Wein als Arzneimittel

Sie brauchen noch eine gute Rechtfertigung, um ohne schlechtes Gewissen viel Wein zu trinken? Bitte sehr: Der Rebensaft wurde schon von alters her als Arznei verschrieben.

Wein nicht nur zum Genuss: Zahlreiche alte Medizinbücher bezeugen, dass der vergorene Traubenmost über Jahrhunderte hinweg auch als Heilmittel verwendet wurde.
Wein nicht nur zum Genuss: Zahlreiche alte Medizinbücher bezeugen, dass der vergorene Traubenmost über Jahrhunderte hinweg auch als Heilmittel verwendet wurde.

Von Arne Dettmann

Den Witz kennen Sie bestimmt: Sagt der Arzt zum Patienten: «Wenn Sie so weitertrinken, werden Sie nicht alt.» Darauf der Patient: «Das sage ich auch immer: Wein hält jung.» Und fast schon legendär ist die ärztliche Empfehlung, abends immer nur ein Glas Wein zu schlürfen, weil dieser die Gesundheit fördert. Der Patient nimmt den Mediziner beim Wort und gießt sich nur ein Glas voll – allerdings einen Humpen mit einem Liter Fassungsvermögen.
Wie schön ist es doch, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Kardiologen und andere Experten weisen darauf hin, dass Wein den gefürchteten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumoren und Krebs vorbeuge. Dank seiner Wirkung als Antioxidans verringere sich außerdem die Gefahr der Arterienverkalkung. Phenole und Alkohol senken zudem die schädlichen Blutfette, ja gar der Hormonhaushalt, die Hirntätigkeit und die Darmbewegungen würden vom Weinkonsum profitieren.
Die Wissenschaftler warnen aber gleichzeitig auch immer vor der Kehrseite der Medaille: Wer zu viel des Guten in sich hineinschüttet, der muss mit «Nebenwirkungen» rechnen, als da wären: Leberzirrhose, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Magenkrebs, Speiseröhrenkrebs, von der Abhängigkeit ganz zu schweigen. Also Wein auf ärztliches Rezept? Fehlanzeige.
Dabei spielte Wein in der langen Geschichte der Heilkunst eine überaus bedeutsame Rolle und nahm im Arzneischrank einen bevorzugten Platz ein. Die Wurzeln reichen weit in die Antike zurück. Hippokrates (um 460 bis um 377 v. Chr.) war der Ansicht, dass ein guter Wein viel eher als Arznei denn als Getränk zu betrachten sei. In seiner Schrift «Von den inneren Krankheiten» empfahl er bei Ischiasschmerzen so viel Wein zu trinken, bis sich Nasenbluten einstelle. Von Galenus (um 129 bis um 201 n. Chr.) wird berichtet, dass er Kaiser Mark Aurel bei einem Brechdurchfall erfolgreich mit Pfeffer und dem leichten Weißwein aus den Sabiner Bergen behandelte.

«Der Wein ist ein Geschenk der Götter, sie haben den Wein dem Menschen aus Erbarmen gegeben.»
Platon

