Ölmacht Venezuela am Abgrund

Demonstration gegen die Maduro-Regierung: Bisher kamen bei Protesten in Venezuela 30 Menschen ums Leben.
Demonstration gegen die Maduro-Regierung: Bisher kamen bei Protesten in Venezuela 30 Menschen ums Leben.

Venezuela könnte ein enorm reiches Land sein. Die größten Ölreserven der Welt, aber heute das ärmste Land Südamerikas. Wie konnte es soweit kommen?

«Das ökonomische Modell von Maduro hat uns in den Ruin geführt», sagt José Guerra (60), einer der wichtigsten Ökonomen des Landes und Abgeordneter der Opposition im kaltgestellten Parlament. Nur ein paar Zahlen: Venezuela hat mit 300,8 Milliarden Barrel die größten bekannten Ölreserven der Welt. Bis 2014 lag das Land mit 367 Tonnen Gold weltweit auf Platz 3 der Staaten mit dem größten Goldanteil an den Währungsreserven. 2,5 Millionen Barrel (je 159 Liter) wurden zeitweise pro Tag gefördert – das Land war lange eines der reichsten Südamerikas. «Venezuela könnte das neue Saudi-Arabien werden», so lauteten vor wenigen Jahren noch die Schlagzeilen.

Heute droht der Ruin, einige Statistiken sehen Venezuela sogar hinter Haiti. Die Ölförderung ist massiv eingebrochen. «Aber die Regierung veröffentlicht ja keine Zahlen mehr, etwa zum Bruttoinlandsprodukt», sagt Guerra. Laut Schätzungen ist es 2016 um 18 Prozent geschrumpft. Alles stehe und falle mit dem riesigen Staatskonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA). Um die immer größeren Sozialleistungen zu finanzieren, wurden bis zu 13 Prozent auf PDVSA-Anleihen geboten.

Privates Unternehmertum wurde ausgebremst, zuletzt wurde sogar die Autofabrik des US-Konzerns General Motors beschlagnahmt. Die Schulden wurden immer größer, im April müssen knapp drei Milliarden Dollar für Anleihen zurückgezahlt werden. Es hat eine riesige Kapitalflucht gegeben. Weil die Regierung aber einen Staatsbankrott und damit eine Beschlagnahmung der Ölfelder durch das Ausland fürchtet, werden die Schulden bedient. Es ist ein Drahtseilakt, die Pleite kann jederzeit eintreten. Die Goldreserven sind auf nur noch 170 Tonnen geschrumpft.

Es war eine «Revolution» auf Pump, 95 Prozent der Exporteinnahmen hängen vom Öl ab. Maduro setzte allein auf die Hoffnung, der Preis für das schwarze Gold werde sich rasch wieder erholen. Venezuela braucht mindestens 70 bis 80 Dollar je Barrel – zeitweise waren es unter 30 Dollar. Der Raffinerie-Komplex Paraguaná gilt von der Kapazität her als der drittgrößte der Welt, bis zu 950-000 Barrel pro Tag sind möglich, aber mangels Geld für Investitionen und ausländischem Know-how werden keine 40 Prozent davon geschafft.

So muss Venezuela für mehrere Milliarden Dollar aus dem Ausland Benzin einführen, selbst vom Erzfeind USA. Nach Angaben des Ökonomen Alfredo Serrano sanken die Öleinnahmen von 39,7 Milliarden US-Dollar (2014) auf 13,24 Milliarden (2015) und lagen 2016 bei lediglich noch 5,29 Milliarden Dollar. Benzin wird trotz allem hoch subventioniert – es ist das billigste der Welt. Wasser hingegen wird zum Luxusgut, die Flasche kostet so viel wie etwa 250 Liter Benzin an der Zapfsäule.

Dass Tausende PDVSA-Fachkräfte noch unter dem 2013 verstorbenen Hugo Chávez gefeuert und durch Parteigänger ersetzt wurden, beschleunigte den Niedergang des «Herzstücks» der Wirtschaft mit über 140.000 Beschäftigten. Und wegen des Erdöls wurde statt auf den Aufbau einer starken eigenen Wirtschaft auf den Import wichtiger Güter gesetzt.

Guerra, Präsident der Finanzkommission des Parlaments, verdeutlicht die daraus resultierende Versorgungskrise an einem Vergleich: «2012 wurden Güter für 52 Milliarden Dollar importiert, darunter für 12 Milliarden Lebensmittel.» 2016 waren es 20 Milliarden Dollar, für Lebensmittel konnten nur drei Milliarden Dollar aufgebracht werden.

Warum wird nicht im Land mehr produziert, Weizen angebaut, damit es genug Brot gibt? «Weil die Preise reguliert sind», sagt Guerra. In Zeiten einer Hyperinflation von über 700 Prozent decken die Erträge nicht die Kosten. Und es fehle Geld für Saatgut. «Es ist traurig, es gibt heute Hunger in Venezuela.» Nach einem möglichen Machtwechsel komme Venezuela, das mal als Verheißung galt, ohne Schuldenschnitt nicht auf die Beine. «Um etwas aufzubauen, braucht man sehr lange», meint Guerra. «Etwas zu zerstören kann ziemlich schnell gehen.»

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