Chile erhält Ministerium für Indigene

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Chiles Staatspräsidentin Michelle Bachelet bei der Unterzeichnung für ein Indigenen-Ministerium im Regierungspalast La Moneda

Santiago (ade) – Am Montag vergangener Woche hat Chiles Staatspräsidentin Michelle Bachelet ein Gesetz unterzeichnet, dass die Bildung eines Ministeriums für indigene Völker vorsieht. Seit 1993 existiert in Chile bisher nur eine entsprechende Behörde (Conadi).
Zudem soll ein Rat für indigene Bevölkerungsgruppen per Parlamentsbeschluss ins Leben gerufen werden, der sich aus neun Repräsentanten zusammen setzt: Aymara, Quechua, Diaguita, Rapa Nui, Mapuche, Yagan, Kaweskar (Alacaluf), Kolla und Likan Antai (Atacameños).
«Heute können wir gefasster in die Zukunft blicken, denn nun werden wir damit beginnen, die historische Schuld gegenüber den indigenen Bevölkerungen zu begleichen, die wir schon viel zu lange hinter uns herziehen», erklärte Bachelet im Regierungspalast La Moneda. Die Gründung eines solchen Ministeriums ist ein Teil des Wahlprogramms.
Mapuche-Vertreter kritisierten, dass dieser Schritt reichlich spät kommt. Zudem warnten sie davor, das Ministerium nicht als bürokratischen Papiertiger enden zu lassen, sondern es mit genügend Finanzmitteln und Einflussmöglichkeiten auszustatten.
Weltweit leben laut Schätzungen rund 350 Millionen Menschen in 90 Staaten, die 5.000 indigenen Völkern angehören. Das Wort indigen stammt aus dem Lateinischen und meint «eingeboren»; häufig wird auch der Begriff autochthone Völker («ursprünglich») verwendet. Gemäß gängiger internationaler Definition sind damit Bevölkerungsgruppen und deren Nachkommen gemeint, die vor der Eroberung, Kolonisierung oder einer Staatsgründung durch andere Völker auf einem Gebiet lebten und sich als eigenständige Völker verstehen.
In Chile identifizieren sich 1,5 Millionen Menschen (Censo 2012) als Angehörige der Mapuche, wobei diese Selbsteinschätzung im Censo 2002 noch bei 604.000 lag. Auch beim Mapudungun gehen die Werte stark auseinander: Zwischen 200.000 und 400.000 Menschen sind dieser Sprache noch mächtig.


 

Maori in Neuseeland wollen wieder «hoffnungsfroh träumen»

Maori vom Tuhoe-Stamm nehmen in Wellington, Neuseeland, an einer Vertragsunterzeichnung teil. Mit der Zeremonie wurde eine Entschädigung des Volkes besiegelt, die erfahrenes Unrecht aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgleichen soll. Foto: Paul Fisher/Regierung von Neuseeland/dpa
Maori vom Tuhoe-Stamm nehmen in Wellington, Neuseeland, an einer Vertragsunterzeichnung teil. Mit der Zeremonie wurde eine Entschädigung des Volkes besiegelt, die erfahrenes Unrecht aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgleichen soll. Foto: Paul Fisher/Regierung von Neuseeland/dpa

Jahrzehntelang wurden die Maori-Stämme in Neuseeland verfolgt und diskriminiert. Das Leid, das ihnen zugefügt wurde, hat tiefe Spuren hinterlassen. Inzwischen leistet der Staat Wiedergutmachung – ein langwieriges Unterfangen.

