René Focke
Brücken schlagen, Verständnis wecken

Im April wurde er zum Vorsitzenden der Deutsch-Chilenischen Industrie-und Handelskammer (CAMCHAL) gewählt. «Das sah man irgendwie kommen», gesteht René Focke, «denn wenn man neun Jahre im Vorstand ist, dann haben alle Kandidaten, die vor einem an der Reihe waren, ihr Soll erfüllt».


Focke nahm den Auftrag gerne an: «Es ist eine interessante Aufgabe. Ich habe über die Jahre im Vorstand Verständnis dafür bekommen, was von dem Präsidenten erwartet wird. Das ist entschieden mehr, als das, was ich während meiner Zeit im Vorstand zu tun hatte. Der Vorsitzende muss sich auch um das tägliche Geschäft kümmern. Wir haben ein ausgezeichnetes Team in der Kammer», lobt er, «geleitet von Cornelia Sonnenberg. Es sind fast ausschließlich Damen, die wunderbar aufeinander eingespielt sind. Man kann sagen, gut, dass so wenig Männer in dem Laden sind! Es gibt gewisse Aufgaben», sagt René Focke überzeugt, «die Frauen wesentlich besser und präziser als Männer bewältigen, vor allen Dingen im Kontrollsektor. Frauen sind sehr genau, Männer scheinen oft über Kleinigkeiten hinwegzuschauen. Ein Bekannter von mir sagte immer: Der Teufel steckt im Detail. Frauen sind zuverlässiger. Sie sind disziplinierter.»

René Focke ist Holländer. Sein Vater war der renommierte Komponist und Pianist Fré Focke, der einen nicht unwesentlichen Teil seines musikalischen Werdegangs in Chile erlebte. Seine Mutter war Opernsängerin, und René kam in Bayreuth auf die Welt. Ein recht musikalischer Lebensbeginn, und in der Tat wünschten seine Eltern, dass er einen Beruf im Bereich der Tonkunst ergreifen möge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Europa für ausübende Künstler ein denkbar desolates Feld. So kam es, dass Fockes 1947 nach Chile auswanderten. Ihre Kontaktperson in Santiago war Margarita Friedemann, die Inhaberin der gleichnamigen Musikalienhandlung. Später sollte sie im beruflichen Leben des jungen René Focke eine wichtige Rolle spielen, aber vorerst reiste die Familie zurück nach Deutschland, da seine Mutter ernstlich erkrankte und bald darauf verstarb.

In Hamburg machte René seine Lehre im Groß- und Außenhandel. Danach beschloss er als Einziger der Familie, nach Chile zurück zu kehren. Sein Wunsch war, bei Margarita Friedemann arbeiten zu dürfen. Inzwischen hatte er sich musikalisch ausbilden lassen, spielte Klavier, Querflöte und Pauke, «ich sollte ja zum Dirigenten ausgebildet werden – das war der Hintergedanke meiner Eltern – aber es klappte nicht», erinnert er sich.

1963 traf er erneut in Santiago ein. Er bekam die ersehnte Anstellung bei Frau Friedemann und blieb einige Jahre bei ihr. «Danach suchte ich nach neuen Arbeitsmöglichkeiten und traf so auf Herrn Albert von Appen». Ein Gespräch mit dem Gründer des Seetransportunternehmens Ultramar bewirkte seinen Stellungswechsel. «Das war vor 43 Jahren. Seitdem bin ich bei Ultramar», stellt Focke fest. Während dieser langen Laufbahn war er an verschiedenen fernen Standorten der Firma tätig, wie Arica und Bolivien. Ab Mitte der 80er Jahre übernahm er die Leitung der kommerziellen Abteilung.

FRUCHTBARE VORBEREITUNGSPERIODE

Im Zeitraum von 1995 bis 2008 stieg Ultramar in die Tourismus-Branche ein. René Focke wurde mit der Leitung der Firma Sportstour beauftragt. Ein Geschäft, dass sich im Nachhinein nicht als lohnend erwies: «Es war nicht das, was wir uns darunter vorgestellt hatten, und es nahm sehr viel Zeit in Anspruch.»

Seit neun Jahren ist René Focke in Vertretung der Firma Ultramar Vorstandsmitglied der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer. Dieser Zeitraum war eine fruchtbare Vorbereitungsperiode für sein heutiges Amt. Sein Aufgabenbereich «kommt aus der Geschichte, aus dem Werdegang und aus dem Programm heraus», meint Focke bescheiden.

