«In Chile gibt es kein strategisches Wassermanagement»

Interview mit Ulrike Broschek von der Fundación Chile über Wasserressourcen und -verbrauch

Laguna de Aculeo: Klimawandel und eine Übernutzung der Wasserressourcen führten am 9. Mai 2018 zur kompletten Austrocknung.
Laguna de Aculeo in der Nähe von Santiago de Chile: Klimawandel und eine Übernutzung der Wasserressourcen führten am 9. Mai 2018 zur kompletten Austrocknung.

 

Erstmals ist mit der «Radiografía del agua» der Fundación Chile eine Bestandsaufnahme der nationalen Wasserressourcen aufgestellt worden. Der Cóndor sprach mit Ulrike Broschek, zuständig für Nachhaltigkeit bei der Stiftung, über Wasserverschwendung, Klimawandel und mögliche Folgen für die Wirtschaft. Das Interview führte Redaktionsleiter Arne Dettmann.

 

Cóndor: Frau Broschek, die Fundación Chile hat vor Kurzem einen Wasseratlas für Chile veröffentlicht. Was ist das Neue an dieser Erhebung «Radiografía del agua»?

Ulrike Broschek arbeitet an der Fundación Chile im Bereich Nachhaltigkeit.
Ulrike Broschek arbeitet an der Fundación Chile im Bereich Nachhaltigkeit.

Ulrike Broschek: Es existierte bisher keine landesweite, integrierte Übersicht über die Wasserressourcen Chiles. Informationen über Wassernutzung und -vorkommen lagen entweder gar nicht oder nur vereinzelt vor. Im Rahmen der Initiative «Escenarios Hídricos 2030» haben wir seit vergangenem Jahr systematisch Daten gesammelt, um die nationale Situation zu analysieren und Aussagen über die Zukunft zu treffen. Daran haben mehr als 150 Personen – darunter 27 Spezialisten – aus 47 Institutionen sektorenübergreifend mitgearbeitet. Von insgesamt 101 Wassereinzugsgebieten (cuencas) im ganzen Land konnten wir 25 aufgrund der ausreichenden Datenlage näher analysieren.

 

Das Ergebnis?

In neun Wassereinzugsgebieten verbraucht der Mensch mehr Wasser, als wieder in das System hineinfließt. Wir bezeichnen das als Wasserkluft (brecha): Der Konsum liegt dort also höher als das sich wieder auffüllende Angebot durch Regen und Gletscherzuflüsse. Diese Übernutzung liegt teilweise bei 40 Prozent. Beim Gebiet des Flusses Los Choros in der Region Coquimbo beläuft sich die Überausbeute auf gar extreme 824 Prozent. In anderen Worten: Dort wird achtmal mehr Wasser verwendet, als was die natürlichen Ressourcen hergeben.

Die «Radiografía del agua» der Fundación Chile zeigt auf, in welchen der untersuchten Wassereinzugsgebiete eine Kluft zwischen Wasservorkommen und -verbrauch herrscht.
Die «Radiografía del agua» der Fundación Chile zeigt auf, in welchen der untersuchten Wassereinzugsgebiete eine Kluft zwischen Wasservorkommen und -verbrauch herrscht.

 

Aber wo liegt das Problem? Offenbar ist doch noch genügend Grundwasser vorhanden.

Ja, aber es werden ständig mehr Ressourcen genutzt, als das System regeneriert. Das Grundwasservorkommen sinkt also permanent. Einmal ist dann Schluss. Im Fall des Gebietes beim Fluss La Ligua in der Region Valparaíso beispielsweise beträgt die Überausbeute 129 Prozent. In der Zone wird auf weiten Flächen Palta-Anbau betrieben, 95 Prozent der gesamten Wasserressourcen gehen dort in die Landwirtschaft. Doch irgendwann – vielleicht in 10 oder 20 Jahren? – werden die Hersteller kein Wasser mehr für ihre Plantagen haben. Das unterirdische Reservoir ist dann aufgebraucht und man wird abhängig von Niederschlägen, die aufgrund des Klimawandels ohnehin abnehmen. Der ökologische Kollaps wird daher auch ökonomische Folgen nach sich ziehen. Chile will ein großer Agrarexporteur sein, muss sich allerdings fragen, inwieweit dieser Ansatz nachhaltig ist.

 

Was schlagen Sie vor?

In Chile gibt es kein strategisches Wassermanagement. Der Staat hat sechsmal mehr Wassernutzungsrechte erteilt, als was tatsächlich verbraucht wird. In der Region Aysén beispielsweise wurden 167 Kubikmeter pro Sekunde genehmigt – in der Realität werden aber nur 0,6 Kubikmeter pro Sekunde verwendet. In der Region Valparaíso liegt diese Diskrepanz bei 476 zu 45,28. Es wurden dort also 10,57-mal mehr Wassernutzungsrechte erlaubt, als was tatsächlich verbraucht wird. Da drängt sich die Frage auf: Wieso vergibt der chilenische Staat übermäßig viel Nutzungsrechte? Will dort jemand in Zukunft mit Wasserreserven spekulieren? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Wasser einmal tatsächlich verbraucht wird?

Hier müsste also ein Umdenken einsetzen. Wasseranbieter und -nutzer dürften nicht länger isoliert betrachtet werden. Ein Wassereinzugsgebiet reicht von den Bergen bis zum Meer. Notwendig wäre entsprechend eine ganzheitliche Sicht: Wer braucht an welchem Ort wie viel Wasser? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? Wo können wir Wasser sparen, wie lassen sich Regenfälle und andere Quellen nutzen?

 

Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?

