Symbol des kühlen Machtmenschen

Er war «Politstar», lange, bevor es das Wort überhaupt gab. Auch das Wort «Pendeldiplomatie» existiert erst seit Henry Kissinger. Am Montag wurde der Mann aus Fürth 90 Jahre alt.

 

Den früheren US-Außenminister Henry Kissinger (li.) und den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt verbindet eine enge Freundschaft. Im Foto sind die beiden Staatsmänner bei einem Treffen im Jahr 1974 zu sehen.

Washington (dpa) – Dass er Humor besitzt, hat Henry Kissinger erst kürzlich wieder bewiesen. «Mindestens vier US-Außenminister sind Präsidenten geworden», sinnierte der Mann aus Franken bei einem Empfang in Washington. Als gebürtiger Ausländer habe die Verfassung ihm bekanntlich den Weg in Weiße Haus versperrt. Er habe damals als Außenminister «alle möglichen Tricks erwogen, um das zu umgehen», scherzt der weißhaarige Machtmensch, der in den 1970er Jahren zum ersten weltweiten «Politstar» wurde.

Kissinger ist sichtlich alt geworden. Er geht am Stock, hat ein Greisengesicht. Doch zu Wort meldet er sich immer noch. Mal mokiert er sich über «deutschen Pazifismus» und «deutsche Selbstherrlichkeit», mal räumte er eigene Schwächen bei den Vietnam-Friedensgesprächen ein.

«Wir wussten, dass es sich um ein heikles Abkommen handelt», sagte Kissinger zu dem Vertrag, den er in klassischer Geheimdiplomatie einfädelte und 1973 mit Nordvietnam in Paris abschloss. Ironie der Geschichte: Das Abkommen brachte ihm zwar den Friedensnobelpreis. Frieden für Vietnam brachte es allerdings vorerst nicht.

Seine deutschen Wurzeln hatte Heinz Alfred Kissinger niemals verloren. Er war 15, als seine jüdischen Eltern mit ihm nach New York flüchteten. «Ich bin Amerikaner und bleibe Amerikaner», sagte er später einmal. 13 seiner Verwandten wurden im Holocaust ermordet. Doch mehrfach besuchte er seine Heimatstadt Fürth. «Ich denke nicht mehr an die schlechten Dinge», sagte er bei einem Besuch.

Noch heute, wenn der alte Mann sich mit seinem markanten Bass zu Wort meldet, hört man ihm nicht nur an, dass er aus Deutschland stammt. Der Kundige erkennt sofort, dass er ein Franke ist. Noch im vergangenen Jahr konnte sich der Fußballfan Kissinger freuen, dass sein Heimatverein SpVgg Greuther Fürth in die erste Liga aufstieg. Der alte Mann nahm sogar die Mühe auf sich und besuchte ein Heimspiel.

Der Aufstieg Kissingers liest sich wie ein Stück des amerikanischen Traums: Die fremde Sprache lernte er nach eigenen Worten innerhalb von Wochen. Nach Schule und Militärzeit studierte der Hochbegabte in Harvard; später lehrte er hier, knüpfte erste Kontakte. 1969 berief Richard Nixon ihn zum Sicherheitsberater, später zum Außenminister. In Sachen Außenpolitik war er der einflussreichste Politiker in Washington.

Das «Phänomen Kissinger»: Sein Metier war die Geheimdiplomatie und dennoch wurde er zum Medienstar, zur schillernsten Figur der US- Politik. Sein Meisterstück war die Annäherung an China Anfang der 1970er Jahre.

In geheimer Mission reiste Kissinger nach Peking, ebnete den Weg für einen Besuch Nixons und die Normalisierung der Beziehung. Für beide Länder war das damals geradezu ein revolutionärer Akt. Die USA wollten während des Kalten Krieges die Sowjetunion unter Druck setzen. Kissinger wurde der gefeierte Architekt der amerikanisch-chinesischen Annäherung. Nicht zufällig hatte er über Metternich promoviert.

Ins Rampenlicht der Medien rückte Kissinger ebenfalls, als er 1973/74 das Ende des Jom-Kippur-Krieges im Nahen Osten aushandelte. Immer wieder reiste er zwischen Israel, Ägypten und Syrien hin und her; das Wort «Pendeldiplomatie» wurde geboren. Erneut wurde der Diplomat zum Star.

Ganz nebenbei machte Kissinger auch durch Kontakte zu Showstars wie Frank Sinatra sowie durch «Frauengeschichten» Furore; unter anderem soll er eine Affäre mit Gina Lollobrigida gehabt haben. «Macht ist das stärkste Potenzmittel», soll er einmal gesagt haben.

Doch auf den große Mann der US-Diplomatie fielen auch dunkle Schatten. Kritiker sagen, dass der Abschluss des Vietnam-Friedensabkommens in Paris nichts als ein PR-Event gewesen sei, um den Amerikanern und der Welt Sand in die Augen zu streuen. «Ending the War and Restoring Peace in Vietnam», hieß das Dokument, das mit viel Getöse 1973 unterzeichnet wurde. Tatsächlich gab es nicht einmal einen echten Waffenstillstand.

Den Siegeslauf der vietnamesischen Rebellen und der Nordvietnamesen konnte das Abkommen nicht stoppen: Zwei Jahre später eroberten die Kommunisten Saigon. Die Bilder der verzweifelten Flucht der Amerikaner gingen um die Welt. Der Realpolitiker Kissinger hatte verloren.

«Amerika wollte einen Kompromiss, Hanoi den Sieg», sagte Kissinger unlängst. Sein Gegenspieler Le Duc Tho hatte seinerzeit den Nobelpreis abgelehnt, weil es keinen Frieden gab. Kissinger nahm den Preis an.

Ein weiterer Makel ist nach Ansicht von Kritikern Kissingers Schlüsselrolle, die er bei der geheimen Bombardierung Kambodschas gespielt habe. Schwer wiegen auch die Vorwürfe wegen seiner Rolle beim Militärputsch 1973 in Chile, bei der sich Präsident Salvador Allende in aussichtsloser Lage das Leben nahm. Chilenische Anwälte einer Menschenrechtsorganisation reichten Klage gegen den «Realpolitiker» Kissinger ein. Doch vor dem Gericht in Chile ist Kissinger niemals erschienen.

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