500 Meter bis zur Freiheit

9. September 2011 von

Sie war das sichtbarste Symbol für den Ost-West-Konflikt, ein krudes Mahnmal für die Folgen der vorangegangenen Kriegskatastrophe: Über 168 Kilometer lang zog sich die Berliner Mauer durch die einstmals zweigeteilte Stadt. Heute ist das ehemalige Jahrhundertbauwerk lediglich noch Teil der Weltgeschichte und im Speziellen der Historie Berlins. Doch für beinahe 28 Jahre war sie ein schier unüberwindbares Hindernis für die Sehnsüchte Millionen Freiheitssuchender.

 

Harzer- und Bouchéstraße 1989 in Berlin: Hier war es fast nur ein Katzensprung nach drüben. An anderen Stellen der Mauer teilte Ost und West ein 500 Meter langer Streifen mit Bewachungsanlagen, Zäunen und Hindernissen, um eine Flucht zu vereiteln.

Es sei mit Sicherheit nicht der eleganteste Weg gewählt worden, aber grundsätzlich hätten das SED-Regime und Moskau das Schlimmste vermieden. Aus dem Munde des damaligen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy klang die Reaktion auf den abrupten Bau der Berliner Grenzsperre wörtlich so: «Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg.» Die Erleichterung darüber, dass mit dem Mauerbau die Gefahr einer direkten Auseinandersetzung mit Waffen vorerst gebannt schien, war dem Grundtenor der westlichen Alliierten unschwer anzumerken.

Allzu deutlich hatte die Sowjetunion unter Chruschtschow zuvor den Westen herausgefordert. Und immer deutlicher rückte Berlin dabei in den Mittelpunkt der ideologischen Konfrontation. Die Berlin-Blockade und die alliierte Luftbrücke zwischen 1948 und 1949 war nur ein erster Höhepunkt im Ringen um die Vormachtstellung im besiegten Deutschland und darüber hinaus in der Welt.

Der Kalte Krieg hatte in den Folgejahren rasant an Temperatur hinzugewonnen, als die Entscheidung zum Mauerbau den erhitzten Gemütern schließlich eine Atempause verschaffte. Der Westen verfolgte die Geschehnisse und das hektische Handwerken entlang der innerstädtischen Grenze abwartend. An den Absichten der politisch motivierten Bauherrn bestand kein Zweifel: «Die Ostdeutschen halten den Flüchtlingsstrom auf und verschanzen sich hinter einem noch dichteren Eisernen Vorhang. Daran ist an sich nichts Gesetzwidriges», erklärte der britische Premier Harold Macmillan.

Womöglich sind die bisweilen unterkühlt wirkenden Äußerungen der westlichen Politelite darauf zurückzuführen, dass zu Beginn der Bauaktivitäten nur schwer abzuschätzen war, welche enormen Ausmaße das künftige Jahrhundertbauwerk haben würde. Wer konnte ahnen, dass der Eiserne Vorhang für die kommenden 28 Jahre und unter Aufwendung brutalster Mittel den Grenzübertritt zwischen Ost- und West-Berlin regulieren würde?

 

West-Berlin wird zur Insel

Die Berliner Mauer war in jeder Hinsicht eine Befestigungsanlage der Superlative. Auf knapp 168 Kilometern Länge zog sie sich mitten durch Berlin und das Umland der Stadt. West-Berlin war mit ihrer Errichtung endgültig zur Insel innerhalb des sozialistischen Kernlands geworden, während der Ostteil der Stadt als Hauptstadt der DDR firmierte.

Der Aufbau der Mauer erfolgte in mehreren Etappen. Seitdem im Morgengrauen des 13. August 1961 die ersten Absperranlagen mit Stacheldraht und Panzersperren errichtet waren, hatte die DDR-Führung die befestigte Grenze stetig ausbauen lassen. Doch erst zwischen 1975 und 1985 entstand mit der «Grenzmauer 75» die eigentliche und bis 1989 charakteristische Maueranlage.

Die «Grenzmauer 75» bestand aus insgesamt 45.000 Stahlbetonelementen, die direkt vor Ort miteinander verschweißt wurden. Jedes dieser Elemente, hergestellt im Volkseigenen Betrieb (VEB) Baustoffkombinat Neubrandenburg, kostete 831 Ostmark, hatte einen Durchmesser von 40 Zentimetern, war 3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit und wog 2,75 Tonnen. Auf die Segmente wurde eine geschlitzte halbrunde Rohrauflage aus Asbestbeton montiert. Sie sollte verhindern, dass sich die Maueroberseite einfach umfassen ließe.

Flüchtlingen sollte die Überwindung der Mauer nahezu unmöglich gemacht werden. Zu Versuchszwecken simulierten Sportler Fluchtszenarien mit verschiedenen Hilfsmitteln. Unter Aufsicht von Grenzoffizieren wurde gemessen, wie lang sie für das Übersteigen oder Untergraben der Mauersegmente benötigten.

