Völlig von der Rolle

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Von Arne Dettmann

Wer vergangene Woche seelenruhig und gemütlich auf dem stillen Örtchen die Zeitung las, dem fiel bei einer Nachricht fast vor Schreck die Klopapierrolle aus der Hand: Seit dem Jahr 2000 haben die beiden großen chilenischen Hersteller des feinen Zellulosestoffes Preisabsprache betrieben und uns Kunden geneppt. Lage um Lage, Blatt um Blatt.
Sind doch nur Klopapier und Servietten, winken Sie jetzt ab. Was machen schon die paar Pesos mehr oder weniger aus? – Eine fatale Unbekümmertheit! Denn wenn man allen 17 Millionen Chilenen respektvoll unterstellt, dass sie nach getanen Amtsgeschäften zum Papier greifen – täglich, wöchentlich, monatlich –, dann kommen viele, viele kleine Geldbeträge zusammen, für deren Addition nicht einmal auf der längsten WC-Rolle der Welt genügend Platz wäre.
Betrug also ausgerechnet beim Klopapier. Wir hatten uns ja fast schon daran gewöhnt, dass der US-Geheimdienst NSA heimlich durchs Schlüsselloch guckt und uns ausspioniert. Auch Erdbeben und Vulkanausbrüche können hierzulande nicht wirklich jemanden noch vom Lokus stoßen. Überhöhte Preise in den Apotheken? Na und, was soll´s? Ist zwar ne bittere Pille, doch man schluckt sie eben. Und in einem Land, in dem das Söhnchen der Staatspräsidentin mit Grundstücken schmutzige Geschäfte macht und täglich neue Skandale um Parteien und Unternehmen aufgedeckt werden, kann eigentlich nichts mehr schocken. Aber dass wir jetzt auch bei herunter gelassener Hose an so einem intimen Ort regelrecht besch… werden, das ist echt die Höhe! Ein fieser Angriff auf unser Hinterkastell, wer hätte das erwartet?
Aus Protest sollten nun alle Verbraucher den weiteren Kauf verweigern und es den Asketen in Asien gleich tun, nämlich ganz aufs Papier verzichten und den himmlischen Erleichterungsakt mit einer Wasserreinigung abschließen. Kalte Dusche von unten statt zweilagigem «Elite»-«Komfort» lautet die Antwort der betrogenen Konsumenten. Sollen sich die Hersteller doch mit ihrem teuren Papier selbst einwickeln!
Doch wahrscheinlich kommt es in Chile ganz anders. Erste Variante: Aufgrund des Skandals der Preisabsprache wird erst einmal eine Untersuchungskommission, später dann eine Aufsichtsbehörde für Toilettenpapier ins Leben gerufen. Zweite – und gefährlichere – Variante: Die Regierung entdeckt das Thema für sich und setzt es auf die Agenda für eine neue Verfassung. So nach dem Motto: Bildung gratis, Klopapier als Gemeingut ebenso. Und da die kostenlose Abgabe an das Volk meistens gut gemeint ist, leider aber in der Praxis nicht funktioniert, müssen wir dann wie in Venezuela wahrscheinlich mit einer Rollen-Knappheit leben.
Das wiederum führt unvermeidlich zum Entstehen eines Schwarzmarktes. Und wie dieser mit einer affenartigen Geschwindigkeit ablaufen wird, das hatte bereits US-Schriftsteller Upton Sinclair rollenscharf erkannt: «Mit dem Geld ist es wie mit dem Toilettenpapier. Wenn man es braucht, braucht man es dringend.»

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