Marine Le Pen profitiert von Frust und Angst

Präsidentschaftswahl in Frankreich am 23. April

Marine Le Pen im Wahlkampf Frankreich
Die französische Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Partei Front National (FN), Marine Le Pen, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung in Lyon. Foto: Michel Euler/AP/dpa

Der Zuspruch für die Front National ist in Frankreich so stark wie noch nie vor einer Präsidentschaftswahl. Warum kann Marine Le Pen mit ihren nationalistischen Tönen punkten?

Paris (dpa) – Ein Schrei donnert von den Rängen. Eine Gruppe Männer stimmt den Schlachtruf an, und Hunderte fallen ein, blau-weiß-rote Fahnen schwingend: «On est chez nous», «Wir sind hier zuhause». Eine Parole, die für Zorn auf das Fremde steht, auf Einwanderung und Konkurrenz aus dem Ausland, für das Gefühl von Bevormundung aus Brüssel und Berlin. Es ist der Frust, der Marine Le Pen stark macht.

Der Höhenflug der Front-National-Chefin lässt die französische Präsidentschaftswahl im April und Mai auch zu einer Abstimmung über Europa werden. Zum ersten Mal ist ein Sieg der Rechtspopulistin keine abseitige Vorstellung, die einfach beiseite geschoben werden kann. Was ist los, dass Rufe nach Abschottung so ein starkes Echo finden?

Für viele Anhänger verkörpert sie die Hoffnung auf Erneuerung. Die Arbeitslosenquote liegt in Frankreich bei 10 Prozent, also viel höher als in Deutschland. Dass seit 2007 weder der konservative Staatschef Nicolas Sarkozy noch sein sozialistischer Nachfolger François Hollande das Problem in den Griff bekamen, wird oft als Argument gegen die beiden traditionellen Regierungsparteien genannt.

Die Leute hätten weniger Hemmungen, sich als FN-Wähler zu bekennen, sagt Valérie Igounet. Die Historikerin beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit der Rechtsaußen-Partei. Die Wähler stellten sich heute hinter die Ideen der Front National: Sei es die Fremdenfeindlichkeit oder der Nationalismus. Häufig genannte Themen seien wirtschaftliches Leid und eine gespürte Bedrohung der französischen Identität. «Ihre Wahlentscheidung drückt ein Gefühl des Verrats und der Enttäuschung aus», heißt es in ihrem neuen Reportage-Buch zum Thema.

Migration ist eines der Hauptthemen der FN. Marine Le Pen will sie zurückfahren. Die Zuwanderung ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen – einen Zustrom wie Deutschland in der Flüchtlingskrise erlebte das Land aber längst nicht. Das Thema wird meist mit dem Fokus auf eine stärkere Präsenz des Islam kritisiert, die seit Jahren zu Debatten über die französische Identität führt. Die islamistische Terrorserie hat die Brisanz nochmals erhöht.

Ein weiteres «heißes» Thema ist die Europäische Union: Le Pen fordert die Rückkehr zur nationalen Währung Franc und will die Franzosen über den EU-Austritt abstimmen lassen. «Man kann sich recht schnell auf die Verhandlung für den Frexit einigen», sagte die Chefin der rechtsextremen Front National (FN) der Tageszeitung «Le Monde». Die Wortschöpfung «Frexit» lehnt sich an den «Brexit» an, also den Austritt Großbritanniens aus der EU. «Von dem Augenblick an, in dem das französische Volk sagt, dass es nicht mehr in der EU bleiben will, werde ich alle Maßnahmen in die Tat umsetzen, die von der EU verboten wurden – wie es die Premierministerin Theresa May im Vereinigten Königreich macht», sagte Le Pen.

Die Franzosen wählen am 23. April. Le Pen hat dann gute Aussichten die Stichwahl am 7. Mai zu erreichen, denn laut Umfragen könnte sie in der ersten Runde der Präsidentenwahl mindestens 25 Prozent der Stimmen bekommen. Ihr Einzug in die Stichwahl sei damit sehr wahrscheinlich.

Dort muss sie sich wahrscheinlich Emmanuel Macron stellen. Der unabhängige Politiker hat vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl beste Aussichten auf einen Erfolg. Laut einer Umfrage des Instituts Harris Interactive kommt der frühere Wirtschaftsminister derzeit auf 26 Prozent der Stimmen. Der Konservative François Fillon erreicht 18 Prozent. In der entscheidenden zweiten Wahlrunde am 7. Mai würde sich der Umfrage zufolge Macron deutlich durchsetzen. 65 Prozent der Befragten würden ihn wählen, Le Pen 35 Prozent. Der tatsächliche Ausgang ist natürlich offen.

 

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