Patagoniens überraschende Unterwasser-Schönheiten

Dr. Vreni Häussermann hat mehr als 100 neue Arten in den Fjorden der X. Region entdeckt

Ein Taucher macht Fotos von Seepocken (Austromegabalanus psittacus). Der Fels ist mit dem rosa Schwamm Halisarca megallanica bewachsen, auf dem oben eine Seeanemone (Actinostola chilensis) sitzt. Foto: Fundación Huinay
Ein Taucher macht Fotos von Seepocken (Austromegabalanus psittacus). Der Fels ist mit dem rosa Schwamm Halisarca megallanica bewachsen, auf dem oben eine Seeanemone (Actinostola chilensis) sitzt. Foto: Vreni Häussermann

 

Die Biologin Dr. Vreni Häussermann, Leiterin der Forschungsstation Huinay in der X. Region, hat der Welt die verborgenen Schätze der chilenischen Fjorde gezeigt. Die Entdeckerin neuer Arten, darunter zahlreiche Seeanemonen von farbenprächtiger Schönheit, wird nun noch tiefer in die unbekannte Unterwasserwelt Patagoniens eintauchen.

 

Von Petra Wilken

Es ist nicht einfach, einen Termin mit Vreni Häussermann bei einer ihrer Santiago-Reisen zu bekommen. Seit sie im vergangenen Jahr den Rolex-Preis für Unternehmungsgeist erhalten hat, ist sie noch ausgebuchter. Der Cóndor bekommt einen Termin zwischen einem Meeting in der Moneda und einem Interview mit Canal 13.

«Der Rolex-Preis ist sozusagen der Oscar für Umweltschützer. Er ist das Größte, was man als Biologe erreichen kann, denn es gibt ja keinen Nobelpreis in dieser Disziplin», erklärt sie. Der schweizerische Uhrenhersteller Rolex vergibt seit 1978 die «Awards for Enterprise», mit denen Forschungs- und Umweltprojekte finanziert werden.

Die gelbe Acontiaria gehört zu den Arten, die von Vreni Häussermann entdeckt worden ist. Sie ist bisher noch unbestimmt. Foto: Fundación Huinay
Die gelbe Acontiaria gehört zu den Arten, die von Vreni Häussermann entdeckt worden ist. Sie ist bisher noch unbestimmt. Foto: Vreni Häussermann

Mit den Mitteln wird sie Expeditionen ermöglichen, auf denen sie einen neuen Unterwasserroboter einsetzen wird, der die Fjorde in Patagonien bis zu 500 Meter Tiefe erforschen kann. Bisher sind Häussermann und ihr Team auf konventionelle Art bis zu 30 Meter tief getaucht. Auch der Roboter wird an vielen Stellen nicht bis auf den Grund kommen: Der tiefste bekannte Punkt in den Kanälen von Patagonien ist mit 1.300 Metern im Kanal Messier südlich vom Golfo de Penas gemessen worden.  

Vielleicht wird die Fachwelt erneut mit erstaunlichen Entdeckungen überrascht werden. Denn das haben Vreni Häussermann und ihr Mann Günter Försterra bisher getan: Sie haben mit dem bislang gängigen Glauben aufgeräumt, dass die Fjorde Patagoniens artenarm seien. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Bei ihren Forschungsarbeiten haben sie mehr als 100 neue Arten entdeckt, darunter Seeanemonen, Schwämme und Korallen, wie sie landläufig nur in tropischen oder subtropischen Gewässern vermutet würden. 60 davon sind inzwischen beschrieben, Dutzend weitere warten noch darauf, von Spezialisten benannt zu werden.
 

An der gesamten Küste Chiles getaucht

Häussermann und Försterra haben beide an der Ludwigs-Maximilians-Universität München Biologie studiert. 1994 kamen sie zum ersten Mal mit einem Austauschprogramm nach Chile an die Unversidad de Concepción. «Drei Jahre später haben wir eine Reise von Arica bis Punta Arenas gemacht und sind alle 200 Kilometer getaucht, um die Seeanemonen der gesamten Küste Chiles zu erforschen. Da haben wir festgestellt, dass die Unterwasserwelt südlich von Puerto Montt viel bunter und schöner wurde», erzählt sie ihre Geschichte.

