«Mamma» ist die Beste: Warum junge Südeuropäer oft nicht ausziehen

Mit 33 Jahren noch im «Hotel Mama»: Der junge Italiener Fabio Proietti steht mit seiner Mutter Anna Proietti in der Küche ihrer gemeinsamen Wohnung in Rom.  Foto: Miriam Schmidt/dpa
Mit 33 Jahren noch im «Hotel Mama»: Der junge Italiener Fabio Proietti steht mit seiner Mutter Anna Proietti in der Küche ihrer gemeinsamen Wohnung in Rom.
Foto: Miriam Schmidt/dpa

In Italien und Spanien bleiben viele junge Menschen auch nach dem 30. Geburtstag lieber im komfortablen Nest bei den Eltern statt auf eigenen Füßen zu stehen. Bequemlichkeit spielt dabei genauso eine Rolle wie die große Bedeutung der Familie – vor allem der «Mamma».

Rom/Madrid (dpa) – Wenn Fabio Proietti nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, steht das Essen auf dem Tisch, der Kühlschrank ist voll und die Wäsche gebügelt. Der 33 Jahre alte Römer lebt mit seinen Eltern und seinem vier Jahre älteren Bruder in einer kleinen Wohnung, obwohl beide Söhne seit vielen Jahren ihr eigenes Geld verdienen. «Mir geht es gut hier, in gewisser Weise ist es natürlich auch praktisch. Ich bekomme Mittagessen, Abendessen, Frühstück und habe alles, was ich brauche», sagt er. «Und meine Eltern sind eine wichtige Säule in meinem Leben und es würde mir schwerfallen, sie zu verlassen.»

Mit dieser Mischung aus Bequemlichkeit und Familiensinn steht Fabio Proietti in südeuropäischen Ländern wie Italien und Spanien nicht alleine da. Zwei von drei Italienern zwischen 18 und 34 Jahren leben noch bei den Eltern, ermittelte die europäische Statistikbehörde Eurostat. In Spanien sind es mit 57 Prozent kaum weniger, auch hier bleibt die Mehrheit der jungen Menschen lange bei den Eltern.

Das Phänomen, das Loslösen von der Ursprungsfamilie aufzuschieben, sei seit Jahren weit verbreitet, meint Italiens Statistikbehörde Istat. Die Gründe sind vielfältig, fest steht aber: Viele junge Italiener haben eine enge Beziehung zu ihrer Familie, vor allem zu ihrer «Mamma». In Spanien ist es ähnlich.

«Für mich wäre es schon schwierig zu gehen, wir haben ein gutes Verhältnis», sagt Fabio Proietti. Seine Mutter Anna ergänzt: «Meine Kinder sind mir sehr wichtig. Wenn ich es egoistisch sehe als Mutter, möchte ich natürlich, dass sie nie weggehen, aber für ihre eigene Entwicklung wäre es sicherlich gut.»

Die Rollenverteilung bei den Proiettis ist klar: Mutter Anna ist Hausfrau, kauft ein, putzt, kocht und wäscht für ihre drei Männer. «Aber wenn ich sie alleine lasse, gibt es kein Chaos. Fabio putzt die Küche perfekt», betont sie. Als unselbstständiges und verwöhntes Muttersöhnchen sieht sich auch der 33-Jährige selbst nicht. «Es wäre kein Problem für mich, alleine zu leben und alles selbst zu machen», glaubt er. «Aber so lange Mama da ist, warum nicht?»

In einer Istat-Studie gaben knapp 45 Prozent der Befragten an, ihr Elternhaus aus Gründen der Bequemlichkeit nicht zu verlassen – fast genauso oft spielen aber finanzielle Aspekte eine Rolle. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Italien bei rund 40, in Spanien sogar bei knapp 50 Prozent, die Einkommen sind oft gering.

Pacos Blick verfinstert sich, wenn man den 37-Jährigen aus Vallecas im Süden von Madrid fragt, ob er sich denn als «hijo de mamá», als Muttersöhnchen, betrachtet. «Ich weiß, dass zum Beispiel die Schweden oder die Deutschen sehr oft mit 20 oder sogar früher aus dem Elternhaus ausziehen», sagt das Einzelkind, das noch immer bei seinen Eltern wohnt. Die Bedingungen für die jungen Leute im Norden Europas hätte er auch gern. Als Büroangestellter komme er auf nur 650 Euro netto im Monat.

«Damit könnte ich hier in Madrid höchstens in eine Studenten-WG ziehen. Und das hier würde ich mir dann nur zwei, dreimal im Monat leisten können», sagt Paco und zeigt auf das frisch gezapfte Bier vor sich auf dem Kneipentisch. Die Realität in Madrid zählt der Diplom-Betriebswirt an seinen Fingern ab: «Fünf meiner zehn besten Uni-Kumpels wohnen bei den Eltern, drei sind ausgewandert. Nur zwei haben mit Frau und Kindern eine eigene Wohnung hier in Spanien.»

Dass spanischer Nachwuchs das «Hotel Mama» im Schnitt erst mit 29 Jahren verlässt, hat sicher – wie in Italien – auch mit der Anhänglichkeit vor allem der Söhne zu tun. Doch die Zeitung «El País» schrieb vor einiger Zeit: «Die Arbeitslosigkeit, der prekäre Arbeitsmarkt und das nicht existierende Wohngeld sind die Scheren, die den jungen Leuten in Spanien die Flügel stutzen.» Die Gründung eines Hausstands werde darum oft hinausgezögert. «Wie man es dreht und wendet: ein Desaster», resümiert die Zeitung.

Paco sieht anders als das Renommierblatt auch die guten Seiten des späten Auszugs. «Mami kocht, sie macht meine Wäsche und auch das Bett, ist doch super.» Der Nesthocker macht auch kein Hehl daraus, dass er seine Mutter «über alles» liebt. Zum spanischen Muttertag wollte er «Mamá» einen großen Blumenstrauß und einen teuren Toaster kaufen.

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