Temuco taucht ab

Erstmals hat der chilenische Staat vergangene Woche eine Gesundheitswarnung für Temuco ausgerufen. Doch auch in anderen Städten ist die Luftverschmutzung extrem hoch.

Drei Tage lang hatten die Behörden Smogwarnung für Temuco und die Gemeinde Padre Las Casas ausgerufen. Aufgrund weiter steigender Atemwegserkrankungen der dortigen Bevölkerung fuhr dann Gesundheitsminister Jaime Mañalich auf Anordnung von Staatspräsident Sebastián Piñera in die IX. Region und verhängte die Gesundheitswarnung, die als radikale Maßnahme seit dieser Woche greift: Das Verbot von Verfeuern von Leña-Holz, das für die hohe Konzentration von Feinstaub in der Luft verantwortlich gemacht wird.

Betroffen sind rund 40.000 Haushalte, in denen es bisher in den Öfen knisterte und qualmte. 20 Patrouillen-Teams der Stadt sollen kontrollieren, ob die Heizungen auch tatsächlich ausbleiben. Bei Nichteinhaltung drohen Strafen bis zu einer Million Pesos und mehr. Doch angesichts der niedrigen Temperaturen dieser Tage um die Null herum ahnte wohl auch der regionale Verwaltungsleiter Andrés Molina, dass es schwer werden würde, sein Mitbürger zum freiwilligen Frieren zu überreden. «Wir bitten alle Bürger darum, gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um die Feinstaubbelastung endlich zu senken.»

Die Konzentration dieser PM 2,5 – Particulate Matter gemessen in Mikrometern – hatte in den vergangenen Tagen und Wochen bereits an 22 Tagen zwischen 100 und 169 Mikrogramm pro Kubikmeter betragen, was laut chilenischem Standard als «schlecht» eingestuft wird. Wird der höhere Grenzwert 169 überschritten, erfolgt eine Smogwarnung.

Die besonders kleinen Feinstaubpartikel verringern nicht nur die Sichtweite, sondern lassen beim Einatmen den Organismus anfälliger für Virus- und Bakterienerkrankungen werden. Das Hospital Hernán Henríquez in Temuco registriert an solch kritischen Tagen im Schnitt 180 ärztliche Behandlungen von Atemwegserkrankungen, insgesamt sind es 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Feinstaubpartikel in der Luft steigern das Risiko von akuten und chronischen Erkrankungen bis hin zu Lungenentzündungen und Krebs. Sie können zudem dauerhaft für erhöhten Blutdruck sorgen, Herzinfarkte auslösen und auf lange Sicht die Lebenserwartung herabsenken.

«Wir erleben hier unser `schwarzes Erdbeben´ aufgrund der schlechten Luftqualität», äußerte sich Luis Díaz von der Universidad Católica de Temuco. Die Behörden raten, keinen Sport zu treiben und nur mit einer Atemschutzmaske auf die Straße zu gehen. Doch der Experte für Luftqualität schüttelt über solche Ratschläge nur den Kopf: Luis Díaz: «Innerhalb der Wohnung können ebenfalls hohe Feinstaubkonzentrationen auftreten.»

Dabei ist das Problem, das von den blökenden Holzscheiten ausgeht, nicht neu. Seit Jahren ringen auch andere Städte mit schlechter Luftqualität. Die WHO empfiehlt als Grenzwert höchstens 20 Mikrogramm PM 2,5 pro Kubikmeter im Jahresdurchschnitt. Laut einer Untersuchung vom Zentrum für Nachhaltigkeit an der Universidad Andrés Bello liegen Osorno (64,5), Temuco (56,2), Rancagua (50,3) sowie Concepción (46,3) doppelt bis dreifach über dieser Marke. Noch schlimmer sieht es bei den Tageswerten aus: Hier nennt der chilenische Gesetzgeber eine maximale Zulassung von 50 Mikrogramm PM 2,5. Osorno (317,6) und Rancagua (234,4) überbieten diese Grenze um ein Vielfaches.

Trotz der katastrophalen Situation, die schon seit Jahren bekannt ist, haben die Verantwortlichen in Politik und Regierung erst spät gehandelt. In Santiago gibt es zwar eine Norm für den Feinstaub PM 10 bereits seit 1998, doch für PM 2,5 trat die Richtlinie erst Anfang 2012 in Kraft. Zudem sind Fahrverbote und Einschränkungen für Industrieanlagen nur am PM 10 gekoppelt. Das führte am 10. Juni zur paradoxen Situation, dass beim niedrigen PM 10 und hohem PM 2,5 keine Smogwarnung ausgerufen wurde. «Das bedeutet, dass die betroffenen Bürger nicht einmal über die Gefahr informiert werden», erklärt Patricio Pérez vom Centro Meteorológico Ambiental.

Was für Santiago gilt, trifft auch auf die anderen chilenischen Städte zu: Insbesondere im Winter sind 70 Prozent des Feinstaubausstoßes auf das Verbrennen von Biomasse zurückzuführen. Chillán, Temuco und Osorno haben aufgrund der starken Luftbelastung Dekontaminierungspläne erlassen. Allerdings mit nur bescheidenem Erfolg. Im vergangenen Jahr wurden in Temuco 519 alte Heizgeräte durch neue, emissionsärmere ersetzt: in diesem Jahr sollen es 1.870 sein. Die Gesamtzahl der rauchenden Wärmequellen in den Haushalten wird auf 90.000 geschätzt. Auch bei der Wärmeisolierung von Gebäuden ist man nicht viel weiter: 2.139 Gebäude waren es 2011, im vergangenen Jahr 2.730.

«Man hätte die aktuelle Situation vermeiden können, wenn zur rechten Zeit die geeigneten Maßnahmen ergriffen worden wären», sagte Chiles Umweltministerin María Ignacia Benítez gegenüber CNN. «So haben wir mindestens zehn Jahre verloren.»

Andrea Flies vom Umweltministerium der IX. Region gewinnt der Notverordnung für Temuco aber auch etwas Positives ab. Jetzt könnte wenigstens gehandelt werden. «Der bisherige Dekontaminierungsplan war eine Totgeburt. Es fehlte am politischen Willen und finanziellen Mitteln. Dem Umweltthema wurde einfach keine Bedeutung geschenkt.»

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