Der Besprechungsraum von Laborum.com im 23. Stock eines Gebäudes im Stadtkern bietet einen völlig ungewohnten Blick auf den westlichen Teil Santiagos. Unten fahren winzig klein wirkende Autos die Straße Agustinas hoch, am Horizont sieht man an diesem smogfreien Tag einen großen Flieger vom internationalen Flughafen aufsteigen und in allen Himmelsrichtungen erkennt man die Berge, das Charakteristikum schlechthin der Santiaguiner Landschaft.
Birgit Nevermann fühlt sich sichtlich wohl in ihrem Arbeitsumfeld. Laborum.com stellt seinen Kunden auf der Webseite Raum zur Verfügung, den diese zur Veröffentlichung von Stellenanzeigen nutzen. Dazu vermittelt die Firma zwischen den Bewerbern und den Firmen, damit die Interessenten sich einschreiben und ihren Lebenslauf einreichen.
Dieser hypermoderne Geschäftszweig hatte in den letzten Jahren einen derartigen Erfolg, dass Laborum.com eine zusätzliche Abteilung gründete: Laborum Selección. Hier werden Arbeitskräfte mit bestimmten, spezifischen Eigenschaften, Fähigkeiten und Qualifizierungen ausfindig gemacht. «Wir sind die Hunting-Seitenlinie von Laborum.com», erklärt Birgit Nevermann. Sie ist die Geschäftsleiterin dieses Fachgebiets, das sich meist auf die Suche nach leitenden Angestellten begibt. Die Suche wird von der Zentrale in der Hauptstadt und ihren Filialen von Arica bis Punta Arenas bewerkstelligt.
Einen guten Manager auszusuchen ist eine große Verantwortung. Das Hunting-Verfahren ist dementsprechend komplex, meint Birgit Nevermann: «Wir richten uns zunächst nach der Profilvorstellung unseres Kunden. Er erklärt uns in einer Besprecheung, wen beziehungsweise was genau er braucht.
Daraufhin analysieren wir den Fall und unterbreiten dem Kunden einige Vorschläge. Mit der erhaltenen Information kämmen wir den Markt durch.»
Anschließend nimmt Birgit Nevermann wieder mit dem Kunden Verbindung auf, zeigt ihm die Ergebnisse, fragt, ob die gefundenen Profile seiner Vorstellung entsprechen oder ob etwas geändert werden muss. Zum Beispiel: Der Kunde fordert, ich brauche jemanden mit full english für ein Gehalt von anderthalb Millionen. «In so einem Fall machen wir ihn darauf aufmerksam, dass er so ein Profil nicht finden wird», meint sie, «wir schlagen dann vor, entweder das Profil zu ändern oder das Honorar zu erhöhen.»
Nachdem diese Verhandlung beendet ist, beginnt die Netzjagd von neuem. Sobald drei angemessene Kandidaten ausfindig gemacht, interviewt, psychologisch begutachtet und ihre Unterlagen, besonders ihre Empfehlungen, geprüft worden sind, legt die Beraterin die gesammelten Unterlagen dem Kunden zur Entscheidung vor.
Chile mit seinen knapp 17 Millionen Einwohnern dürfte für einen spezialisierten Service, wie Laborum ihn bietet, keinen großen Markt darstellen. Doch dem ist nicht so. Birgit Nevermann hat feststellen können: «In der jüngsten Gegenwart sind zahlreiche kleinere Hunting-Firmen entstanden. Das liegt daran, dass jede Person eine Firma dieser Art gründen kann. Chile ist dabei, an seine Manager höhere Ansprüche zu stellen. Das Land professionalisiert sich. Die verschiedenen Betriebe wissen außerdem, dass es, langfristig betrachtet, viel preiswerter ist, ein Unternehmen wie unseres zu verpflichten, wenn es darum geht, Personal zu engagieren.» Die Ergebnisse sind: kein ständiger Mitarbeiter-Wechsel, besseres Arbeitsklima und die Leistung verbessert sich im Allgemeinen, weil die richtige Person am richtigen Platz ist.
RASCHE ENTWICKLUNG
In den fünf Jahren, die seit der Gründung verstrichen sind, hat sich die Firma von Birgit Nevermanns Arbeitgeber besser als erwartet entwickelt: «Im Jahre 2007 wuchs sie um 56 Prozent, 2008 waren es 21 Prozent», berichtet sie stolz.