«Man kann einige persönliche Noten zu jedem Posten hinzufügen, aber im Grunde genommen hat die Kammer schon seit Jahren ein Produkt, sie hat eine enge Beziehung zu den Unternehmen und zu ihren Mitgliedern und sie hat auch eine Vision, wie ihr Geschäft heute und in den nächsten Jahren aussehen soll.» Daran kann ein Präsident, der ein oder zwei Jahre sein Amt ausübt, «nicht viel ändern», meint er.

«Wenn ich neun Jahre im Vorstand war, dann habe ich vielem von dem, was heute geschieht, in der Vergangenheit zugestimmt. Jetzt zu sagen, ich habe mir etwas völlig Neues einfallen lassen, geht nicht. Wir haben eine klare Linie, es geht um Kontinuität.»

Die 1916 gegründete Deutsch-Chilenische Industrie- und Handelskammer ist eine der ältesten bilateralen Handelskammern weltweit. Sie vertritt die Interessen der deutschen Wirtschaft in Chile: «Wir sind hauptsächlich eine deutsch-chilenische Handelskammer. Wir versuchen jedoch auch zunehmend die chilenischen Exporte nach Deutschland zu fördern.»

Ein Hauptthema sind heute die Erneuerbaren Energien. Wind- und Sonnenkraft sind Gebiete, auf denen Deutschland gegenwärtig einen großen Vorsprung hat: «Daher versuchen wir, Firmen in Deutschland an Chile zu interessieren und hier auf den Markt zu bringen.»

Derzeit hat die Handelskammer mehr als 600 Mitglieder. «Sie ist inzwischen so groß geworden, dass es selbst für ihre Mitglieder attraktiv ist, untereinander Geschäfte anzubahnen, wobei das Deutsche weiterhin das Ausschlaggebende ist», hat Focke beobachten können.

Besondere Bedeutung misst René Focke dem Centro de Excelencia y Capacitación (CEC) der Kammer bei, welches zu unterschiedlichen Themenbereichen Kurse anbietet. Diese Lehrgänge beziehen sich zum Teil auf Aktuelles, wie die bereits erwähnten Erneuerbaren Energien, aber auch auf Projekt- und Finanzmanagement.

DEUTSCHLAND, LAND DER MESSEN

Relevant sind ebenso die internationalen Leitmessen, die regelmäßig in Deutschland stattfinden. «Wir sind in Chile Vertreter der größten deutschen Messegesellschaften und somit der direkte Ansprechpartner für die Chilenen, die in Deutschland ausstellen oder Messen besuchen wollen.» Die Kammer hilft ihren Kunden bei der Reservierung und dem Aufbau der Stände bis hin zur Flug- und Hotelbuchung. «Deutschland ist das Land der internationalen Messen überhaupt», meint Focke. «Die Pallette reicht vom Tourismus über Nahrungsmittel und Umwelttechnologie bis zu den unterschiedlichsten Industriebranchen. Was auch immer man sich zum Thema Messen vorstellen kann – Deutschland hat es.»

Aufgrund der Weltwirtschaftskrise gab es in den letzten Jahren so manche Schwierigkeiten. Trotzdem «haben wir mit Elan und Kraft unsere Mitgliederzahl sogar erhöht», stellt Focke befriedigt fest. Dazu gehören durchaus nicht nur große Unternehmen. Der Vorsitzende hebt hervor, dass mittlere und kleine Firmen, die die Mehrheit der Kammermitglieder bilden, «die größten Vorteile haben».

Unter diesen «ist beispielsweise der Agrarsektor mit Exporteuren von Früchten, Honig und Medizinpflanzen stark vertreten. Dem gegenüber steht der chilenische Importeur, der mit dem Rat der Handelskammer Produkte von der Waschmaschine bis zum LKW direkt oder über Vertreter vor Ort einführt: «Da ist praktisch die ganze deutsche Industrie vertreten.» In den vergangenen fünf Jahren haben sich die deutschen Investitionen in Chile verdoppelt.

Bei René Focke steht jedoch nicht allein das rein Geschäftliche im Vordergrund. Er wünscht, den Mitgliedern so nah wie möglich zu stehen. Dazu soll ein Programm ausgearbeitet werden, «welches uns erlaubt, innerhalb eines Jahres mit allen Mitgliedern zumindest einmal in kleineren Gruppen zusammen zu kommen. Es geht ihm dabei um Offenheit, Klarheit, Ehrlichkeit, Freundlichkeit und vor allem um die Nähe zwischen Vorstand und Mitgliedschaft. Wenn ihm diese Annäherung gelänge, «das würde mir schon genügen», verrät er.

Walter Krumbach



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