Triumph und Tragödie

Dieser Berg galt als unbezwingbar. Doch am 14. Juli 1865 erreichte der Londoner Edward Whymper als Erster den Gipfel des Matterhorns. Vier Männer bezahlten seinen Triumph mit dem Leben. Für Zermatt erwies sich das Unglück als Glücksfall.

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Zermatt (dpa) – In Zermatt geht der Blick immer wieder nach oben, ganz unwillkürlich. Bei klarem Himmel sowieso, aber auch bei Regen, Schnee und selbst bei Waschküchennebel. Als wollte man sich vergewissern, dass er immer noch da oben thront und nicht plötzlich verschwunden ist, dieser Riesenzahn von einem Berg. «Schönheitskönig der Alpen» haben Werbeleute ihn getauft, auch «Berg der Berge».
Die Einheimischen nennen das Matterhorn schlicht Hore. Ein Kosename für einen der gefährlichsten Berge der Welt. Der 4.478 Meter hohe scharfzackige Gipfel galt als unbezwingbar. Bis vor 150 Jahren – am 14. Juli 1865 – eine Seilschaft um den ebenso ehrgeizigen wie furchtlosen Briten Edward Whymper das Gegenteil bewies.
Doch unmittelbar auf den Triumph folgte eine der größten Tragödien in der Geschichte des Alpinismus. Vier der sieben Matterhorn-Bezwinger stürzten beim Abstieg in den Tod. Die genaue Ursache und die Frage nach einer individuellen Schuld sind bis heute umstritten.
«So viele Leben», sagt leise eine weißhaarige Frau in Wanderkleidung. «So viele junge gute Menschen.» Sie stellt ihre Nordic-Walking-Stöcke zur Seite, holt einen kleinen Strauß mit Frühsommerblumen aus dem Rucksack und legt ihn vor einen der grauen Grabsteine auf dem Friedhof der Zermatter Pfarrkirche St. Mauritius. Dann geht ihr Blick nach oben. «So viele Leben», sagt sie noch einmal.
Zehntausende Alpinisten sind den Spuren der Erstbesteiger gefolgt, haben des beglückende Siegergefühl erlebt und den berauschenden Blick über schneebedeckte Gipfel genossen. Bis hin zum Montblanc, dem 4.810 Meter hohen «Herrscher der Alpen». Doch mehr als 500 andere Bergsteiger sind seit 1865 am Hore umgekommen, manchmal 25 in einem einzigen Jahr.4144_p8-9_1
Der kleine Friedhof der Mauritius-Kirche ist die letzte Ruhestätte für einige der am Matterhorn oder anderen Zermatter Gipfeln tödlich Verunglückten – Männer und Frauen aus vielen Teilen der Welt. Auf manchen Gräbern sind die Ursachen verzeichnet. Steinschlag, Lawinenabgang, Gletscherspalte. Oder auch die Namen der Berge, an denen sie zu Tode kamen.
Am Breithorn – mit 4164 Metern nur etwas kleiner als das Matterhorn, aber längst nicht so spektakulär gezackt – starb 1975 der New Yorker Donald Stephen Williams. Er war 17. Seinen Eispickel ließen die Hinterbliebenen an den Grabstein heften, auch eine amerikanische Flagge. Darüber steht «I chose to climb» («Ich wählte das Klettern»).
Einer der Prominenten unter jenen, die mit einem Gipfel in dieser Region Erfolg hatten, ist im Museum von Zermatt verewigt: «Winston Churchill bestieg am 23. August 1894 den Monte Rosa, Dafourspitze, 4.634 m», wurde dem späteren britischen Premierminister per Urkunde bescheinigt.
Ob dem jungen Offizier Churchill die kompliziertere Besteigung des Matterhorns mit damals 100 Franken Gebühr tatsächlich zu teuer oder schlicht zu gefährlich erschien, ist nicht exakt überliefert. Jedenfalls war ein Bergführer für die Dafourspitze, obwohl sie höher als das Hore ist, für deutlich weniger Geld zu bekommen.
Bevor das Geschäft mit ausländischen Alpinisten anlief, waren Zermatter Bauern kaum interessiert, die Gipfel zu erklimmen, die sie täglich vor Augen hatten. Monte Rosa, Weisshorn, Schwarzhorn, Zinalrothorn, Castor, Pollux – und wie sie alle heißen. 38 der 54 Viertausender in den Schweizer Alpen sind im Gebiet von Zermatt konzentriert.
An Schönheit und Rauheit zugleich werden alle vom Matterhorn übertroffen. Dessen Dreizackspitze ragt weit und kühn aus dem umliegenden Bergmassiv heraus und ist dadurch so gut vom Mattertal aus erkennbar, wie kein anderer Gipfel.
«Die Einheimischen glaubten, dass auf dem Matterhorn Geister hausten, die Steine ins Tal schleuderten», berichtet der 63-jährige Bergführer und Alpinhistoriker Hermann Biner. Nicht nur das hielt sie vom Klettern ab. «Die Bergbauern waren arm, sie hatten andere Sorgen. Es gab Hungersnöte. Die Familien zu ernähren, war ein Kampf», sagt Biner. Der Präsident der internationalen Vereinigung der Bergführerverbände war selbst bereits 260 mal auf dem Matterhorn. Seine mehrfachen Knieoperationen merkt man ihm nicht an.
«Das ist gar nichts», winkt Biner ab und verweist auf «echte Rekordler» wie den im Frühjahr gestorbenen Zermatter Richard Andenmatten. «Der war sage und schreibe mehr als 800 mal oben.» Und der legendäre Bergführer Ulrich Inderbinen (1900-2004) hatte das Hore 1990 noch im Alter von fast 90 Jahren erklommen. Sein Aufstieg – gemeinsam mit Dutzenden junger Bergsteiger – war am 125. Jahrestag der Erstbesteigung weltweit live übertragen worden.