Unsere freudige Trinkaufforderung «Prost!» oder «Prosit!» stammt übrigens aus der medizinischen Fachsprache römischer Ärzte. Prodesse meint auf Deutsch «nützen», «zuträglich sein» und ist somit eine Wunschformel: «Es nütze!» bezieht sich demnach auf die positive Wirkung eines Heilmittels.
Wer anderen viel zuprostet, verfällt irgendwann in einen Rausch. Doch es fehlte nicht an Weinkennern, die im Rausch sogar eine Therapie sahen. Der Franziskanermönch Francois Rabelais (um 1494 bis 1553) wartete mit der These auf, dass Trunkenheit dem Körper zuträglicher sei als alle Arznei. Nur ein regelmäßiger Weingenuss sichere auch ein langes Leben, was allein schon dadurch bewiesen sei, dass es mehr alte Weintrinker als alte Ärzte gäbe.
Den medizinischen Weingegnern gelang dann allerdings im 19. Jahrhundert der vernichtende Schlag gegen solche Rauschanpreisungen. Ausgerechnet der große Weinverehrer Louis Pasteur (1822 bis 1895) lüftete das Geheimnis der alkoholischen Gärung und legte offen, dass der «Geist» (spiritus) des Weines chemisch betrachtet einfach nur Ethanol darstellt. Die besondere Heilwirkung war entmystifiziert.
Dennoch haben wir der Weinmedizin vieles zu verdanken. Für Paracelsus (1493 bis 1541) war der Wein ein Universalmittel, mit der fast jede Krankheit geheilt werden konnte. Von ihm wissen wir, dass er von diesem Mittel ausschweifenden Gebrauch machte und nach langen Kneipenbesuchen bisweilen nur noch lallend seinen Schülern sein medizinisches Hauptwerk diktierte, das in der Folge ganzen Generationen von Ärzten als Lehrbuch diente.
Im Jahr 1327 verordnete Meister Rembot angesichts der Gefahren einer bevorstehenden Sonnenfinsternis dem Mainzer Erzbischof und Landesherren Matthias von Bucheck eine gründliche Weinbehandlung. Rembot, der zugleich Hofarzt des Kaisers war, verschrieb einen kräftigen Trunk «wohl getönten Weines», und zwar jeweils vor Sonnenuntergang und dann noch einmal danach. Damit war der «Dämmerschoppen» erfunden, der bis heute dankbaren Weintrinkern zur lieben, wenn auch nicht ärztlich verordneten Gewohnheit geworden ist. Er brachte die gesunde Lebensregel hervor, die bei allen gesitteten Weintrinkern zu hören ist: «Bei Sonnenuntergang wird entkorkt.»
Vom ausgehenden Mittelalter bis weit ins 19. Jahrhundert war die Weinmedizin unter den Ärzten nicht wirklich umstritten. Debattiert wurde höchstens, welcher Wein bei welchem Patienten den erwünschten, heilenden Zweck erfüllte. Dabei kam der vergorene Traubensaft nicht nur als Trinkmittel zum Einsatz.
Der Mathematiker und Stadtmedicus aus Nürnberg, Walter Ryff (gestorben vor 1562) ermunterte die Krankenpfleger, den Patienten bei Fieber und Schüttelfrost aufzuwärmen «mit warmen Steinen, in Tücher gewickelt, vorhin mit Wein ein wenig gesprengt.» Ryff erfand sogar einen «Weinverdunster», der mit brennenden Holzkohlen beheizt wurde, um die Tücher damit anzuwärmen. Das Gefäß sollte «mit geringem, leichtem Wein ein wenig begossen» werden, damit ein warmer Weinduft aufsteige.

Holzschnitt um 1500: Ein Arzt verabreicht einem Patienten Wein als Medikament.
Holzschnitt um 1500: Ein Arzt verabreicht einem Patienten Wein als Medikament.

Einer der letzten deutschen Weintherapeuten war der Arzt, Maler und Winzer Ferdinand von Heuss aus Bodenheim bei Mainz. In seiner medizinischen Studie aus dem Jahr 1906 berichtet er von einem kühnen medizinischen Selbstversuch, bei dem er 1884 seine Typhuserkrankung mit 80 Flaschen Bodenheimer (Jahrgang 1868) erfolgreich besiegt hatte. Er legt auch die Fallgeschichte einer Patientin vor, die an «septischer Gebärmutterentzündung» litt und von seinen ärztlichen Kollegen bereits aufgegeben worden war. «Ich vertraue», schreibt Heuss, «auf den physiologischen Alkohol meiner 68er, 75er, 95er und 97er Jahrgänge.» Und mit 120 Flaschen dieser Kreszenz, innerhalb von drei Wochen verabreicht, brachte er die todgeweihte Patientin wieder auf die Beine. Ob die Dame anschließend wegen eines Leberschadens behandelt werden musste, wird nicht erwähnt.
Sehr verbreitet waren auch Rezepte, bei denen Wein zusammen mit Kräutern vermengt wurde und über deren Wirkung in alten Weinbüchern berichtet wird. Die getrockneten oder auch frischen Pflanzen wurden in den Gärprozess des Mostes miteinbezogen. Einige dieser «geärzten Weine» gehen auf Hippokrates und Galenus zurück, andere sind noch älteren Ursprungs. Die alte Medizin stützte sich dabei nicht nur auf überliefertes Heilwissen, sondern auch auf die sogenannte Signaturenlehre. Nach diesem Modell zeigen gewisse äußere Eigenschaften der Pflanze – ihre Gestalt, ihre Farbe und ihre Säfte – an, welche Heilwirkung ihr inne wohnt.