 

Signaldrähte und Hundestaffeln

Die Errichtung der Mauer war jedoch nicht das einzige Mittel der Abschreckung, um Fluchtversuche in den Westen zu verhindern. Der Grenzstreifen, deren Befestigungsanlagen sich komplett auf DDR-Territorium befanden, bestand aus mehreren Fluchtabwehrelementen. Er durfte nur von Grenzsoldaten und Angehörigen des Staatsapparates mit Sonderausweisen betreten werden.

Das erste Abfangelement war die sogenannte Hinterlandmauer, ein befestigter rund drei Meter hoher Beton- oder Streckmetallzaun, der an einigen Stellen auch von geweißten Häuserwänden gebildet wurde. Dahinter zog sich ein dichtes Geflecht von Signaldrähten über den Boden, die bei Berührung oder Durchschneiden Alarm auslösten. Ein vertikaler Signalzaun, der bei Kontakt ebenfalls Alarm meldete, komplettierte diesen Abschnitt.

Was folgte, war der Kolonnenweg, über den der Truppentransport entlang der Grenze sichergestellt wurde. Es war der einzig sicher befestigte Weg durch den Grenzstreifen, der seiner unrühmlichen Historie nach im Volksmund auch «Todesstreifen» genannt wurde. Scharf abgerichtete, frei laufende Schäferhunde komplettierten das Schreckensszenario in diesem Abschnitt der Grenzzone. Obwohl vielfach vermutet, waren in Berlin selbst – ganz im Gegensatz zu anderen Abschnitten der innerdeutschen Grenze – jedoch keine Selbstschussanlagen oder Tretminen installiert.

Weiter Richtung Westen und über die gesamte Grenzlänge hinweg erstreckte sich im Folgenden die Lichttrasse, eine durch Leuchtmasten jederzeit taghell gehaltene Grenzzone. Sie erleichterte den auf insgesamt 302 Postentürmen verteilten Grenzsoldaten die lückenlose Überwachung der Grenzanlagen.

Noch vor der Mauer zog sich ein erdiger Kontrollstreifen, der stets frisch bestellt und geglättet wurde, um die Spurensuche zu erleichtern, sowie ein übermannshoher Streckmetallzaun. Als letzte Abwehr folgte die zuvor beschriebene eigentliche Berliner Mauer. Sie war von Westseite aus frei zugänglich. Streng genommen zählten jedoch auch davor noch einige Meter zum Hoheitsgebiet der DDR.

Insgesamt maß die so befestigte Grenze bis zu 500 Meter in der Breite – ein halber Kilometer bis zur Freiheit, der vielen Flüchtlingen zum tödlichen Verhängnis wurde.

 

Grenztruppen mit Schießbefehl

Legal überschritten werden konnte die Grenze innerhalb Berlins nur an 25 Grenzübergangsstellen, darunter 13 Straßenübergänge, vier an Schienenwegen und acht weitere an Wasserstraßen. Zu den berühmtesten unter ihnen zählt sicherlich «Checkpoint Charlie», der Übergang zur einst amerikanischen Besatzungszone.

Hier und an all den anderen Übergängen der städtischen Grenzanlage wachten auf Ostseite Truppen des Grenzkommandos Mitte, das in Kasernen in Berlin-Karlshorst stationiert war. Im Spätwinter 1989 bestand das Kommando aus insgesamt 11.504 Soldaten und mehreren hundert Zivilisten. Die schwer bewaffneten Soldaten wurden für die Fluchtabwehr entlang der Berliner Grenze eingesetzt. Als äußerstes Mittel zur Verhinderung von Fluchtversuchen waren die Soldaten auch zur Nutzung ihrer Waffen angehalten. Nach dem Mauerfall war der sogenannte Schießbefehl zentraler Gegenstand zahlreicher Zivilprozesse um tödlich vereitelte Fluchtversuche während des Bestehens der DDR.

Die Mauer selbst wurde nach ihrem Fall im Herbst 1989 demontiert. An einigen Stellen der Stadt sind Teile der Hinterlandmauer bis heute noch als Mahnmal erhalten. Im Bezirk Friedrichshain bildet ein 1990 von mehr als 100 Künstlern aus 20 Ländern bemalter Abschnitt die sogenannte «east side gallery». Mit 1.316 Metern ist die Touristenattraktion entlang der Spree die längste dauerhafte Kunstgalerie der Welt.

Einzelne Segmente der Mauer wurden nach ihrem Fall auch quer über den Globus verschifft. Als stumme Zeitzeugen in Museen und diplomatischen Vertretungen lassen sie dort einen Teil der deutsch-deutschen Vergangenheit hautnah wieder aufleben. Auch in der Deutschen Botschaft in Santiago ist ein Segment des einstigen Betonkolosses ausgestellt.

 

Florian Strunck

 

Fortsetzung folgt.

 

Fotolectura 1: Schematischer Aufbau der Berliner Mauer in den 1980er-Jahren

Fotolectura 2: Geteilte Straße (Harzer/Bouchéstraße, 1989)

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