Bildung entscheidet über die Zukunft eines Landes

Interview mit Theresia Bauer, Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg

Theresia Bauer im Heidelberg Center Lateinamerika: Die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg. Foto: Arne Dettmann
Theresia Bauer im Heidelberg Center Lateinamerika: Die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg. Foto: Arne Dettmann

 

Von Donnerstag bis Freitag vergangener Woche (18.-21. Januar) besuchte Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, Chile. In einem Interview mit dem Cóndor sprach sie über Studiengebühren, die Bedeutung von Entwicklung und Forschung sowie das Heidelberg Center Lateinamerika.

 

Von Arne Dettmann

Cóndor: Frau Ministerin, zusammen mit der damaligen Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, waren Sie bereits 2012 einmal in Chile. Was führt Sie nun hierher?

Konkreter Anlass ist die Ausstellungseröffnung «Architektur an besonderen Orten» in der Architekturfakultät der Universidad Católica, bei der renommierte internationale Architekten ihre Entwürfe für eine energie-effiziente, nachhaltige Bauweise präsentieren (siehe Infokasten). Wir hoffen, dass die Premiere dieser Ausstellung eine Debatte über Architektur anstößt und weitere Ausstellungen folgen werden.

Zudem sind Gespräche mit dem Rektorat der Universidad Católica und der Universidad de Chile geplant, außerdem mit dem chilenischen Forschungskommission Conicyt und der Wirtschaftsförderungseinrichtung Corfo. Ich will mich vor Ort darüber informieren, wie die chilenische Seite den Themenbereich Wissen und Forschung betrachtet und wie Chile die Kooperation mit Baden-Württemberg sieht. Immerhin halten sich ein Fünftel aller chilenischen Studenten an einer Hochschule in unserem Bundesland auf. Zudem gibt es einen regen Austausch und viele Forschungsprojekte zwischen uns und Chile. Seit November 2017 existiert beispielsweise ein virtuelles Netzwerk zwischen der Universidad Austral, Concepción und Chile mit dem Karlsruher Institut für Technologie. Diese Kooperation beinhaltet strategische Fragen, wie Ökonomie und Ökologie miteinander verbunden werden können, zum Beispiel über ökoindustrielle Effizienzsteigerung im Umgang mit Ressourcen.

Ich erhoffe mir zudem eine Einschätzung von unseren chilenischen Gesprächspartnern über die Förderung von Wissenschaft und Forschung. Chile ist aufgestiegen und kein Entwicklungsland mehr. Damit sind aber auch Unterstützungsmöglichkeiten weggefallen. Dieser Übergang dürfte nicht immer leicht fallen.

 

Welchen Stellenwert haben heute Bildung und Wissenschaft?

Das ist ein absoluter Schlüsselbereich für viele Zukunftsfragen. Eine hohe Qualität und der Zugang zu Bildung entscheiden über die Innovationskraft und Entwicklung eines Landes. Es geht aber auch darum, selbstbewusste, souveräne Bürger zu haben, die Zusammenhänge verstehen, in einer hoch technisierten Welt klar kommen, sich selbst definieren und zum Subjekt von Gestaltung werden. Wer also in Bildung spart, ist nicht für die Zukunft gut aufgestellt.

 

In Baden-Württemberg werden seit 2017 Gebühren für international Studierende und das Zweitstudium erhoben. Bildung gratis ist also vorbei?

Ein gutes Bildungssystem lässt sich an drei Faktoren ausmachen. Erstens: Die Qualität der Bildung ist hoch, die Lehrer und Dozenten werden gut bezahlt, die Ausstattung mit Lehrmitteln sowie das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sind vernünftig. Zweitens: Es gelingt ein Transfer vom Bildungssystem hin zur Wirtschaft, sprich der Bedarf in den Unternehmen wird gedeckt. Und drittens: Bildung leistet einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Versprechen, über Bildung aufzusteigen, muss erfüllt werden.

Diese drei Ziele kann man auf unterschiedliche Art erreichen. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, Bildung darf auf gar keinen Fall etwas kosten. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass man Bildung einzig und allein dem Spiel der freien Marktkräfte überlassen darf, denn dann dominiert das kurzfristige Renditeziel. Aus Bildung darf kein Geschäftsmodell werden. Ich halte aber Eigenbeiträge von Seiten der Studierenden für legitim.

