Deutschland nach Köln – ein anderes Land?

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt, und doch hat sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland schon gewandelt. Die Übergriffe von Köln scheinen qualitativ etwas verändert zu haben.

Protest vor dem Kölner Bahnhof gegen Rassismus und Sexismus.
Protest vor dem Kölner Bahnhof gegen Rassismus und Sexismus.

Köln (dpa) – Der Kölner Bahnhofsvorplatz ist in diesen Tagen ein Fenster in die deutsche Seele. Auf der Treppe zum Dom liegen Blumen und Plakate. «Was hier passiert ist, ist dasselbe, was in Paris passiert ist», steht da zum Beispiel. Oder: «Ich will mich frei bewegen können, ohne Angst.»
Zum Hintergrund: Zum Jahreswechsel werden rund um den Kölner Hauptbahnhof Hunderte Frauen, so ist aus Anzeigen und Zeugenberichten zu schließen, sexuell belästigt und ausgeraubt. Die Polizei berichtet inzwischen von mehr als 500 Anzeigen. Zeugen hätten die Angreifer als Männer beschrieben, die «dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum» stammen, teilt die Kölner Polizei mit. Die Sicherheitskräfte in der Domstadt werden von Politikern beschuldigt, versagt zu haben. Kölns neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker erntet für Verhaltensempfehlungen an Frauen harsche Kritik. Auch aus Hamburg wird von ersten Fällen von Übergriffen berichtet.
Ein Mann, der eigens aus Berlin nach Köln angereist ist, schreibt eine Parole auf ein großes weißes Schild: «Die Politiker gehen den absolut falschen Weg», steht darauf. Der einsetzende Regen lässt die Schrift schnell verlaufen.
Der Bahnhofsvorplatz in Deutschlands viertgrößter Stadt ist jetzt berühmt. Die körnigen, verschwommenen Handybilder aus der Silvesternacht sind um die Welt gegangen. Der Symbolwert könnte kaum größer sein: Vorne die jungen, schwarzhaarigen Männer, die Feuerwerk in die Menge schießen; im Hintergrund die Portale, Fenster und Strebebögen jener Kathedrale, die für das christliche Abendland steht. Ein Herzstück von Deutschland in der Hand eines fremden Mobs – so erscheint es zumindest auf den Bildern.
«Das ist nicht mehr das Deutschland, das ich kenne», sagt eine Frau, nachdem sie sich die Plakate angesehen hat. Dass der Bahnhofsvorplatz zu einem rechtsfreien Raum wird, dass der Staat seine Bürger an einer so zentralen Stelle nicht schützen kann, das ist eine neue Erfahrung.
Neu ist auch, dass sich rechte Schläger im Internet verabreden, um rund um den Bahnhofsvorplatz Ausländer zu jagen. Wäre die Polizei diesmal nicht so massiv aufgetreten und hätte es nicht ziemlich heftig zu regnen begonnen – es wäre wohl nicht bei drei Verletzten geblieben.
Das neue Jahr ist gerade mal ein paar Tage alt, und doch hat sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland im Vergleich zu 2015 schon nachhaltig verändert. Man kann das daran ablesen, dass in Pressemitteilungen der Polizei aus ganz Nordrhein-Westfalen nun auffallend oft die Nationalität der Tatverdächtigen genannt wird. Vorher war das kaum der Fall. Köln scheint qualitativ etwas verändert zu haben.
«Ich glaube, die Deutschen bekommen jetzt den Schreck, den wir vor 15 Jahren bekommen haben», hat der Bürgermeister von Amsterdam, Eberhard van der Laan, dazu gesagt. Damals erlebte das bis dahin als liberal bekannte Land den plötzlichen Aufstieg des Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der aussprach, was viele dachten, aber nicht zu sagen wagten. Fortuyn wurde ermordet, aber der Rechtspopulismus ist seitdem eine feste Größe im Nachbarland, und der öffentliche Sprachgebrauch hat sich dort völlig verändert. Man darf sich bloß nicht dem Verdacht aussetzen, etwas beschönigen zu wollen.
Im Kölner Multikulti-Viertel Ehrenfeld mit der großen Zentralmoschee diskutieren klassische Grünen-Wählerinnen nun darüber, ob man als Frau abends überhaupt noch allein nach draußen gehen kann. In Frank Plasbergs Talkshow «Hart aber fair» kam am Montagabend die «Machokultur» patriarchalisch geprägter Länder des Orients zur Sprache.
Hajo Funke, ein anerkannter Rechtsextremismus-Forscher aus Berlin, kann sich vorstellen, dass über Themen wie Islam und Zuwanderung künftig offener diskutiert wird – ohne Verschleierung. «Aus jeder Krise kann etwas Besseres entstehen», sagt er.
Nur: Es dürfe keine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben werden. «Wenn man eine bestimmte Gruppe unter Generalverdacht stellt, ist man schnell ganz nahe am Rassismus, so wie wir es aus der Geschichte vom Antisemitismus kennen. Wenn man also jetzt sagt: „Da sehen wir’s ja, die Muslime sind eine Machokultur, die potenzielle Vergewaltiger züchtet.“ – Das ist Quatsch. Ich kenne viele Muslime, und ich weiß, dass sie natürlich ein anderes Frauenbild haben, aber die allermeisten von ihnen sind gleichwohl höflich und achten die Sphäre der Frau.»
Ross Douthat, ein konservativer Kommentator der «New York Times», sieht «Deutschland auf der Kippe». Fest steht: Die Politik ist nun gefragt, sie muss eine Antwort auf die zunehmende Verunsicherung finden. «Wenn es gelingt, zumindest einen Teil der Versprechen der Bundesregierung umzusetzen, dann wird es zwar weiter die Pegida und die AfD geben, aber insgesamt bleibt die Entwicklung kontrollierbar», meint Funke.
Der Parteienforscher Gero Neugebauer rät den Politikern vor allem zur Ehrlichkeit. Dazu gehört für ihn zu sagen, dass der Staat aufgrund der beschränkten Ressourcen der Polizei eine Wiederholung der Kölner Ereignisse nicht völlig ausschließen kann. «Politiker wie Frau Merkel meinen, die Komplexität von Politik ist etwas, das die Bürger überfordert, und teilen ihnen deshalb lieber die einfachen Botschaften mit. Doch solange das geschieht, werden viele Bürger der Auffassung sein, dass das, was ihnen mitgeteilt wird, sowieso nicht stimmt», fügt er hinzu.
Shady Chaaban, ein 29 Jahre alter Syrer aus einem Flüchtlingsheim bei Köln, will nicht als Macho betrachtet werden und noch weniger als Straftäter. Zusammen mit Freunden verteilt er Flugblätter auf dem Bahnhofsvorplatz. «Wir, Männer aus Syrien, verurteilen die Übergriffe gegenüber Frauen (…) auf das Schärfste», steht darauf. «Wir bedanken uns bei allen Menschen in Deutschland. Wir werden uns Ihres Engagements und Ihrer Hilfe würdig erweisen.»

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