnige Unterscheidung zwischen wirtschaftlichem Gut und Bürgerrecht spielt dabei keine Rolle. Die Verteidigung des Landes und damit des Rechts auf Freiheit kostet alle Individuen sehr wohl Geld. Denn die Panzer und die Soldaten müssen schließlich bezahlt werden. Es könnte sogar eine Wehrpflicht eingeführt werden, was sich für das Individuum alles andere als abstrakt auswirkt.

 

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wenn ein Land meint, Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Rollstuhl gerechte Zugänge am Arbeitsplatz, dann erlässt das Parlament ein entsprechendes Gesetz. Wenn ein Staat wie Deutschland es für richtig hält, dann verankert es im Grundgesetz das Recht auf Bildungsmöglichkeiten – und erlässt eine Schulpflicht für seine Bürger.

Ob sich das Land dieses «soziale Recht» finanziell leisten kann oder nicht, muss dann die Praxis zeigen. Die Erfahrung lehrt, dass die Bundesrepublik damit bisher gut gefahren ist und international wettbewerbsfähig dasteht. Übrigens wird bei den Vereinten Nationen das Recht auf Bildung in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufgeführt und in einem internationalen Pakt verbrieft, dem auch Chile beigetreten ist.

Mir ist allerdings bewusst, dass hinter ihren akademischen Ausführungen viel mehr steckt. Man spürt förmlich, wie Ihnen alles staatliche Handeln, Eingreifen und Einmischen zuwider ist. Stets sehen Sie das Individuum in Gefahr, das ja bei allen Liberalen als das höchste Gut gilt. Und ich kann es Ihnen vor dem Hintergrund der chilenischen Geschichte ja nicht einmal verdenken. Allerdings, dieser Ablehnung noch eine theoretische Grundlage zu verschaffen, ist fehlgeschlagen. In der Realität ist es bei Weitem nicht so, dass es sich stets um sozialistische Diktaturen handelt, die «soziale Rechte» vehement propagieren, wie Sie behaupten.

Nur noch eine Randbemerkung: Ihre private Krankenversicherung – ich gehe natürlich davon aus, dass Sie nicht bei der staatlichen Fonasa sind – funktioniert ähnlich wie eine Staatsgemeinschaft. Viele zahlen in einen Geldtopf ein, um im Schadensfall aus diesem Fonds einen Ausgleich zu erhalten. Ihr Nachteil: Vielleicht zahlen Sie insgesamt mehr ein, als Sie jemals herauskriegen. Ihr Vorteil: Sollten Sie ernsthaft erkranken, deckt die Versicherung die hohen Kosten der Behandlung. Nur im vorstaatlichen Naturzustand müssten Sie die horrende Rechnung ganz alleine begleichen und wären nur auf sich gestellt. Der Staatstheoretiker Thomas Hobbes beschrieb diese archaische Situation mit den Worten: «Ein Wolf ist der Mensch den Menschen».

 

Lesen Sie auf der nächsten Seite die Antwort von Axel Kaiser, erschienen im Cóndor vom 12. Juli, Ausgabe Nr. 4046.

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*