Generell gilt, dass der Anspruch einer Gebührenfreiheit nicht auf Kosten der Qualität gehen darf. Umgekehrt darf kostenpflichtige Bildung aber nicht nur ein Privileg einer Elite sein. Das wird man sicherlich in Chile anders bewerten als bei uns.

 

Macht sich die Einwanderung nach Deutschland an den Schulen bemerkbar?

Wir verzeichnen schon seit fünf bis zehn Jahren an den Grundschulen einen signifikant steigenden Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Die Lage ist komplizierter geworden, Baden-Württemberg investiert viel Geld: Die Sprachförderung und das Ganztagsangebot werden ausgebaut, der parallele Einsatz von zwei Lehrkräften im Unterricht wird verstärkt, um den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten gerecht zu werden. Der Umgang mit Heterogenität ist extrem anspruchsvoll, und wir sind trotz der guten Erfahrungen noch lange nicht am Ende, diese Herausforderungen zu meistern.

 

Wie steht der Hochschulstandort Baden-Württemberg da?

Unsere Uni-Landschaft ist genauso wie die Wirtschaft dezentral aufgebaut: Wir verfügen über neun staatliche Universitäten, darunter so traditionsreiche wie in Freiburg, Tübingen und Heidelberg. Alleine bei den nichtstaatlichen Fachhochschulen, die heute als Hochschulen für Angewandte Wissenschaften bezeichnet werden, sind es 23. Zudem gibt es die Duale Hochschule Baden-Württemberg, Deutschlands erste staatliche duale, das heißt praxisintegrierende Hochschule. Wissenschaft findet auf hohem Niveau statt: In Baden-Württemberg investieren Staat und Unternehmen einen Betrag in Forschung und Entwicklung, der 4,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht. Das ist unter allen Bundesländern und auch in Europa Spitzenwert.

Walter Eckel, Leiter des Heidelberg Centers Lateinamerika
Walter Eckel, Leiter des Heidelberg Centers Lateinamerika

 

Sie wollen hier in Chile auch über die Zukunft des Heidelberg Centers Lateinamerika sprechen.

Das Heidelberg Center Lateinamerika ist eine tolle Erfolgsgeschichte und sicherlich als ein «Kind» von Walter Eckel zu bezeichnen. Die gute Entwicklung des HCLA ist viel auf die Persönlichkeit und das Engagement seines Leiters und dessen Lösungsansätze zurückzuführen. Wenn er in Ruhestand geht, muss sichergestellt werden, dass ein guter Nachfolger gefunden wird, der mit der gleichen Leidenschaft an die Führung des Centers herangeht.

 

Frau Ministerin, ich bedanke mich für das Gespräch.

«Architektur an besonderen Orten» startet in Chile

«Angesichts komplexer Fragestellungen brauchen wir ein Denken über Grenzen hinweg – und gegenseitige Impulse. Nur der Austausch bringt uns voran», betont Theresia Bauer, die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg. Entsprechend zeigen 14 europäische Spitzenarchitekten mit ihren Bauten und den Ideen dahinter Ansätze und unterschiedliche Herangehensweisen.

Die Ausstellung geht zurück auf die „Heidelberger Schlossgespräche – Reden über Architektur“, eine seit 2011 laufende Veranstaltungsreihe mit namhaften Architekten, die zweimal jährlich von der Initiative Heidelberger Schlossgespräche organisiert wird. Initiator und Kurator der Ausstellung ist der Leiter des Amtes Mannheim und Heidelberg von Vermögen und Bau Baden-Württemberg, der Leitende Baudirektor Bernd Müller.

Die Ausstellung läuft vom 18. bis 31. Januar an der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago de Chile. Vor Ort übernimmt das Heidelberg Center Lateinamerika der Universität Heidelberg in Santiago de Chile die Organisation. Die Ausstellung bleibt in Südamerika und steht weiteren Universitäten zur Verfügung. Beabsichtigt ist, die Ausstellung auch in Europa und Deutschland zu präsentieren.

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