Bildung ist kein Spiel

Preisfrage: Welcher ist der undankbarste, unsicherste Ministerposten in Chile mit der kürzesten Halbwertzeit? Die Auflösung: das Amt des Bildungsministers. Das Ministerium wurde erstmals 1927 eigenständig und schon gleich zu Anfang ging es mit dem Auswechseln munter los.

Unter Präsident Carlos Ibáñez del Campo verabschiedeten sich die Amtsinhaber mit schöner Regelmäßigkeit zunächst noch jährlich. Ab 1930 reduzierte sich die Verweildauer dann auf nur wenige Monate. Der Amtssessel wurde schließlich zum brenzligen Feuerstuhl, der seine Inhaber manchmal sogar nach nur ein paar Tagen im hohen Bogen herauskatapultierte. Ganze neun Bildungsminister verschliss Carlos Ibáñez del Campo in vier Jahren. In seiner zweiten Regierungszeit in den 50er-Jahren waren es sogar 13.

Doch auch in der jüngsten Vergangenheit pfeifen chilenische Präsidenten ihre «Bildungsspieler» gerne vom Platz oder sehen sich gezwungen, einen Personalwechsel vorzunehmen. Ricardo Lagos verbrauchte drei Minister, Michelle Bachelet ebenso, und Sebastián Piñera ist nun durch die Absetzung von Harald Beyer gezwungen, das vierte Mal den Posten des Bildungsministers neu zu besetzen. Beyer ist damit Bildungsminister Nummer 97 in 86 Jahren. Was für eine erstaunliche und in allem Maße fragwürdige Bilanz!

Fragwürdig vor allem, weil wohl kein anderes Politikressort – außer dem Umwelt- und Klimaschutz – so sehr auf langfristige Planung und Kontinuität angewiesen ist wie Erziehung und Bildung. Wer heute Reformen im Kindergarten- und Schulsystem durchsetzt, wird den gesamtgesellschaftlichen Nutzen gut ausgebildeter erwachsener Menschen erst zeitversetzt Jahre später einfahren. Bildung ist nichts für kurzfristiges Konjunkturpoker. Wirklich nachhaltige Erfolge stellen sich nur sehr selten während der kurzen Legislaturperiode von vier Jahren ein.

Dieser eigentlich simplen Erkenntnis stehen die zahlreichen Austauschmanöver im chilenischen Bildungsministerium völlig kontraproduktiv gegenüber. Wie Eintagsfliegen wechseln die Amtsinhaber. Eine gewisse Planungssicherheit ist damit nicht einmal ansatzweise herzustellen.

Und so ist Harald Beyer ein weiteres politisches Opfer eines altbekannten ideologischen Grabenkampfes geworden: Links gegen rechts, kostenlose Bildung für alle contra Kommerz im Erziehungssektor. Die Opposition beschuldigt Beyer, die Finanzlage privater Universitäten nicht genügend überwacht zu haben, wie es das Gesetz verlangt. Ein sehr fadenscheiniger, zweifelhafter Vorwurf, zumal im konkreten Fall die Unregelmäßigkeiten bei der Universidad del Mar in die Regierungszeit der Concertación fallen. Doch es ist eben Wahlkampfzeit. Dem Gegner dank einer Verfassungsklage eins auszuwischen und ihm eine Niederlage zu verschaffen kam der Opposition wie gerufen.

«Hier haben alle verloren, vor allem aber der Bildungssektor, dessen Verbesserung zukünftig weiter gehemmt wird», bilanzierte Erziehungsexperte José Joaquín Brunner nach der Absetzungsentscheidung im Senat.

Streng genommen dürfte sich Chile solche politischen Scharmützel nicht mehr leisten. Zu wichtig ist das Bildungsthema für ein Schwellenland, das zu den Industrienationen aufschließen will. Es wäre daher an der Zeit, kurzfristige parteipolitische Erfolge hintenan zu stellen und langfristige Reformen zu wagen. Das alte Spiel «Neuer Bildungsminister, neues Glück» hat sich jedenfalls als untauglich erwiesen und bringt niemanden voran.

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*