Colonia Dignidad: Gauck weist juristische Verantwortung zurück

Bundespräsident Joachim Gauck und seine Partnerin Daniela Schadt (links) besuchen gemeinsam mit Staatspräsidentin Michelle Bachelet das Mueso de la Memoria y de los Derechos Humanos.
Bundespräsident Joachim Gauck und seine Partnerin Daniela Schadt (links) besuchen gemeinsam mit Staatspräsidentin Michelle Bachelet das Mueso de la Memoria y de los Derechos Humanos.

Auch die Verbrechen der deutschen Sekte «Colonia Dignidad» prägten den Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Chile. Opfer und Hinterbliebene erwarten Hilfe von Deutschland.

Santiago de Chile (dpa) – Bundespräsident Joachim Gauck hat bei seinem Staatsbesuch in Chile eine juristische Mitverantwortung Deutschlands für die Verbrechen der Sekte «Colonia Dignidad» zurückgewiesen. Gauck sagte am Mittwoch in Santiago de Chile, dies sei ein Unterschied zu Ländern, in denen der deutsche Staat für Unrecht, Terror und Mord verantwortlich gewesen sei. «Das ist eine andere Geschichte.»

Die Siedlung «Colonia Dignidad» (Kolonie der Würde) war unter ihrem Gründer Paul Schäfer ein befestigtes Lager mit sektenähnlichen Strukturen. Es kam dort zu systematischem Kindermissbrauch. Während der Militärdiktatur von 1973 bis 1990 in Chile war die Kolonie ein Folterzentrum der Geheimpolizei.

Gauck sagte, die Verantwortung des chilenischen Staates könne nicht auf Deutschland übertragen werden, wenn in Chile ein Gruppe von kriminellen Deutschen sich an Landleuten und Chilenen vergangen habe. «Wir können als Deutsche nur bedauern, dass Landsleute mit der chilenischen Diktatur so zusammengearbeitet haben, dass die in deren Nähe ein Folterzentrum errichten konnten.» 

Gauck traf in Santiago im «Museum der Erinnerung und der Menschenrechte» mit Vertretern der chilenischen Zivilgesellschaft zusammen. Unter ihnen war auch die Aktivistin Margerita Romero, die sich für die Hinterbliebenen der Opfer der Sekte einsetzt. Sie forderte unter anderem die Errichtung eine Gedenkstätte auf dem Gelände, wo heute eine «Villa Baviera» mit bayrischer Folklore Touristen lockt. Gaucks Staatssekretär David Gill traf sich mit drei Angehörigen der Opfer und nahm einen Brief entgegen. Über dessen Inhalt wurde zunächst nichts bekannt.

Gauck sagte zu seinen Gesprächen, es seien Erwartung an ihn herangetragen worden, mit weiteren Informationen bei der Aufklärung der Verbrechen zu helfen. «Unbillige Forderungen» seien aber nicht gestellt worden. Am Dienstag hatte der deutsch-chilenische Opferanwalt Winfried Hempel eine juristische Mitverantwortung Deutschlands angemahnt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte vor kurzem die Offenlegung der Akten im Zusammenhang mit der Sekte angekündigt.

Am Dienstag hatte Bundespräsident Joachim Gauck das lange Schweigen Deutschlands zu den Verbrechen der Sektenkolonie «Colonia Dignidad» verurteilt. «Natürlich machen auch demokratisch verfasste Staaten Fehler. Und manchmal laden auch sie Schuld auf sich.» Deutsche Diplomaten hätten jahrelang weggeschaut, wenn in der Siedlung «Menschen entrechtet, brutal unterdrückt und gefoltert wurden». 

Auf Fragen nach einer deutschen Beteiligung an einem Hilfsfonds oder am Bau einer Erinnerungsstätte ging Gauck aber nicht konkret ein. Er warnte auch davor, die Verbrechen der Sekte und die dort praktizierte Folter durch die chilenische Militärdiktatur zu vermischen. Er hätte es zwar gerne gesehen, wenn damals ein deutscher Außenminister oder Regierungschef ein deutliches Wort gesprochen hätte. Aber Mitverantwortung einzuräumen für Folter und Mord in Zeiten der Militärdiktatur «wäre nun zu viel der Selbstbezichtigung».

Das Erschrecken darüber sei groß, «was Demokraten zu verdrängen und zu verschweigen vermochten», sagte Gauck und begrüßte, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier jetzt die deutschen Akten zur Aufklärung offenlege. Die wichtigeren Dokumente über die Folterungen und Ermordungen des chilenischen Geheimdienstes in der Kolonie lägen aber in Chile selbst.

Die Suche nach der Wahrheit sei für alle Menschen zentral, ob für Folteropfer oder Hinterbliebene. «Nur wenn die Wahrheit ans Licht kommt, können Wunden heilen, beim Einzelnen wie in der Gesellschaft», sagte Gauck.

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