Die Kundschaft der Laborum Selección kommt übrigens nicht nur von Privatunternehmen. Staatliche Einrichtungen wie die Dirección Nacional del Servicio Civil wenden sich ebenso an sie, um Posten im sogenannten ersten und zweiten Niveau im öffentlichen Dienst zu besetzen: «Wir berieten sie zum Beispiel, um Stellen wie den Direktor des Registro Civil, sowie die stellvertretenden Leiter für Verwaltung und Finanzen, den Direktor des Öffentlichen Gesundheitswesens, sowie leitende Beamte des Instituto de Previsión Social, der Fiscalía Nacional Económica und dem Zoologischen Garten zu besetzen».
Diese Einrichtungen und die zu besetzenden Posten sind recht verschiedenartig. Das bedeutet, dass eine Beratungsstelle sich in jeden Kundenwunsch «hineinleben» muss. «Das erfordert Zeit und Einfühlungsvermögen, aber mit der Erfahrung, die wir bisher gesammelt haben, können wir das Profil bald ausfindig machen. Man muss die Kultur des Unternehmens und seiner Leitung kennenlernen und wissen, in welchem Milieu die Person sich wird behaupten müssen.»
Gegenwärtig berät Birgit Nevermann ein peruanisches Unternehmen, das demnächst in Chile eine Niederlassung eröffnen wird. Es handelt sich um einen Konzern, der in mehreren Ländern, darunter Deutschland, Filialen besitzt. Der gute Ruf ist somit schon ins Ausland gedrungen.
Birgit Nevermann beschäftigt einen Mitarbeiterstab von 13 Personen. Seit vier Jahren hat sie die Geschäftsführung inne. Eine ihrer Lieblingstätigkeiten ist der direkte Kontakt zu den Kunden. Hierbei kann sie genau überwachen, ob der gebotene Service gut ist und feststellen, ob der Kunde zufrieden ist.
DER VATER WANDERTE NACH BOLIVIEN AUS
Birgits Vater, ein gebürtiger Deutsch-Chilene, wanderte 1952 nach Bolivien aus. Dort kam sie in Cochabamba zur Welt. Birgit wuchs im Nachbarland auf. Die Eltern waren mit einer Waliserin befreundet, die zahlreiche englischsprachige Bücher besaß. Birgit kam daher früh mit der Literatur aus diesem Kulturkreis in
Verbindung. An die Kinderbücher von Enid Blyton, die sie mit Begeisterung las, kann sie sich noch gut erinnern.
Während ihrer Jugendzeit begann sie, sich für Psychologie zu interessieren. Sie hatte ihre Berufswahl noch nicht getroffen, als sie im Austausch in die USA reiste. Dort hatte sie Gelegenheit, sich eingehend zu orientieren. In der Tat ließ sie sich später in Santiago an der Universidad Católica als Psychologin ausbilden. Die chilenische Hauptstadt kam aus einem praktischen Grund in Frage: Birgits ältere Schwester studierte bereits in Santiago und wohnte in der Mädchenschaft Erika Michaelsen Koch, wo sich dann auch Birgit anmeldete.
Die Laufbahn sagte ihr zu. Wenige Monate nach Beendigung ihres Praktikums am Hospital Salvador gab sie allerdings das Klinikum auf und widmete sich vollends der Personalauslese. Ihre erste Stellung hatte sie an der Banco Santander. Hier stellte sie bald fest, dass es zeitlich gar nicht möglich gewesen wäre, zusätzlich Patienten zu behandeln. Die Entscheidung, ein Fachgebiet ihres Berufes gewählt und das andere aufgegeben zu haben, erwies sich daher als richtig.
Birgit Nevermann, die ihr Hobby Literatur weiterhin pflegt – heute liest sie mit Vorliebe historische Romane – hofft, ihren Beruf noch viele Jahre ausüben zu können. Die Zusammenarbeit mit Menschen, der tägliche Kontakt mit ihnen ist für sie ein Lebenselixier, auf das sie nicht verzichten will: «Die Menschen mit ihren verschiedenartigen Erfahrungen und die unterschiedlichen Firmen sind Dinge, die mich interessieren, unter anderem, weil man von ihnen so viel lernen kann.»
Walter Krumbach
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