Das Team von Häussermann auf Expedition in den chilenischen Fjordfen. Foto: Fundación Huinay
Das Team von Häussermann auf Expedition in den chilenischen Fjordfen. Foto: Vreni Häussermann

Für ihre Doktorarbeit ist Häussermann zwischen 1999 und 2001 noch dreimal nach Patagonien gekommen. Bei einer der Reisen hörte sie, dass die Forschungsstation Huinay in der Provinz Palena am Fjord Comau gebaut werden sollte. Das Projekt war zustande gekommen, weil die damalige Regierung vermeiden wollte, dass der US-amerikanische Naturschutz-Mäzen Douglas Tompkins den Fundo Huinay noch zu seinen bereits tausende von Hektar großen Parque Pumalín dazukaufen würde. So wurde die private Stiftung San Ignacio del Huinay mit dem Ziel des Schutzes der Artenvielfalt gemeinsam von der Pontificia Universidad Católica Valparaíso und Endesa gegründet. Vor Kurzem hat der italienische Stromversorger Enel Endesa übernommen und damit auch die Stiftung.  

«Unsere Expeditionen haben wir selbst organisiert und finanziert. Wir mussten monatelang im Regen zelten. Und mit Huinay hatten wir endlich ein Dach und ein Labor. Das war spektakulär. Wir haben unsere fünf Kubikmeter Ausrüstung dort untergebracht und gesagt: ‚Ihr kriegt uns nicht mehr los‘», erzählt Häussermann. Die Stiftung Huinay wollte sie auch nicht loswerden, sondern stellte die deutsche Biologin 2003 als Direktorin der Forschungsstation ein.

Fjorde gibt es in Skandinavien, an der Nordwestküste Nordamerikas, in Neuseeland und im chilenischen Patagonien. Mit mehr als 80.000 Küstenkilometern ist die chilenische Fjordlandschaft die größte weltweit. Um sich eine Vorstellung ihrer Ausbreitung zu machen: Ihre Länge würde zusammengenommen zweimal die Erde umspannen.

Die Fiona-Anemone hat Vreni Häussermann nach ihrer Tochter benannt.
Die Fiona-Anemone hat Vreni Häussermann nach ihrer Tochter benannt. Foto: Vreni Häussermann

Wie ist es möglich, dass erst jetzt ihre hohe und einzigartige Biodiversität entdeckt wird? «Früher sind Forschungsschiffe durch die Fjorde gefahren. Da sie in den schlecht kartografierten Gebiet einen Sicherheitsabstand zur Küste halten mussten, konnten sie nur den Sedimentboden in der Mitte beproben und haben dabei die hohe Diversität an dem seitlichem Felsgrund übersehen», erklärt Häussermann.

Zusammen mit ihrem Partner hat sie genau das Gegenteil festgestellt: Südlich von Puerto Montt gibt es drei- bis viermal mehr marine Arten als im restlichen Chile. Die Rede ist dabei hauptsächlich von wirbellosen Tieren. «Die Fjorde haben eine oberflächliche Süßwasserschicht und darunter Salzwasser. Innerhalb der Fjordregion gibt es eine Vielzahl von Gradienten, zum Beispiel unterschiedliche Salzgehalte, unterschiedliche Temperaturen, Strömungen, Wellenexposition und Beschattung. All diese Gradienten überlappen sich und so entstehen viele verschiedene Lebensräume. Die Bedingungen können innerhalb weniger Kilometer komplett anders sein», erläutert die Biologin die Gründe für den Artenreichtum.
 

Forschungsstation Huinay: Freilandlabor der Zukunft

Heute ist die Forschungsstation Huinay zwischen Frühling und Herbst permanent ausgebucht. Zwischen fünf und 15 Wissenschaftler sind fast immer da. «Wir haben einen extrem sauren Fjord. Er hat an manchen Stellen Bedingungen wie sie ab 2100 generell für die Ozeane angenommen werden, da diese durch den Klimawandel saurer werden. Wir sind sozusagen ein Freilandlabor der Zukunft. Deshalb kommen Forscher aus aller Welt».

