«Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft»

Cóndor-Interview mit Professorin Dr. Manuela Bojadzijev

Manuela Bojadzijev ist seit 2015 Juniorprofessorin für Globalisierte Kulturen an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg. Von 2010 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität und 2014 Gründungsmitglied des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. In Chile hielt sie nun einen Vortrag innerhalb der Reihe «Odiseas Humanas», die von der USACH, dem Goethe-Institut und dem Institut Française unterstützt wird.
Manuela Bojadzijev ist seit 2015 Juniorprofessorin für Globalisierte Kulturen an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg. Von 2010 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität und 2014 Gründungsmitglied des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. In Chile hielt sie nun einen Vortrag innerhalb der Reihe «Odiseas Humanas», die von der USACH, dem Goethe-Institut und dem Institut Française unterstützt wird.

 

Die Expertin Manuela Bojadzijev hielt vor Kurzem in Santiago de Chile einen Vortrag über die aktuelle Migrationsdebatte in Deutschland. Die Cóndor-Redakteure Petra Wilken und Arne Dettmann führten mit ihr ein Interview.

 

Cóndor: Frau Professorin Bojadzijev, was geschieht mit Europa, wenn die nationalistische Anwärterin Marine Le Pen in Frankreich die Wahlen gewinnt?

Manuela Bojadzijev: Das ist die ganz große Frage. Frankreich ist ein besonders wichtiges Land für die EU, viel hängt dort vom Wahlausgang ab. Aber auch die Entwicklung der osteuropäischen Länder ist mitentscheidend. Bei den anti-europäischen Tendenzen halte ich es durchaus für möglich, dass am Ende eines solchen Prozesses die EU nicht mehr existiert. Deutschland dagegen ist pro-europäisch und hat ja auch am meisten von der EU profitiert.

 

Aber auch dort gibt es mit der «Alternative für Deutschland» (AfD) eine nationalkonservative Partei.

Die AfD erlebt derzeit einen internen Streit zwischen einem radikalen und einem gemäßigten Flügel. Setzt sich der radikale Flügel unter der Vorsitzenden Frauke Petry durch, dann wird die AfD bei den Bundestagswahlen am 24. September einen Stimmenanteil bekommen, der höher als zehn Prozent liegt. Die Frage ist, wie die anderen Parteien jetzt reagieren. Muss man wirklich strategisch-politisch den «rechten Rand» bei den Wählern bedienen, um der AfD Stimmen abzujagen? Ich meine nicht, denn der Trend läuft eher umgekehrt: Je stärker andere Parteien auf eine anti-europäische Politik und eine Anti-Einwanderungsposition setzen, desto mehr Leute wählen die AfD, denn rechte Kräfte fühlen sich dann in ihrer Einstellung bestätigt.

 

Wie kontern Sie jemanden, der die AfD wählen will?

Menschen mit einem rassistisch-nationalistischem Weltbild hat es immer gegeben. Laut Umfragen beträgt ihr Anteil in der Bevölkerung zwischen 10 und 15 Prozent. Nicht alle von denen gehen komplett zur AfD. Erinnern wir uns: Diese Partei tauchte 2013 mit der EU- und Griechenlandkrise auf und war zunächst anti-europäisch ausgerichtet. Erst mit den Migrationsbewegungen nahm die AfD dieses neue Thema auf und stellte es so hin, als ob die Migranten Deutschland bedrohen würden.

Ich halte das allerdings für eine falsche Argumentation. Das Asylrecht wurde mittlerweile verschärft, was aber auch keine Lösung sein kann. Deutschland ist ein Einwanderungsland, und es wird nach der Wahl ein Einwanderungsgesetz geben, an dem die Parteien jetzt schon arbeiten. Dass derzeit keine Einwanderungspolitik stattfindet, stärkt solch ablehnende Kräfte wie die AfD.

Eine Heterogenität innerhalb der Bevölkerung existierte übrigens bereits vor den Migrationsbewegungen. Deutschland ist eine Migrationsgesellschaft mit mehr als sieben Millionen Ausländern und weiteren Menschen mit Migrationshintergrund. Es ist also Aufgabe der Politik die Herausforderungen der Zukunft anzugehen. Dafür braucht es Mut. Eine Renationalisierung ist zwar eine Möglichkeit, aber doch sehr abwegig. Die Globalisierung lässt sich nicht mehr einfach zurückschrauben. Ich halte solche Antworten für Demagogie.

 

Weshalb haben Menschen Angst vor Migration?

In Ostdeutschland gibt es eine starke Ausländerfeindlichkeit, obwohl dort wenig Ausländer leben. Die Forschung hat außerdem gezeigt, dass beispielsweise Antisemitismus nicht auf die Juden selbst zurückzuführen ist.

Ob nun Brexit, AfD oder Trump: Viele solcher Wähler sind besonders in der unteren Mittelschicht verhaftet, die soziale Abstiegsängste haben. So etwas kann zum Beispiel mit der Privatisierung von Krankenversicherungen zu tun haben oder in Deutschland mit einer zunehmenden Verarmung, sinkenden Löhnen sowie einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Die Leute haben also gewisse Ängste – aber die Frage ist eher, wie solche Ängste instrumentalisiert werden. Denn das hat erst einmal nichts mit Migration zu tun. Soziale Probleme sind Tatsachen – mit oder ohne Ausländer. Aufgabe der Politik wäre es, auf diese Herausforderungen mit neuen Rezepten zu reagieren.

 

Einige warnen vor der «Islamisierung» Europas – zu Recht?

Der Anteil der Muslime in Deutschland beträgt zwischen 4 und 5 Prozent. Der Islam ist allerdings heterogen, man muss noch unterscheiden zwischen praktizierenden und nicht praktizierenden Moslems. Eine unterschiedliche Ausprägung existiert ja auch bei Christen. Der Islam im Iran ist ganz anders als der Islam in der Türkei. Viele Moslems sind vor dem Islamischen Staat geflohen, weil sie sich diesem Faschismus nicht unterordnen wollten. Also: Die Situation ist sehr komplex, man muss genau hingucken, welche Leute nach Europa gekommen sind und was von ihnen zu erwarten ist.

Viele junge Moslems bilden einen Faktor beim radikal-fundamentalistischen Islam. Es ist offenbar so, dass strukturelle Ungleichheiten rechte religiöse Kräfte fördern. Hier müsste eine Entradikalisierung ansetzen. Klar ist, dass der islamistische Terror nun auch nach Europa getragen wurde und dort viel Unsicherheit stiftet. Wir sehen eine Polarisierung über den Islam, die – leider – funktioniert.

 

Frau Bojadzijev, wir bedanken uns für das Gespräch.

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