«Guten Morgen» statt «Namaste»

In Indien erschallen aus einigen Klassenzimmern keine Sätze in Hindi oder Bengalisch, sondern in Deutsch. Bald schon sollen eine Million Inder Deutsch können – schwer fällt ihnen das Lernen nicht.

Noida (dpa) – «Wo steht das Verb?», fragt Lehrerin Shipra Sharma ihre indischen Schüler auf Deutsch. «Das Verb steht immer an der zweiten Stelle», schallt es im Chor zurück. Aufmerksam beachten die 12- bis 14-Jährigen in ihren grau-weiß gemusterten Schuluniformen, wie Sharma den nächsten Satz mit Filzstift an die Kunststofftafel schreibt. Dann fragt sie nach den richtigen Artikeln zu Substantiven: der, die oder das, ein oder eine? Alles kein Problem für die Neuntklässler.

Die Schule in Noida gehört zur staatlichen Kette Kendriya Vidyalaya, in deren Klassen vor allem Beamtenkinder sitzen. An 330 dieser Schulen wird bereits Deutsch unterrichtet, und bald sollen es mehr als 1.000 sein. Der deutsche Botschafter in Indien, Michael Steiner, hat schon zahlreiche dieser Schulen besucht und wurde überall mit «Guten Morgen» statt der Hindi-Begrüßung «Namaste» empfangen. «Bis 2017 werden eine Million indische Schüler zumindest Grundkenntnisse in Deutsch haben», freut sich Steiner.

Über die Sprache sollten junge, qualifizierte Inder an Deutschland herangeführt werden. «Davon werden wir in Zukunft profitieren. Für deutsche Unternehmen ist Indien ein Zukunftsmarkt», sagt Steiner. «Schon jetzt besteht ein großer Bedarf an Deutsch sprechenden indischen Fachkräften.»

Seit fünf Jahren arbeitet das Goethe-Institut an der Umsetzung der Idee, Deutsch als Fremdsprache einzuführen – oft gegen die schwerfällige indische Bürokratie. «Bei einem Gespräch zog ein Funktionär aus seiner Schublade ein mehrere Zentimeter dickes Schulgesetz hervor und sagte: Madam, zeigen Sie mir darin das Wort ”Fremdsprache”», erinnert sich Projektleiterin Puneet Kaur.

In Indien werden nach Zensus-Daten 122 Sprachen gesprochen. Englisch wird dank der britischen Kolonialgeschichte von den meisten nicht als Fremdsprache wahrgenommen und dient in den Schulen oft als Unterrichtssprache – Platz für Fremdsprachen ist da nach Ansicht einiger nicht mehr.

«Und da es bislang in Indien keinen Fremdsprachenunterricht gab, gab es natürlich auch keine Ausbildung dafür an den Universitäten», erklärt Kaur die Probleme. Doch das Goethe-Institut konnte bei der Suche nach Lehrern auf die zahlreichen Deutschschüler der eigenen Unterrichtsklassen zurückgreifen. Allein im vergangenen Jahr waren landesweit rund 13.000 Kursteilnehmer eingeschrieben, Tendenz steigend.

Es gebe also eigentlich genug Lehrer, meint Kaur. Doch die Kendriya-Vidyalaya-Schulen liegen oft dort, wo das Militär stationiert ist: in Hochburgen der Maoisten-Rebellen oder in abgelegenen Gegenden. Nicht gerade attraktiv, meint Kaur. Rund um die Hauptstadt Neu Delhi hingegen ist die staatliche Schulkette mittlerweile nicht mehr alleine, auch an privaten Schulen wird immer häufiger Deutschunterricht eingeführt.

Schließlich sei die Sprache «total schnell» zu lernen, meinen die Schüler in Noida nach drei Jahren Unterricht. «Ich finde es super einfach», sagt etwa die zwölfjährige Aditi fast akzentfrei. «Es ist doch wie Englisch!» Lehrerin Sharma ergänzt, dass Inder besonders leicht eine neue Sprache erlernen könnten, weil die meisten von ihnen wegen all der Regionalsprachen ohnehin mindestens dreisprachig aufwüchsen.

Schulleiter R.S. Rana lobt das deutsche Bildungswesen und den starken Industriestandort mitten in Europa. «Wenn die Schüler zum Studium nach Deutschland gehen, werden sie gut ausgebildet», sagt er. Mit dem Abschluss würden sie vielleicht sogar in Deutschland eine Arbeit finden, ganz sicher aber bei einer der zahlreichen deutschen Firmen in Indien.

Bis es sowie ist, gucken die Kinder Zeichentrickserien auf Deutsch, lernen Fußballer-Namen auszusprechen und sitzen vor dem Programm der Deutschen Welle. «Wir lesen mit ihnen auch Rotkäppchen, Sindbad der Seefahrer und Aschenputtel», sagt Lehrerin Sharma.

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