Werbedinosaurier Litfaßsäule stirbt nicht aus

Eine Litfaßsäule in Nürnberg: Bis heute halten Werbeexperten diese Erfindung für eine geniale Idee. Foto: Daniel Karmann/dpa
Eine Litfaßsäule in Nürnberg: Bis heute halten Werbeexperten diese Erfindung für eine geniale Idee.
Foto: Daniel Karmann/dpa

Vor fast 200 Jahren wurde der Erfinder der Litfaßsäule geboren: Ernst Litfaß. Bis heute bescheinigen Werbeexperten dem Berliner Buchdrucker eine geniale Idee. Neuen Schub erhält die Litfaßsäule ausgerechnet durch das Smartphone.

München/Berlin (dpa) – Sie ist mehr als 2,50 Meter groß, wird jedes Jahr dicker und zieht doch noch immer die Blicke der Passanten auf sich: Die Litfaßsäule kommt auch 200 Jahre nach dem Geburtstag ihres Erfinders Ernst Litfaß nicht aus der Mode: Rund 50.000 Säulen stehen auf Deutschlands Straßen und wirken im Smartphone-Zeitalter wie Dinosaurier der Werbung. Für Theater, Zirkusse, Parteien oder kleinere Firmen bleiben die Säulen dank günstiger Preise aber der beliebteste Werbeträger. «Die Litfaßsäule hat noch immer ihren festen Platz», sagt Marc Sausen vom Werbevermarkter Ströer, der einen Großteil der Säulen in Deutschland vermarktet.
Dank der zunehmenden Mobilität der Menschen sind die Werbesäulen nach Angaben des Facherverbandes Aussenwerbung gerade heute ein gefragtes Medium: «Vieles, was früher indoor war, passiert nun draußen», sagt eine Sprecherin. Immer mehr junge Menschen verzichten auf das eigene Auto und nutzen Busse und Bahnen. Zudem verbringen sie weniger Zeit zu Hause, weil feste Fernsehzeiten und der heimische PC durch Internet und Smartphone keine Rolle mehr spielen: Für die «Out of home»-Werbung sind das günstige Entwicklungen.
Der Auslöser für die Erfindung der Litfaßsäule war der Wunsch nach Ordnung: Der Berliner Buchdrucker Ernst Litfaß, geboren am 11. Februar 1816, ärgerte sich so über den Wildwuchs an Zetteln und Postern in Berlin, dass er am 1. Juli 1855 eine «Annonciersäule» aufstellte. Wenig später klebten Tanzlokale, Weinstuben und Theater ihre Aushänge ordentlich an die Säulen statt an Bäume und Hauswände – die Litfaßsäule war geboren und gilt bis heute als Start der Plakatwerbung. Den Namen ihres Erfinders trägt sie noch immer in alter Schreibweise: Denn da es sich um einen Eigennamen handelt, schreibt sich die Litfaßsäule laut Duden auch nach der Rechtschreibreform noch immer mit ß.
Berlin ist bis heute auch Hauptstadt der Litfaßsäulen: Allein dort gibt es nach Angaben des Werbevermarkters Draußenwerber mehr als 3.000 Litfaßsäulen. Besonders an gefragten Plätzen wie dem Alexanderplatz oder dem Hackeschen Markt sind die Werbeflächen gut gebucht. «Die Litfaßsäulen sind effizient und haben eine hohe Reichweite», sagt Geschäftsführer Marc Bieling, der dem «Reklamekönig» Ernst Litfaß auch aus heutiger Sicht eine herausragende Idee bescheinigt. Der Platz für aufgeklebte Plakate koste zum Teil weniger als einen Euro pro Tag und sei somit auch für kleinere Kulturbetriebe interessant.
Aber auch große Firmen setzen nach Angaben des Fachverbandes Außenwerbung als Teil großer Werbekampagnen auf die Säulen. Sie wählen dafür aber auch gerne die neuen Versionen mit Verglasung, Beleuchtung und digitalen Werbefenstern. Die gute alte Litfaßsäule bleibt hingegen eine Handarbeit: Mehr als 150 Schichten werden übereinanderklebt, bevor sie abspecken muss: Alle paar Jahre rücken die Plakatkleber ihr mit der Motorsäge zu Leibe und erleichtern sie um ihr Hüftgold, das sie im Laufe der Zeit angesetzt hat: Die Schwarte, wie die Schicht in der Werbebranche ganz schnörkellos heißt.
In Nürnberg halten Litfaßsäulen seit neuestem auch noch für andere Zwecke her: Im November nahm die Stadt die erste Litfaßsäulen-Toilette Bayerns in Betrieb: Draußen Werbung, drinnen ein Klo.

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