Angelockt werden sie auch von den Korallenbänken, die in den drei nördlichsten Fjorden der X. Region entdeckt worden sind. «Kaltwassersteinkorallen, verwandt mit den tropischen, riffbildenden Korallen, im Gegensatz zu diesen können sie in sehr großen Tiefen vorkommen», erläutert Häussermann. An der Bestimmung der Arten haben 50 Wissenschaftler aus 13 Ländern teilgenommen, deren Erkenntnisse in dem Werk «Fauna Marina Bentonica de la Patagonia Chilena» zusammengestellt sind. «Eine Bibel für Meeresbiologen, die in Chile arbeiten», so die Herausgeberin. «Unser drittes Kind», fügt sie hinzu. Ihre beiden wirklichen Kinder, Fabian (10) und Fiona (8), wachsen in der Fjordlandschaft Patagoniens auf und kennen Seeanemonen, die nach ihnen benannt worden sind.

Dass es viele Meerestiere gibt, die aussterben werden, bevor sie jemals von den Menschen entdeckt werden, ist für die Biologin ein unerträglicher Gedanke. «Auf der Erde stirbt alle paar Minuten eine Art aus. Durch den Klimawandel verstärkt sich die Tendenz noch. Wir bräuchten 50 Jahre lang jeweils 400 Millionen Euro, um alle noch unbekannten Arten der Erde zu beschreiben, von Insekten im Regenwald bis zu Schwämmen im Meer. Aber dafür gibt es keine Finanzierung. Mit den Arten gehen uns auch viele Ressourcen verloren, zum Beispiel für die Nutzung in der Medizin».
 

2050 mehr Plastik als Fische im Meer

Für Vreni Häussermann ist das absurd. «Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir 2050 mehr Plastik als Fische im Meer haben», empört sie sich. Auch die Entwicklung im Fjord Comau hält sie für äußerst bedenklich. «Wir können zusehen, wie die Arten verschwinden. 2003 gab es drei kleine Lachsfarmen, heute sind es 23 riesige». Das Problem sei unter anderem die Verwendung von Antibiotika, deren Einsatz in Chile 1.400-mal höher sei als in Norwegen. Zwischen 2010 und 2016 seien 150 Tonnen nur im Comaufjord verwendet worden. Wegen eines Mittels gegen den Lausbefall der Lachse werden außerdem kleine Krebsarten in Mitleidenschaft gezogen.

Die Biologin Dr. Vreni Häussermann hält den Artenschwund und die Umweltverschmutzung in den Meeren für äußerst bedenklich.
Die Biologin Dr. Vreni Häussermann hält den Artenschwund und die Umweltverschmutzung in den Meeren für äußerst bedenklich. Foto: Petra Wilken

Um etwas gegen den weltweiten Artenschwund zu tun, hat Häussermann zusammen mit dem Münchner Zoologie-Professor Dr. Michael Schrödl soeben ein aufrüttelndes Buch mit dem Titel «BiodiversiTOT» geschrieben, ein Wortspiel aus Biodiversität, also Artenvielfalt, und Tod. Mit der Publikation wollen die beiden Fundraising für die Artenforschung betreiben. Sie wollen es an Millionäre verschicken, um sie für finanzielle Unterstützung zu erwärmen. Spender dürfen dann eine der entdeckten Arten nach sich benennen. «Derzeit sprechen alle über die verheerenden Folgen des Klimawandels. Dabei ist das Artensterben eine noch viel größere Katastrophe für die Erde. Es ereignet sich nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit», so die Forscherin.

Auch der Tod von hunderten von Seiwalen im Jahr 2015 im Golfo Tres Montes wäre vermutlich unbemerkt geblieben, wenn das Team von Vreni Häussermann nicht bei einer Tauchexpedition dort unterwegs gewesen wäre. Nur ganz selten kommen dort Fischer vorbei, und die Stelle liegt auch auf keiner Route für Segelboote. «Mehr als 350 tote Wale und keiner merkt`s», sagt Häussermann traurig. Die Ursache konnte wissenschaftlich nicht zweifelsfrei festgestellt werden, da der Tod der Wale zu lange zurücklag. «Allerdings sind wir uns sicher, dass die Ursache eine Marea Roja war», sagt Vreni Häussermann.

Weitere Infos unter http://vreni.anthozoa.info/homepagevreni/

 

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