Paradoxerweise hat die Ineffizienz in der landwirtschaftlichen Bewässerung einen positiven Effekt auf das Wassereinzugsgebiet. Denn etwa 50 Prozent des Wassers wird verschwendet und geht in den natürlichen Kreislauf zurück. Wichtig wäre es daher, mit Technik die Effizienz zu steigern, den tatsächlichen Verbrauch zu messen und die Nutzung transparenter zu gestalten.

Generell sollte die Wassernutzung als Faktor in eine gesamtwirtschaftliche Gleichung miteinfließen. Dabei muss das Ziel sein, mit weniger Ressourcen mehr zu produzieren. Wie ich bereits erwähnte: Chile hat sich vorgenommen, eine «potencia alimentaria» zu werden. Doch nach unseren Berechnungen wird das unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht möglich sein, weil zu wenig Wasser vorhanden ist. Mit viel Glück werden wir die aktuellen Produktionsraten überhaupt noch halten können. Notwendig sind also nicht nur effizientere Techniken und der intelligente Einsatz der Ressourcen, sondern auch die Überlegung, ob nicht der Anbau von Lebensmitteln strategisch sinnvoller ist, die weniger Wasser verbrauchen.

Chile verschwendet aber auch 8.000 Liter pro Sekunde landesweit durch Abwasser, das über Pipelines ins Meer gleitet wird. Laut der Aufsichtsbehörde gibt es 33 solcher Rohre, alleine in Valparaíso sind es neun. Das Abwasser aus dem häuslichen Bereich wird nur grob gereinigt und gelangt in den Pazifik: In Valparaíso sind es 3.000 Liter pro Sekunde, in Antofagasta 700. Israel dagegen bereitet 90 Prozent seines Abwassers in Kläranlagen wieder auf und nutzt es in der Landwirtschaft. Daher sollten wir in Chile nicht über teure Entsalzungsanlagen nachdenken, sondern die kostengünstigere Wiederaufbereitung des Abwassers favorisieren. Das Wasser könnte dann im Bergbau, in der Landwirtschaft und anderen Sektoren wieder genutzt werden.

 

Sie fordern mehr Engagement von privaten Firmen?

Ja. Insbesondere der Bergbau sowie die Unternehmen zur Abwasserbehandlung und Wasserbereitstellung könnten mehr tun und mit guten Beispielen vorangehen. Das Bewusstsein für eine integrale Sicht ist allerdings kaum vorhanden. Firmen schieben häufig die Verantwortung auf den Staat. Angesichts des rechtlichen Modells in Chile, das privaten Akteuren eine starke Stellung einräumt, wären aber die Unternehmen gefordert.

 

Wie schätzen Sie die gesamte Lage Chiles im Hinblick auf den Klimawandel ein?

Weniger Niederschläge und eine Temperaturerhöhung betreffen vor allem die Zentralzone und den Süden Chiles. Es gibt schätzungsweise 24.000 Gletscher auf chilenischem Territorium, von denen wir nur 34 hinsichtlich Fläche und Masse untersucht haben. Bei allen stellten wir eine Verringerung fest. Der Klimawandel reduziert also unsere Wasserreserven. Das ist ein Phänomen, das wir seit dem Jahr 2000 beobachten können und mit dem wir klar kommen müssen.

Das zweite Phänomen ist die Übernutzung der Wasserressourcen, ausgelöst durch das chilenische Modell der privaten Wasserrechte. Unsere Situation der Wasserknappheit wird damit verschärft. Zusammen mit dem Klimawandel laufen wir auf kurze Sicht in Gefahr, dass die Brunnen bald versiegen. Die Art wie wir leben und wirtschaften, beinhaltet ein hohes Risiko, in Zukunft nicht mehr tragbar zu sein.

 

Programm Suizagua

Wasserverbrauch senken, Image verbessern

Santiago (ade) – Mehrere Unternehmen der Landwirtschaft nehmen derzeit an dem Programm Suizagua der Fundación Chile teil, um bis 2020 ihren Wasserverbrauch um fünf Prozent zu senken. Die beteiligten Firmen Frutícola Olmué, Minuto Verde, Olivares de Quepu, Watt´s und Aconcagua Foods sind in den Gebieten Rapel, Maule, Maipo und Itata tätig, wo laut der Stiftung mehr Wasser verbraucht wird, als wieder in den Kreislauf zurückgelangt.

«Chile ist ein Land der Agrarexporte», erklärt Claudia Galleguillos, Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit bei der Stiftung. Die Landwirtschaft habe einen Anteil von 87 Prozent beim Wasserverbrauch, während Industriebetriebe gerade einmal auf ein Prozent kämen. Die Wassernutzung in der Landwirtschaft effizienter zu gestalten sei daher von großer Bedeutung.

Suizagua ist ein Projekt, bei dem die Schweiz insgesamt 56 Unternehmen in Lateinamerika dabei finanziell unterstützt. Das Programm wurde ins Leben gerufen, nachdem die Schweiz festgestellt hatte, dass 95 Prozent des Wasserkonsums auf den Import von lateinamerikanischen Produkten zurückzuführen sind. Die Messung des Wasserverbrauchs erfolgt dabei über die ISO-Norm 14.046.

Bereits von 2013 bis 2015 hatten sich Industriefirmen wie Clariant, Polpaico, Tinguiririca Energía, Mall Plaza und Nestlé an Suizagua beteiligt und insgesamt 11.425 Kubikmeter Wasser pro Monat eingespart. Das entspricht dem Verbrauch von 27.366 Personen. «Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht», erklärt Ulrike Broschek von der Fundación Chile. «Die Unternehmen sparen Geld, verbessern ihr Image und sind sich des Wasserverbrauchs bewusster geworden. Sie waren so begeistert, dass sie von unseren zehn vorgeschlagenen Maßnahmen alle umgesetzt haben.»

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