Cóndor-Umfrage: Kiffen in Chile mit staatlicher Erlaubnis?

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In Chile könnte schon bald das Rauschmittel Cannabis zu medizinischen Zwecken erlaubt und der Anbau zum Eigengebrauch straffrei sein.

Von Arne Dettmann

Eigentlich ist das Rauchen von Marihuana in Chile verboten. Eigentlich. Doch wer an Universitäten, Bars und öffentlichen Plätzen vorbei geht, der riecht mitunter den süßlichen Grasduft der Hanfpflanze. Laut Schätzungen des nationalen Drogenberichtes konsumieren mehr als 250.000 Personen hierzulande das Rauschmittel Cannabis, so der wissenschaftliche Name der Gattung Hanf.
Die Tendenz war in den vergangenen Jahren klar steigend. Laut dem aktuellen Drogenbericht der Weltgesundheitsorganisation konsumieren 15,7 Prozent aller 13-Jährigen in Chile Cannabis, während es 1995 nur drei Prozent waren. Bei den 17-Jährigen waren es damals 21,4 Prozent, heute sind es bereits 38,9 Prozent. Gegenwärtig sind 62,2 Prozent der neuen Kiffer zwischen 12 und 25 Jahre alt.

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Aus den Zahlen spricht vor allem eins: Das Kiffen von Marihuana, das Rauchen der getrockneten, zerkleinerten Blütentrauben der weiblichen Hanfpflanze, gilt als unbedenklich, und der illegale Konsum des weißen, süßlichen Duftes entspannt offenbar nicht nur den Raucher selbst, sondern zieht wohl nur sehr selten einen Skandal, geschweige denn eine Strafanzeige nach sich.
Und geht es nach Willen der chilenischen Regierung, dann könnte das Rauschmittel bald auch per Gesetz erlaubt sein. Nach Uruguay und Mexiko plant Chile als drittes lateinamerikanisches Land die Entkriminalisierung des Rauschmittels und will den Konsum und Anbau von Marihuana legalisieren – zumindest teilweise.
Das Gesetz sieht vor, dass zukünftig Marihuana zum Eigenbedarf und aus medizinischen Gründen mit maximal sechs Pflanzen pro Wohnung und Person angebaut werden darf. Der Handel mit Cannabis sowie der Verkauf sollen aber weiterhin verboten bleiben. Wer also dann zehn Gramm Marihuana besitzt und volljährig ist, macht sich nicht strafbar.

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Erst vor Kurzem hatte Mexikos Oberstes Gericht den Konsum und Anbau von Marihuana für den Eigenverbrauch legalisiert – allerdings nur für vier Kläger. Das generelle Konsumverbot sei demnach verfassungswidrig und damit untersagt, urteilte die Kammer. Der Handel mit der Droge bleibt weiterhin untersagt. Während Mexiko seit Jahren unter einem blutigen Drogenkrieg zwischen Kartellen und Sicherheitskräften leidet, dem schon zehntausende Menschen zum Opfer gefallen sind, hat Uruguay diese Auseinandersetzung gegen die Mafia bereits 2013 aufgegeben und als erstes Land weltweit den staatlich kontrollierten Anbau und Verkauf von Cannabis legalisiert. Dort dürfen registrierte Konsumenten monatlich bis zu 40 Gramm Cannabis kaufen.
Auch die USA hatten jahrelang eine harte Antidrogen-Politik in Lateinamerika gefahren, was sich als wenig effektiv erwies. Nun scheint bei einigen Politikern ein Umdenken einzusetzen, zumal viele US-Bundesstaaten den Marihuana-Konsum mittlerweile erlauben. 23 US-Staaten haben den Verkauf schon ganz oder teils legalisiert, meist zu medizinischen Zwecken. Nun könnte Chile folgen.
Das Parlament hat im Juli vergangenen Jahres einer Reform des Drogengesetzes Nummer 20.000 zugestimmt. Demnach dürften bald auch Apotheken Cannabis-Produkte gegen Vorlage eines Arztrezeptes verkaufen. Allerdings muss der Senat diese Änderung noch absegnen.

