Süßes Gift für die Massen

4203_p2_1

Der Deutsch-Chilene Axel Kaiser und die Guatemaltekin Gloria Álvarez demaskieren den Linkspopulismus in Lateinamerika und bieten einen liberalen Gegenentwurf.

Von Arne Dettmann

Wir befinden uns im Jahr 2016. Die ganze Welt ist nach dem Berliner Mauerfall 1989 und dem Untergang des Ostblocks vom Kommunismus befreit. Die ganze Welt? Nein! In Lateinamerika hören einige Länder nicht auf, mit den sozialistischen Ideen zu liebäugeln und sie in die Tat umzusetzen.

So oder so ähnlich hätten Axel Kaiser und Gloria Álvarez ihr Buch «El engaño populista» in Anlehnung an die Asterix-Komikhefte einleiten können, in denen die störrischen, etwas primitiven Gallier einfach nicht nachgeben, obwohl die Römer ihnen doch Kultur beibringen wollen. In diesem Fall handelt es sich bei den Widerspenstigen jedoch nicht um prügelnde Keltenhorden, sondern um linke Populisten wie die chilenische Kommunistin Marta Harnecker, die versprechen, mit dem Sozialismus würden Liebe, Solidarität und Gleichheit eintreten, also der Himmel auf Erden.

Das Gegenteil sei ausnahmslos der Fall, kontern die Autoren. Ob Kuba, Bolivien, Ecuador, Argentinien, Venezuela, Brasilien oder Nicaragua – überall hätten die veralteten Rezepte um Staatslenkung totalitäre Regime, wirtschaftlichen Niedergang und Gewalt hervorgebracht. Schillerndstes Beispiel dürfte derzeit Venezuela sein. Eigentlich könnte das Land mit seinen riesigen Rohstoffressourcen unter den augenblicklich positiven internationalen Rahmenbedingungen florieren. Stattdessen steht das Land angesichts von Lebensmittelknappheit kurz vor einem Bürgerkrieg.

Wohin die gefährliche Reise führen kann, sich sozialistischen Abenteuern zu verschreiben, zeigen Axel Kaiser und Gloria Álvarez an zwei Beispielen. Argentinien gehörte bis zum Ersten Weltkrieg zu den zehn reichsten Staaten dank einer liberalen Wirtschaftsordnung, die dann aber zunehmend von Staatsinterventionismus abgelöst wurde. 100 Jahre später übernimmt der aktuelle Präsident Mauricio Macri von seiner Vorgängerin Cristina Kirchner ein Land mit einer der höchsten Inflationsraten weltweit bei gleichzeitig hoher Korruption und gestiegener Armut. Chile dagegen schaffte es, den ökonomisch desaströsen Zustand der Allende-Regierung der 70er Jahre hinter sich zu lassen und sich dank eines liberalen Modells zum Land mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Region aufzuschwingen.

Doch wenn Marktfreiheit so offensichtlich mit erhöhter Wettbewerbsfähigkeit und einer robusteren Volkswirtschaft einhergeht, warum erliegen lateinamerikanische Staaten immer wieder der linken Versuchung? Wieso geht vom Sozialismus eine – so Joseph Ratzinger –«fast mystische Faszination» aus?

Kaiser und Álvarez sprechen von einer so genannten kulturellen und intellektuellen Hegemonie, einer Art Vorherrschaft von linken Überzeugungen und Anschauungen in Lateinamerika, wonach der Kapitalismus und Neoliberalismus für alle soziale Missstände verantwortlich gemacht werden. Staatseingriffe gelten daher als «gerecht» und werden als «gut» bewertet. Im Gegensatz zu angelsächsisch geprägten Staaten wie den USA seien Bürger in Lateinamerika vielmehr davon überzeugt, dass alleine die Regierung für das Heil der Menschen verantwortlich ist.

Linkspopulisten – zu denen die Autoren auch Michelle Bachelet zählen – hätten somit leichtes Spiel. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts bahne sich seinen Weg zur Macht nicht wie einst Che Guevara über einen Guerillakampf im Dschungel, sondern mittels üppiger Wahlversprechen. Einmal im Regierungspalast angelangt, würde dann unter dem Deckmantel der Demokratie die Aushöhlung der individuellen Freiheits- und Eigentumsrechte und eine autoritäre Politik stattfinden – mit unabsehbaren Folgen für die Bürger. In Chile stünde derzeit nicht weniger als der bisher erreichte Wohlstand auf dem Spiel, denn Steuer-, Bildungs- und Arbeitsmarktreform der Bachelet-Regierung würden einen klaren Richtungswechsel hin zu einer verstärkten Staatseinmischung bedeuten.

Die Autoren begnügen sich nicht mit dieser Warnung. Der Kampf gegen den Populismus könne nicht in der Politikarena, sondern in erster Linie auf dem Schlachtfeld der Ideologien und der Werte gewonnen werden. Nur wer an den Universitäten, Schulen, in den Medien, in der Kirche, in Kunst und Kultur ein Umdenken einleite, habe eine reelle Chance, den Massenverführern das Wasser abzugraben. Insbesondere Unternehmer seien gefragt, sich nicht länger passiv-opportunistisch zu verhalten, sondern beispielsweise über Institute wie «Denkfabriken» (think tanks) liberale Konzepte im Bewusstsein der Bürger zu verbreiten.

«El engaño populista» ist somit in erster Linie ein gelungenes, erfrischend geschriebenes Plädoyer, nicht einer sozialistischen Utopie leichtfertig zu verfallen und der vereinfachenden, polarisierenden Rhetorik Glauben zu schenken. Nicht ein «ungehemmter Kapitalismus» oder ein «menschenverachtender Neoliberalismus», wie im Jargon von linkgerichteten Politikern so häufig kolportiert, seien Schuld an der lateinamerikanischen Unterentwicklung, sondern waghalsige sozialistische Projekte, die am Ende nur einen Gewinner und viele Verlierer haben: einen autoritären Führer, den Caudillo, sowie verarmte, unterdrückte Massen.

Denkwürdige Anmerkungen lassen sich trotzdem anbringen. So mag es historisch-empirisch durchaus richtig sein, dass Industrielle Revolution und Kapitalismus der westlichen Welt Reichtum gebracht und dazu eine niedrige Kindersterblichkeit und eine höhere Lebenserwartung beschert haben. Doch haben alle diese Staaten wirklich ausschließlich auf den radikalen Laissez-faire-Liberalismus gesetzt? Länder wie Taiwan, China, Indien und Südkorea verfolgten in ihrem Entwicklungsmodell eine Mischung aus Freihandel bei gleichzeitiger zielgerichteter Subventionierung von Unternehmen, die später privatisiert wurden und sich der offenen Konkurrenz stellen konnten. Auch staatliche Forschungseinrichtungen unterstützten dort die Entwicklung marktreifer Produkte. Deutschland wiederum geht mit der Sozialen Marktwirtschaft seinen eigenen Weg des Neoliberalismus.

Die Lektüre von «El engaño populista» dürfte also von Erfolg gekrönt sein, wenn der Leser anschließend nicht nur den Linkspopulismus kritisch analysiert, sondern auch den liberalen Gegenentwurf einer Prüfung unterzieht.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*