Wellington (dpa) – Er heißt mit Nachnamen Kruger, doch deutsche Verwandte hat der Anführer des neuseeländischen Maori-Stammes Tuhoe keine. Sein Urgroßvater habe den Namen vor mehr als 100 Jahren aus Spaß ausgesucht, schmunzelt Tamati Kruger. Damals mussten sich einheimische Maori-Stämme bei den Behörden registrieren lassen – Nachnamen hatten sie aber nicht. «Es war das lächerlichste Gesetz, von dem sie je gehört hatten», sagt Kruger. Viele hätten sich einfach Namen ausgedacht.
Mehr als jeder Zehnte der rund 4,6 Millionen Einwohner Neuseelands ist ein Maori. Jahrzehntelang wurden die Ureinwohner von der britischen Kolonialregierung diskriminiert und aus ihren Stammesgebieten vertrieben. Den Tuhoe unterstellte Neuseeland im Jahr 1865 den Mord an dem deutschen Missionar Carl Völkner und ging gewaltsam gegen sie vor. Offiziell entschuldigt hat sich der Staat erst im vergangenen Jahr. «Unter den Maori-Stämmen haben die Tuhoe wahrscheinlich das schlimmste Leid erlitten», sagt Regierungsvertreter Chris Finlayson, der die Entschuldigung überbrachte.
Weitere Wiedergutmachung leistet ein etwa 105 Millionen Euro umfassendes Abkommen. Es gehört zu einem langfristigen Programm Neuseelands, mit dem die Maori für das Leid, das ihnen durch die Kolonialisierung zugefügt wurde, entschädigt werden sollen. Einst beschlagnahmte Ländereien gehen in den Besitz der Maori zurück. Die Tuhoe erhalten etwa 200.000 Hektar Waldgebiete. Sie sind im Osten der Nordinsel Neuseelands beheimatet.
Doch die Mehrheit von ihnen hat die von Armut gezeichnete Region inzwischen verlassen. Viele Einwohner sind dort auf Sozialleistungen angewiesen – das Abkommen werde ihre Lebensbedingungen verbessern, heißt es. Neue Wohnungen sowie der Ausbau der Gesundheitsversorgung sind vorgesehen. In der Siedlung Taneatua ist bereits eine Klinik entstanden, für 2017 ist der Bau von drei Gesundheitszentren geplant. Doch bis für das Volk Veränderungen spürbar seien, brauche es Zeit, sagt Kruger, Hauptverhandlungsführer der Maori. «Mindestens zwei Generationen wird es dauern», schätzt er.
Die Kolonialisierung hat bei der Maori-Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen. Würde, Ehre und Selbstbewusstsein seiner Stammesleute hätten gelitten, sagt Kruger. Stattdessen habe die Fremdherrschaft zu Selbstverachtung und Fatalismus geführt. «Es ist ein Zustand, in dem man nicht mehr hoffnungsfroh träumen kann», sagt Kruger. «Doch das wollen wir ändern.» Wie sich die Tuhoe ihr Leben vorstellen, spiegelt der im vergangenen Jahr eröffnete Hauptsitz des Stammes wider: Selbst erzeugter Solarstrom, Regenwasser-Sammelanlagen und eine botanische Abwasserentsorgung – das Haus gilt als das nachhaltigste Gebäude Neuseelands. «Die Tuhoe wollen so selbstbestimmt und unabhängig sein wie dieses Gebäude», sagt Kruger. Die in dem Haus eingebauten umweltfreundlichen Technologien sollen auch in den Häusern der Einheimischen eingesetzt werden. Allmählich verbessere sich das Verhältnis seiner Stammesleute zum Staat, sagt Kruger.
«Langsam zerstreuen wir Angst, Aberglaube und Argwohn, den die Tuhoe gegenüber der Regierung hegen.» Nach den bitteren und gnadenlosen Ereignissen der Vergangenheit sei das ein wahres Wunder, betont er. Der Tuhoe hofft, das Abkommen werde seinen zehn Enkelkindern eine bessere Zukunft bescheren. Für seine Nachkommen wünscht er sich eine gute Ausbildung und eine sinnstiftende Arbeit. «Und einen Lohn, der zum Leben reicht», fügt Kruger hinzu. Denn eines ist ihm besonders wichtig: «Sie sollen ihre Zukunft selbst bestimmen können.»

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