Bitte macht uns weiter Komplimente!

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Wer als junge Nordeuropäerin nach Chile kommt, hat sich an die kulturelle Ausdrucksform der Chilenen zu gewöhnen: Auf der Straße wirst du angestarrt, es wird dir hinterher gepfiffen und etwas gezischelt. Wenn Männer in Gruppen zusammen sind, kann es auch ein Grölen sein, und die Ausdrücke nicht immer mehr so nett wie das beliebte «Mijita rica».

Von Petra Wilken

Die Neuankömmlinge werden sich daran gewöhnen und es mit mehr oder weniger Humor nehmen. Einige werden sagen: «Es ist doch ganz nett, Komplimente zu bekommen.» Andere werden es eher abscheulich finden, denn egal, ob jung oder alt, gutaussehend oder hässlich – alle Männer scheinen sich das Recht herauszunehmen, einen «piropo» (Kompliment) zu machen. Wobei aus meiner empirischen Sicht das Pendel der Komplimentmachenden bedauerlicherweise eher in Richtung alt und/oder hässlich ausschlägt.

Doch dem soll nun ein Ende gesetzt werden. Das Abgeordnetenhaus hat am 12. April einstimmig einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der sexuelle Belästigung auf der Straße unter Strafe stellt. Der Entwurf spricht von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen und Entwürdigungen. Wer diese verbal oder mittels Gesten ausdrückt, muss mit Strafen von 1 UTM (Unidad Tributaria Mensual, im Moment rund 45.000 Pesos) rechnen. Wenn das Ganze obszön oder explizit sexuell wird oder es zu Verfolgung oder Exhibitionismus kommt, steigen die Geldstrafen auf bis zu 900.000 Pesos an.

Wenn es dabei zu Körperkontakt kommt, sind Haftstrafen zwischen 61 und 540 Tagen vorgesehen. Die Vergewaltigung mit Penetration ist aus diesem Gesetz ausgelassen, da sie bereits im Strafgesetzbuch geregelt ist. Andererseits sieht der Gesetzentwurf auch Geldstrafen für die Verbreitung von Fotos oder Videos vor.

«Jetzt sollen wir ins Gefängnis kommen, wenn wir einer Frau ein Kompliment machen! Wir sind die Weltmeister im Komplimente-machen, und nun dies!» Die Empörung unter Männern schlägt hohe Wogen und zeigt, wie tief das Verhalten des «galanes» in den Traditionen verwurzelt ist. Keine Angst. Ihr sollt uns natürlich bitte weiterhin Komplimente machen! Die Männer im Abgeordnetenhaus haben das schließlich verstanden. So rief Juan Antonio Coloma (UDI) dazu auf, nicht mehr vom Gesetz der Komplimente zu reden. Niemand spreche über Komplimente, sondern über Demütigungen und Feindseligkeiten.

Damit könnte es zum Beispiel dem «Belästiger von Ñuñoa» an den Kragen gehen, der seit sieben Jahren Frauen und gerade auch junge Mädchen als Exhibitionist verfolgt. Vor einigen Wochen haben sich Opfer mit Hilfe der Sozialen Medien zusammengeschlossen, politische Unterstützung erlangt und geschafft, dass endlich etwas gegen den Mann unternommen wird.

Der Nachweis ist schwer zu führen, weshalb viele das neue Gesetz für wenig umsetzbar halten. Als Frau sage ich dazu: Es ist zumindest ein Zeichen. Es zeigt, dass wir keine Objekte sind. In einem Land, in dem Femizide nach wie vor hoch sind. Jährlich werden durchschnittlich 40 Frauen in Chile von ihren Partnern getötet. Bis Anfang März waren es in diesem Jahr schon 13.  

Das Gesetz gegen sexuelle Belästigung auf der Straße hat damit natürlich nur indirekt zu tun. Es geht aber in die richtige Richtung, auch wenn die vorgesehenen Strafen lapidar erscheinen. Aber noch ist es ja auch nicht soweit. Das Gesetz muss noch durch den Senat, wo die Männer ebenfalls in der Mehrzahl sind. Ich wette, dass dort erneut die Diskussion darum beginnt, ob nun Komplimente verboten werden sollen.

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One Comment

  1. Norbert Hoffmann

    Bei meinem letzten Besuch in Chile empfand ich den Umgang der Männer und Frauen untereinander sehr herzlich, auch ich wurde in diesen Reigen mit aufgenommen. Die Todesfälle unter Frauen in Europa ist viel höher, 250 in Spanien, 140 in Italien. Doch überall findet ein Umdenken statt das es so nicht weiter gehen kann. Es wäre jedoch schade, wenn grade in Chile die Herzlichkeit auf der Strecke bliebe.

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