Die «Bachaqueros» und die Schlangen von Caracas

Hunderte Menschen stehen in einer Schlange in der venezolanischen Hauptstadt Caracas, um Lebensmittel einzukaufen. In dem Land mit den größten Ölreserven der Welt herrscht eine dramatische Versorgungskrise. Foto: Georg Ismar/dpa
Hunderte Menschen stehen in einer Schlange in der venezolanischen Hauptstadt Caracas, um Lebensmittel einzukaufen. In dem Land mit den größten Ölreserven der Welt herrscht eine dramatische Versorgungskrise. Foto: Georg Ismar/dpa

Schlangen, Schlangen, Schlangen. Die Menschen, die in Venezuela für Brot, Milch und Medikamente stundenlang anstehen, sind die Gesichter der beispiellosen Krise im Land mit den größten Ölreserven der Welt. Aber es gibt auch gut verdienende Profiteure des Versorgungsdramas.

Caracas (dpa) – Der 30-Jährige Bryan, so sein falscher Name, ist ein gut verdienender «Bachaquero», ein Krisengewinner in dem gebeutelten Land, in dem das Sozialismusprojekt völlig aus dem Ruder gelaufen ist. So sehr, dass zuletzt zehntausende Venezolaner eine Grenzbrücke zu Kolumbien stürmten, um angesichts der nach Grenzkonflikten nur kurzfristig geöffneten Grenze im Nachbarland viele Lebensmittel, Medikamente und andere Dinge einkaufen zu können.

«Es gibt tausende Bachaqueros», sagt Bryan. Das Wort, übersetzt Schwarzmarkthändler, dürfte das Zeug zum Wort des Jahres in dem am Rand des Ruins stehenden Landes haben. Vor ein paar Minuten ist ein schwarzer Audi

vorgefahren, ein Mann kam heraus, überreichte eine Kiste mit Thunfischdosen, der Wagen fuhr weg. Bryan arbeitet in Caracas als Verkaufsagent für Kinderkleidung, er verdient damit 60.000 Bolivares im Monat, nach dem Schwarzmarktkurs sind das rund 60 US-Dollar. Nun verdient er 200.000 Bolivares zusätzlich, dank des Schwarzmarktes.

Treiber für diese Schattenwirtschaft ist die Inflation, die höchste der Welt, und die Rezession, es fehlt zudem wegen des Rückgangs der Einnahmen aus dem Erdölgeschäft an harten Devisen wie dem Dollar, um Produkte einführen zu können. Die Inflation liegt bei über 600 Prozent. Für einen Dollar gibt es auf dem Schwarzmarkt bis zu 1.000 Bolivares, da der Hunderter der größte Schein ist, gehört das Rattern der Geldzählmaschinen zum Alltagssound in Caracas. Hinzu kommt die staatliche Festsetzung von Preisen für bestimmte Lebensmittel und Konsumgüter, die es wegen der Inflation immer schwieriger macht, kostendeckend zu produzieren; die Inlandsproduktion ist eingebrochen.

In Zeiten des Erdölbooms und hoher Einnahmen setzte das Land mit den größten Reserven der Welt auf den Import von Gütern, statt stärker die Produktion im Inland anzukurbeln. Das rächt sich nun. Es mangelt an Reis, Zucker, Mehl, Speiseöl, Milch, Seife und Toilettenpapier.

Vor den Supermärkten gibt es lange Schlangen, aber drinnen wenig zu kaufen. Bryan hat einen Kundenkreis von rund 20 Käufern der Oberschicht, denen er auf dem Schwarzmarkt gekaufte Produkte nach Hause liefert, oft findet die Übergabe in Tiefgaragen statt.

Die tiefe Krise hat in dem an Bodenschätzen so reichen Land drei Formen von Profiteuren heraufbeschworen: Der Einkäufer, der Lebensmittel ergattert; dann der Schwarzmarkthändler, der die aufgekauften Waren auf die zahlreichen Schwarzmärkte im Land bringt; und der Nach-Hause-Lieferer – das sind Leute wie Bryan.

Das Kilo Zucker kostet im Supermarkt rund 40 Bolivares, auf dem Schwarzmarkt sind es 3.500 Bolivares, Bryan verkauft für 3.900 Bolivares. Beim Kilo Mehl sieht es so aus: 190 Bolivares – 2.000 Bolivares – 2.300 Bolivares. Bei vier Rollen Klopapier: 300 Bolivares – 1.500 Bolivares – 1.800 Bolivares.

Kritiker werfen den Sozialisten um Präsident Nicolás Maduro und den mit ihnen verbündeten Bürgerwehren vor, selbst auch Lebensmittel für viel Geld an Schwarzmarkthändler zu verkaufen. «Der Staat ist der erste Bachaquero», sagt der Banker Germán García Velutini. Gerade die Nationalgarde mache Geschäfte und zweige einiges ab.

Viele Venezolaner haben kein Geld für Schwarzmarktkäufe. Zudem ist das Einkaufen für die Bürger rationiert worden. Mittwochs zum Beispiel ist die Nummer 4 dran. Die Endnummer auf dem Ausweis entscheidet, wer wann etwas kaufen darf in einem Supermarkt. Ob Brot, Mehl oder Milch auch im Ladenregal steht, ist die andere Sache. Jeden Tag kommt es zu Plünderungen in dem Land, gerade wenn neue Lastwagen mit Lebensmitteln eintreffen.

Wegen Zuckermangel musste sogar Coca Cola die Produktion zeitweise in Venezuela stoppen. Milch hat es seit Monaten nicht mehr gegeben, der Liter kostet umgerechnet 5 Dollar auf dem Schwarzmarkt, ein Drittel eines Monatsmindestlohns. Schlangen vor Supermärkten können locker mehr als 200 Meter lang werden. Geduldiges Warten ist angesagt. Es geht ums Überleben.

 

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*