Situation in Deutschland

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Die derzeitige Rechtslage in Deutschland ist wie folgt: Nach dem Betäubungsmittelgesetz sind Anbau, Herstellung, Erwerb, Besitz, Ein- und Ausfuhr, Verkauf strafbar.
Es gibt allerdings genehmigungspflichtige Ausnahmen für wissenschaftliche oder medizinische Zwecke, da Cannabis zum Beispiel bei der Behandlung von Multipler Sklerose zugelassen ist. Unter bestimmten engen Voraussetzungen können Patienten zudem zur medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb des «Medizinalhanfs» erhalten. Dieser wird in den Niederlanden unter staatlicher Kontrolle angebaut und in Deutschland in Apotheken abgegeben.

Im Jahr 2012 hat in Deutschland jeder dreizehnte Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren (7,8 Prozent) mindestens schon einmal im Leben Cannabis zu sich genommen (Lebenszeitprävalenz). 5,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen konsumierten in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung Cannabis (Zwölf-Monats-Prävalenz), 1,3 Prozent davon regelmäßig.
Die Offenheit und Akzeptanz gegenüber dem illegalen Konsum von Cannabis ist gestiegen. Abhängigkeit von Cannabis oder missbräuchlicher Konsum dieser Substanz bestehen bei 0,5 Prozent der deutschen Erwachsenen. Cannabiskonsum ist bei den unter 25-Jährigen mittlerweile der Hauptgrund für eine ambulante und stationäre Behandlung sowie die Inanspruchnahme von Einrichtungen der Suchthilfe bei Problemen mit illegalen Drogen. Cannabis bleibt damit weiterhin das wichtigste Thema in der Prävention illegaler Suchtstoffe.

Dies spiegelt sich wider in der hohen Nachfrage nach cannabisbezogener Beratung und Behandlung: 38,7 Prozent aller Klienten haben Probleme mit ihrem Cannabiskonsum, bei den erstmaligen Behandlungen beträgt deren Anteil bereits fast 60 Prozent. Hochgerechnet ist davon auszugehen, dass rund 600.000 vorwiegend junge Menschen Probleme mit dem Konsum von Cannabis haben.

Quelle: Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Gesundheitsministerium

 

 

Die Risiken des Cannabis-Konsums

Immer wieder wird darüber gestritten, inwieweit der Konsum von Cannabis gesundheitsschädlich ist. Befürworter der Substanz verweisen dabei gerne auf die Wirksamkeit des Cannabis in der Schmerztherapie, die tatsächlich gut dokumentiert und wissenschaftlich nachgewiesen ist.
Allerdings müsste im gleichen Atemzug gesagt werden, dass Cannabis eine berauschende Substanz darstellt. Hauptwirkstoff des Hanfgewächses ist Tetrahydrocannabinol, kurz THC, das sich im menschlichen Gehirn andocken kann. Dort befindet sich für den Wirkstoff ein Rezeptor, was die psychoaktive Wirkung von Cannabis erklärt. Und das bedeutet auch: Missbrauch von Marihuana ist gesundheitsgefährdend.
So ist mittlerweile gut belegt, dass regelmäßiger Cannabiskonsum abhängig machen kann. Zwar begibt sich nicht jeder, der zum Gras greift, automatisch in eine Abhängigkeit. Wer aber ein Joint täglich raucht und zudem früh als junger Mensch damit angefangen hat, erhöht sein eigenes Suchtrisiko. Zu den typischen Entzugserscheinungen zählen zum Beispiel leichte Reizbarkeit, Freudlosigkeit, Schlafstörungen, Appetitmangel und ein heftiges Verlangen nach dem Stoff.4170_p8-9_3
Was für den Tabakkonsum gilt, trifft auch auf Marihuana zu: Es schädigt die Atemwege und die Lunge. Dazu können Entzündungen der Atemwege, Atemnot und ein verschleimter Husten zählen. Marihuana-Raucher weisen besonders häufig Anzeichen einer chronischen Bronchitis auf. Weitgehend unbestritten ist zudem, dass ein erhöhtes Krebsrisiko beim Rauchen von Cannabis besteht.
Bei den Auswirkungen auf die Psyche wird die Datenlage dagegen uneinheitlich, und es lassen sich keine pauschalisierende Antworten formulieren. Ungeklärt bleibt, ob Cannabis schädigend wirkt, und wenn ja, für wen das gilt und ab welcher Dosis. Dass Joints psychische Probleme wie Ängste und Depressionen auslösen, ist nicht belegt. Wer aber als Jugendlicher regelmäßig Joints geraucht hat, dessen Nervenzellen waren in manchen Bereichen des Gehirns weniger aktiv, etwa in Regionen, die für Lernen, Gedächtnis oder Selbstkontrolle zuständig sind.
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