Die Weihnachtsmänner und -frauen von der Post

In der Eingangshalle der Hauptpost an der Plaza de Armas prangt ein Weihnachtsbaum aus lauter kleinen Päckchen bis hoch in den zweiten Stock. In zwei roten Briefkästen können Briefe an den Weihnachtsmann deponiert werden. Es ist ziemlich voll heute Vormittag, doch in der zweiten Halle herrscht konzentrierte Stille. Auf Puffs oder auf dem Boden sitzen etwa 30 bis 40 Personen, die stapelweise Briefe lesen. In der Mitte steht ein großer Karton, in dem Briefe an den Weihnachtsmann deponiert sind.

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30.000 solcher Briefe waren bis vergangenen Freitag in ganz Chile bei der Post angekommen. Die Aktion «Regala Alegría. Apadrina una carta» («Schenk Freude – Sei Pate für einen Brief») gibt es bereits seit 21 Jahren. Lorena Bravo, Koordinatorin der Kampagne erklärt: «Wie sollen Kinder ihre Briefe an den Weihnachtsmann schicken? Sie geben sie eben bei der Post ab.» Postmitarbeiter begannen damals, einfache Geschenke oder ein Weihnachtsessen für diejenigen der Kinder zu organisieren, die sonst vermutlich leer ausgegangen wären. Inzwischen ist die Aktion zu einer alljährlichen Tradition geworden, an der sich landesweit immer mehr Menschen beteiligen.

Camila Fuentes und María José Morales sind Mitarbeiterinnen eines Labors der Wissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Chile. «Unser Team hat dieses Jahr eine Alternative zum Wichteln gesucht. Dies hier ist erfrischend für unsere Seele. Es gibt noch so viel soziale Ungerechtigkeit, und viele Kinder glauben an den Weihnachtsmann», erzählt Camila über ihre Motivation an der Aktion teilzunehmen.

Sie haben das Geld eingesammelt, dass die Kollegen sonst für den Geschenke-Brauch «Amigo secreto» ausgegeben hätten. Die Auswahl der Briefe war nicht einfach, denn in vielen wird um teure Geschenke gebeten: Playstations, Computer, Fahrräder. So hat es in den vergangenen Jahren auch immer wieder Kritik gegeben. Es ist vorgekommen, dass Eltern die Briefe schreiben, manche sind mit fünf Wunschzetteln erwischt worden. So haben auch Camila und María José erst viele Briefe gelesen, bevor sie Kinderwünsche gefunden haben, die sie erfüllen können.

Sie haben zwei achtjährige Mädchen ausgesucht: eines aus San Bernardo und eines aus Lampa. Das Mädchen aus San Bernardo wünscht sich zwar ein Tablet, hatte aber das Glück dennoch ausgewählt zu werden, weil es hinzufügt, dass es sich auch über ein günstigeres Geschenk freuen würde. Der Brief hat Camila gefallen, weil er fehlerfrei geschrieben ist. Aber auch der soziale Hintergrund bewegt sie. Das Mädchen erzählt in ihrem Brief, dass der Vater verstorben und die Mutter Arbeiterin ist. Ob der Brief wirklich von dem Mädchen geschrieben ist? Camila ist sich da ganz sicher. Herz und Verstand sagen ihr, dass sie die richtige Wahl getroffen haben. Jetzt ist nur noch die Frage, was sie als Geschenk kaufen können. Ein didaktisches Spiel? «Es ist alles so teuer», stöhnt María José. Es könnte auch eine Barbie sein. «Die gibt es schon für dreitausend Pesos», meint sie und lacht, weil sie sich darüber ärgert, dass Barbies zu ihrer Zeit unerschwinglich teuer gewesen seien.

Auch die Schwestern Carolina und Katherine Muñoz haben bereits ihre Wahl getroffen. Katherine hat den Brief einer Mutter aus La Florida ausgesucht. Sie schreibt, dass sie Brustkrebs hat und wünscht sich Weihnachtsessen und -baum für ihre zehn- und sechsjährigen Kinder. «Die Adresse ist nicht weit von uns entfernt», sagt Katherine, die mit ihrem achtjährigen Sohn die Geschenke persönlich übergeben möchte. Beide Schwestern möchten, dass ihre Kinder auf diese Art andere Realitäten kennenlernen, wie sie sagen. Sie lassen wissen, dass auch sie Solidarität erfahren haben und möchten sie nun weitergeben. Caroline hat den Brief einer 17-Jährigen aus La Pintana ausgesucht. Auch sie bittet um ein Weihnachtsessen. «Die Mutter verkauft Cachuritos auf einem Markt», erklärt sie. Die Art, wie sie es sagt, macht gleichzeitig Achtung und Mitgefühl deutlich.

Isabel Escobedo ist 52 und wohnt in Puente Alto. Sie hat einen zwölfjährigen Jungen aus Independencia ausgesucht. «Sein Schicksal macht mich sehr traurig», erläutert sie ihre Entscheidung. Sie wird persönlich hingehen, um ihn kennen zu lernen, sagt sie bestimmt.

Ihre Altersgruppe macht an diesem Vormittag unter den konzentrierten Briefelesern die Ausnahme. Die Puffs sind hauptsächlich von jungen Leuten um die Zwanzig belegt. Dazwischen fallen zwei Männer in Bürokleidung und ein etwas älteres Ehepaar regelrecht auf. Zumindest heute kommen viele der Schenker selbst aus den eher einkommensschwächeren Gemeinden.

Die von der Fernsehwerbung genährte Illusion vom Smartphone oder Tablet wird wohl nur für wenige Kinder erfüllt werden. Doch das ist nicht ausschlaggebend. Die Aktion der Post hat eine andere weihnachtliche Magie, die viele anzieht: die der menschlichen Begegnungen und das Gefühl, durch solidarisches Handeln ein Stück christliche Tradition lebendig werden zu lassen.

 

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Von Petra Wilken

 

Kampagne der Metro noch bis zum 27. Dezember

 

Die Kampagne der Post endet am 20. Dezember. Wer als Weihnachtsmann oder -frau noch gerne Kindern eine Freude machen möchte, hier noch ein Tipp: Die Metro Santiago hat an allen Stationen Behälter für Geschenke aufgestellt. Darin werden Spielsachen für die Stiftungen «Niño y Cáncer» («Kind und Krebs») und «Protectora de la Infancia» («Beschützerin der Kindheit») gesammelt. Diese Kampagne läuft noch bis 27. Dezember. Die Spielsachen sollten neu oder gut erhalten sein und ohne Geschenkpapier abgegeben werden. Die Stiftung «Niño y Cáncer» betreut alle Altersstufen: von Neugeborenen bis zu Jugendlichen von 18 Jahren.

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