Eskalation der Gewalt

Anschläge in Chiles südlichen Region Biobío, Araucanía und de Los Ríos

Araucanía, Brandanschlag, Terrorismus
Bereits zehn Attentate gab es im Januar 2017 in der Araucanía. Insgesamt brannten fünf Lastwagen, drei Häuser, sechs Schuppen, zwei Geschäfte und sieben Landwirtschaftsmaschinen ab. Eine Person fiel den Flammen zum Opfer.

 

Brennende Lastwagen und verkohlte Leichen: Die Gewalt in Chiles südlichen Regionen nimmt zu. Eine Lösung im sogenannten Mapuche-Konflikt ist nicht in Sicht.

Von Arne Dettmann

Zwischen qualmenden Trümmern fand die Polizei nur noch den verbrannten Leichnam von José Retamal Medina. Der 48-jährige Verwalter des Landgutes Clarisa bei Cañete in Chiles südlicher Region Biobío wurde im Morgengrauen am vergangenen Sonntag Opfer eines Brandanschlags. Vermutlich zwei bis drei Täter drangen auf das Grundstück ein, strangulierten offenbar einen Wachhund und legten dann Feuer. Auch ein in der Nähe stehender Lastwagen brannte ab. Die Polizei fand ein Bekennerschild: «Wer nicht hören will, muss fühlen. Gebt uns unser Land zurück, was uns gehört. Unsere Geduld ist am Ende.»

Brandstiftung Cañete
Bei der Brandstiftung auf einem Gut bei Cañete starb der Verwalter in den Flammen.

Das private Grundstück sollte demnächst an die chilenische Behörde für indigene Völker (Conadi) verkauft und dann an die zwei Mapuche-Gemeinschaften Rucañirrue und Luisa Huichalen übereignet werden. «Ich verurteile jegliche Gewalt. Wir sind gegen Terrorismus. Wir wissen nicht, wer das getan hat», erklärte Limna Ramírez Chanqueo, Vorsitzende der Huichalen-Gemeinschaft. Der ermittelnde Staatsanwalt Juan Yáñez vermutet keinen Anschlag der Aktivistengruppe Coordinadora Arauco Malleco (CAM), sondern einen isolierten Einzelfall einer anderen Organisation, die mit Gewalt für die Landrückgabe an Mapuche-Angehörigen kämpft.

Der Verwalter ist nicht das erste Todesopfer im sogenannten Mapuche-Konflikt, der sich in den vergangenen Jahren verschärft hat. Im Januar 2013 starb das Ehepaar Jorge Luchsinger und Vivianne McKay bei einem Brandanschlag in ihrem Wohnhaus auf dem Grundbesitz Lumahue bei Vilcún. Verhaftet wurde bisher nur ein Verdächtiger, der als religiöses Oberhaupt einer Gemeinschaft bekannt ist. Der Gerichtsprozess läuft bis heute.

Insgesamt 60 Lastwagen gingen vergangenes Jahr in den südlichen Regionen Biobío, La Araucanía und Los Ríos – dem traditionellen Stammgebiet der indigenen Ureinwohner Mapuche – in Flammen auf. Im Jahr 2015 waren es noch 38 gewesen. Auch Anschläge gegen Forstmaschinen nahmen zu: 24 brannten 2015 ab, vergangenes Jahr waren es bereits 85. Neun Mitarbeiter von Forstbetrieben wurden verletzt. Während in der Region de Los Ríos 2014 kein einziger Anschlag gemeldet wurde, haben sich die Straftaten nun auch dorthin ausgeweitet.

Eine neue Qualität hat der Konflikt zudem mit Kirchen als Zielscheibe von Zerstörung angenommen. 20 von ihnen in ländlichen Zonen gingen vergangenes Jahr in Flammen auf. Auch hier wurden Bekennerschreiben gefunden, in denen sich die mutmaßlichen Täter gegen Kirche und den chilenischen Staat äußern.

Seit 2014 wurden in den drei besagten Regionen mehr als 700 Strafanzeigen wegen Brandstiftung und Gewalt sowie Besetzung von Privateigentum gestellt. Laut dem Südchilenischen Verband der Lastwagenfahrer wurden seit 1997 insgesamt 207 Transporter durch Brandanschläge zerstört. «Es wird immer schlimmer. Hier gibt es ein ganz klares Sicherheitsproblem», erklärte jüngst Verbandsvorsitzender José Villagrán. «Wir fordern vom chilenischen Staat und der Polizei endlich zu handeln!»

Doch die chilenische Politik tut sich bisher schwer mit einer Lösung des Konfliktes. Linke und rechtsgerichtete Parteien streiten darüber, ob die Anschläge überhaupt als terroristische Akte von straff organisierten Gewaltgruppen einzustufen sind. Die Vereinten Nationen kritisierten 2013 Chile für die Anwendung des Anti-Terror-Gesetzes (Ley Antiterrorista), das noch aus der Regierungszeit von Augusto Pinochet stammt und der Polizei eine härtere Gangart erlaubt und höhere Strafen für Delikte vorsieht. Im November 2016 erklärte Chiles Innenminister Mario Fernández, die Araucanía brauche keine speziellen Gesetze, die aktuelle Rechtsprechung reiche aus, «richtig angewendet von Staatsanwälten und Richtern und mit Hilfe der Polizei». – Lokale Nichtregierungsorganisationen werfen allerdings gerade der Polizei zu lasches Vorgehen und der Politik insgesamt eine passive Haltung vor.

Auch über den Erfolg oder Misserfolg der Landrückgabe an Mapuche-Gemeinschaften gehen die Meinungen auseinander. Experten bezweifeln einen effektiven Nutzen für die Mapuche und sehen nicht so sehr einen historisch-ethnischen Konflikt, sondern mehr ein soziales Problem: Hohe Arbeitslosigkeit, Bildungslosigkeit und Armut sind demnach Antreiber der Gewalt.

Angesichts der Eskalation von Delikten raten sowohl das Auswärtige Amt in Berlin als auch das österreichische Außenministerium davon ab, nachts in der Region Araucanía Fernstraßen zu befahren. Auch die Schweiz warnt vor Straßensperren und vereinzelten gewalttätigen Übergriffen extremistischer Elemente auf Busse. «Ohne selbst Ziel davon zu sein, könnten Reisende unversehens davon betroffen sein. Lassen Sie Vorsicht walten.»

 

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*