Warum Fahrlässigkeit und Egoismus tödlich sein können

Vor drei Wochen ereignete sich ganz in der Nähe unseres Hauses, im Stadtteil La Reina, ein Unfall. An der Haltestelle Simón Bolivar Ecke Santa Rita wollte eine Mutter mit ihrem dreijährigen Kind aus dem Bus aussteigen. Die beiden waren noch nicht ganz draußen, als der Busfahrer die Tür bereits wieder schloss und dabei offenbar den Kleinen samt Rucksack einklemmte. Der Bus fuhr wieder an, die Mutter versuchte den Jungen zu befreien – vergeblich. Der Kleine Agustín geriet unter die Räder und starb.

Mich hat dieser Unfall nicht nur schockiert, weil er praktisch vor unserer Haustür passierte und ich zwei Söhne im gleichen Alter habe, denen vielleicht ähnlich Schreckliches zustoßen könnte. Nein, ich habe mich auch gefragt, ob dieser unfassbare Vorfall nicht symptomatisch ist und etwas über diese Gesellschaft aussagt.

Die aggressive Fahrweise mit allem, was dazu gehört – überhöhte Geschwindigkeit, zu geringer Abstand, riskante Überholmanöver, Unachtsamkeit –, ist allgemein bekannt, viele Chilenen selbst stellen ihren eigenen Landsleuten kein gutes Zeugnis für ihr Verhalten hinter dem Lenkrad aus. Das rüpelhafte Draufgängertum chilenischer Busfahrer ist beinahe schon legendär. Und der tödliche Vorfall in La Reina stellt keineswegs einen Einzelfall dar.

Wer danach fragt, woher diese oftmals rabiate, ungeduldige Haltung auf Chiles Straßen kommt, der wird darauf verwiesen, dass insbesondere bei den Busfahrern hoher Leistungsdruck und kurze Pausen nach überlangen Fahrten die tragischen Unfälle in den vergangenen Jahren verursacht hätten. Das trifft sicherlich zu, ist aber nur halb richtig. Denn Stress im Alltag stellt kein rein chilenisches Phänomen dar. Auch Deutsche, Holländer und Franzosen müssen sich heutzutage dem verschärften Wettbewerb der Globalisierung stellen.

Der aus Karlsruhe stammende Politologe Professor Norbert Lechner, verstorben 2004 in Santiago de Chile, hat während seiner Tätigkeit an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften (Flacso) eine interessante These in diesem Zusammenhang aufgestellt: In Umfragen kritisierten Chilenen eine Zunahme von Aggressivität und Egoismus innerhalb der Gesellschaft bei ausgeprägten sozialen Ungleichheiten. Trotz Wirtschaftswachstum und günstiger sozioökonomischer Entwicklung gaben die Befragten an, lieber individuelle Erfolgsstrategien zu verfolgen als die Zukunft in einer Gemeinschaft zu sehen. Lechner kam zu dem Fazit: Die starke Modernisierung und Privatisierung in Chile hätten zur einer Abnahme der Gesellschaftlichkeit und zu einem Klima des Misstrauens und der Unsicherheit geführt.

Persönlicher Erfolg und Misserfolg, beispielsweise bei der Altersvorsorge und im Bildungsbereich, hänge stark vom Individuum selbst ab; Gesellschaft als Kollektiv trete dahinter zurück. Die Bereitschaft zu Kooperation und gegenseitiger Anpassung sinke daher, so Lechner weiter. Die Folgen dieser Selbstbezogenheit seien eine Schwächung des Respekts, der Toleranz, des Vertrauens und Anständigkeit – alles grundlegende Voraussetzungen für ein zivilisiertes Zusammenleben.

Natürlich sind Begriffe wie Respekt und Toleranz sehr schwammig, ja geradezu eine höchst unwissenschaftliche Kategorie. Wer den Entwicklungsgrad der chilenischen Gesellschaft unter die Lupe nehmen will, der hält sich lieber an handfeste volkswirtschaftliche Indikatoren, wie es die konservativ-liberale Zeitung El Mercurio tut. Dort werden immer mal wieder gerne Ranglisten gezeigt, wie hoch das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes ist, an welcher Stelle die chilenische Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich steht und wie viele Unternehmensgründungen stattfinden. Die Botschaft solcher Artikel ist klar: Chile befindet sich auf dem schnellsten Weg hin zu einer entwickelten Industrienation.

Das besagte «zivilisierte Zusammenleben» kommt in solchen Berechnungen nicht vor. Es ist nicht messbar in Rankings und besitzt auch keinen Geldwert. Und doch würde ich es mir für Chile wünschen.

Denn ein solcher Bürgersinn finge mit ganz kleinen Dingen im Alltag an. Es würde beispielsweise bedeuten, den Hundekot des eigenen Vierbeiners aktiv zu entsorgen anstatt ihn gleichgültig auf der Straße liegen zu lassen. Es würde außerdem für Autofahrer bedeuten, Rücksicht auf Rollstuhlfahrer und Kinderkarren zu nehmen und nicht gewissenlos auf dem Fußgängergehweg zu parken. Und es würde letztendlich auch einschließen, verantwortlich zu handeln und sich einmal mehr zu vergewissern, ob zwei Fahrgäste wie der kleine Agustín mit seiner Mutter sicher den Bus verlassen haben oder nicht.

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