Der Wein ist unter den Getränken das Nützlichste, unter den Arzneien die Schmackhafteste, und unter den Nahrungsmitteln das Angenehmste (…).
Plutarch

Pflanzen mit herzförmigen Blättern schrieb man Heilwirkungen bei Herzkrankheiten zu, leberförmigen solche für Leberleiden, höckerige Wurzeln gebrauchte man gegen Geschwüre, stachelige Disteln gegen Stechen in der Brust. Der gelbe Saft des Schöllkrautes war ein Mittel zur Bekämpfung von Gelbsucht, blasige aufgetriebene Früchte wandte man bei Blasenleiden an. Der Johanniswein galt als Mittel gegen leichte Depressionen und alle «inneren Verletzungen», wozu man auch seelische Kränkungen und anderen Kummer zählen darf; der Rosmarinwein sollte gegen nahezu alle körperlichen Gebrechen verabreicht werden, von der Herzschwäche bis zum Haarausfall. Und schließlich half Basilikumwein gegen Melancholie.
Doch diese guten alten Zeiten der Weinapotheke, als noch ein Fässchen im Arzneimittelschrank stand, sind längst vorbei. Rotweine bei Durchfallerkrankungen, Weißweine zur Anregung der Nierenfunktion, Portwein bei akutem Fieber und Blutarmut sowie Burgunder bei Appetitlosigkeit? Über eine solche «medizinische» Behandlung würden heutzutage die Ärzte entsetzt den Kopf schütteln oder einfach nur lachen.
Sollten sich also die Babylonier und Assyrer gänzlich geirrt haben, die Wein zum Grundbestand ihrer medizinischen Mittel zählten? Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) jedenfalls schöpfte aus den antiken Quellen und nannte den Wein «das Blut der Erde». In einem ihrer naturwissenschaftlichen Bücher der «Physica» rühmt sie seine Vorzüge, lange bevor die Vorläufer der modernen Medizin und Hygiene dies tun: «Ein Wein von der Rebe, im Falle er rein ist, macht dem Menschen ein gutes und gesundes Blut.» – In diesem Sinne: Prost!

Lebensfreude im Weinberg des Herrn

Wein spielt in der jüdischen und christlichen Religion eine besondere Bedeutung; das Wort kommt in der Bibel über zweihundertmal vor, der Weinberg wird über hundertmal erwähnt. Laut dem Alten Testament war Noah der erste Winzer, der nach der Sintflut einen Weinberg anpflanzte. Dass übermäßiger Weinkonsum berauschend sein kann, verschweigt die Schrift keineswegs: «Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag in der Hütte aufgedeckt.»

Darstellung eines Mönches im Mittelalter
Darstellung eines Mönches im Mittelalter


In den Psalmen wird der Wein mit Lebensfreude gleichgesetzt, bei Salomo ist er eine Arznei für Leidende. Die Fruchtbarkeit der Weinrebe ist ein Symbol für den Segen, der auf dem Volk Israel liegt. Wein wird in Verbindung mit Korn und Öl erwähnt, zusammen mit den guten Gaben, mit denen Gott sein Volk segnen will. Im Tempel sollte Wein als Trankopfer geopfert werden.

Das jüdische Volk wird mit einem Weinberg verglichen, wobei Weinstock und Rebe zum Sinnbild von Jesus und seiner Gemeinde werden. «Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.» In der Wundererzählung «Hochzeit zu Kana» verwandelt Jesus Wasser zu Wein. Dieser symbolisiert das Fest und die Lebensfreude und lässt die Menschen die Herrlichkeit der Schöpfung spüren.

An einer anderen Stelle im Neuen Testament wird das Christentum mit neuem Wein gleichgesetzt, der nicht in alte Weinschläuche – das Judentum, die Pharisäer und die Anhänger von Johannes dem Täufer – gefüllt werden dürfe, denn der neue, sprudelnde Wein werde die alten, brüchigen Weinschläuche zerreißen, er werde verschüttet und die Schläuche verderben. Eine tiefe Bedeutung erfährt der Wein zusammen mit Brot im christlichen Abendmahl: Beide symbolisieren von nun an Blut und Leib Christi. Am letzten Passahfest erklärt Jesus: «Wahrlich, ich sage euch, dass ich hinfort nicht trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis auf den Tag, da ich’s neu trinke in dem Reich Gottes.»

Insgesamt kann es wohl als angemessen angesehen werden, dass der Wein laut Bibel eine Gabe Gottes ist, von der der Mensch gebrauch machen soll. So heißt es sogar bei Timotheus: «Trinke nicht mehr Wasser, sondern auch ein wenig Wein um deines Magens willen und weil du oft krank bist.» Doch Vorsicht! Wer regelmäßig zu viel trinkt, der schießt übers Ziel hinaus, siehe 1. Korinther, Kapitel 6, Vers 10: «(…) noch die Trunkenbolde (…) werden das Reich Gottes ererben.»

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