Edward Whymper schaffte es als Erster auf den Gipfel des Matterhorns.
Edward Whymper schaffte es als Erster auf den Gipfel des Matterhorns.

Auch das 150. Jubiläum wird nun groß und wochenlang gefeiert. Mit einer Ausnahme: «Am Jahrestag selbst lassen wir das Matterhorn diesmal völlig in Ruhe», sagt Biner. «Niemand darf aufsteigen. Wir verneigen uns vor dem Berg und vor den Menschen, die dort umgekommen sind.»
Längst nicht so tief wie einst fällt inzwischen in Zermatt die Verneigung vor Edward Whymper aus. Der Glorienschein des Londoner Alpinpioniers ist blasser geworden. Die Schweizer besinnen sich darauf, dass Whymper es kaum ohne die Bergführer Peter Taugwalder Vater und Peter Taugwalder Sohn bis zur Hore-Spitze geschafft hätte – und wohl erst recht nicht wieder heil nach unten.
Der Sommertag, an dem die Seilschaft 1865 den Gipfel des Matterhorns erreichte, hätte klarer kaum sein können. Selbst an weit entfernten Gipfeln waren einzelne Felsrippen und Grate noch gut zu erkennen. Kurz bevor sie das Ziel erreichten, löste Whymper sich aus der Seilschaft und stürmte voran, um wirklich als Erster oben anzukommen.
Mehrmals hatte er vorher Versuche aufgeben müssen, den «Zuckerhut, dessen Spitze schief steht» zu erklimmen. Nun stand der begabte Illustrator und Alpinist aus einfachen Verhältnissen ganz oben, mit 25 Jahren.
Es war der Abschluss einer erbitterten Gipfelstürmerkonkurrenz. Fortan gab es keinen Viertausender mehr, den zu erobern noch Ruhm und Ehre eingebracht hätte. Obendrein hatte Whymper den Gipfel quasi im Wettlauf gegen eine von italienischer Seite emporkletternde Seilschaft um den Bergprofi Jean Antoine Carrel erreicht. Enttäuscht gaben die Italiener auf, als sie 400 Meter über sich den Jubel des «britischen» Teams hörten.
Damit war 80 Jahre nach der Erstbesteigung des Montblanc das «Goldene Zeitalter des Alpinismus» beendet. Zermatt wuchs rasch heran zu einem der wohlhabendsten und populärsten Bergtourismusorte der Welt.
Für Whymper sollte der Triumph zur Eintrittskarte in die bessere Gesellschaft werden. Den anderen sechs Männern brachte er kein Glück. Neben den Taugwalders gehörten der französische Bergführer Michel Croz und die Briten Reverend Charles Hudson, Lord Francis Douglas und Douglas Robert Hadow dazu.
Über sein Gefühl, auf dem Gipfel zu stehen, berichtete Taugwalder junior viele Jahre später in einer Niederschrift: «Mein Herz war so leicht, dass ich auf Schwingen hätte fliegen können, weit weg und über die Berge, der Himmel weiß wohin – vielleicht hinab zu meinem Schätzchen in Zermatt.»
Beim schwierigen Abstieg habe Vater Taugwalder das Seil vor der steilen Nordwand noch an einem Felsvorsprung befestigt, um Croz sowie Hudson, Douglas und Hadow zu sichern. «Plötzlich schossen die vier wie eine kleine Wolke in die dünne Luft», schrieb Taugwalder juniour 1918. «Das Seil riss, als wäre es ein Stück Schnur, und die vier jungen Männer waren nicht mehr sichtbar. Es war alles so schnell wie ein Blitzleuchten.»
Übrig blieben Whymper und die beiden Taugwalders. Der Brite machte die Schweizer später in internationalen Veröffentlichungen mies: «Die beiden Führer, vom Schreck gelähmt, weinten wie die Kinder und zitterten so stark, dass uns das Schicksal der anderen drohte.» Das Gegenteil sei der Fall gewesen, beteuerte Taugwalder junior: «Whymper zitterte so heftig, dass er kaum fähig war, einen Schritt vorwärts zu tun… ohne uns wäre auch er umgekommen, obwohl er sich später als Held der Seilschaft ausgab und Sachen erzählte, die nicht der Wahrheit entsprachen.»
In der Schweiz glaubten die meisten der Darstellung der Bergführer. Doch im Ausland, vor allem im britischen Königreich, setzte sich die Version des gut vernetzten englischen Gentleman durch. Mit schlimmen Folgen für die Taugwalders, vor allem für den Vater. Er litt unter Whympers Anschuldigungen, gegen die er machtlos schien, und bekam kaum noch Aufträge.

500 Tödliche Dramen

Die Rettungsstation Zermatt geht davon aus, dass seit der Tragödie um die Erstbesteigung 1865 mehr als ein halbes Tausend Bergsteiger an den Flanken, Graten und Wänden ihres Traumberges umkamen. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Die Verletzten und Erschöpften, die nicht mehr aus eigener Kraft vom «Killer-Berg» oder «Monster-Horn» mit seinen «Mord-Wänden» herunterkommen, zählt kaum jemand. Als Faustregel gilt: Von den 2.000 bis 3.000 Alpinisten, die das Matterhorn Jahr um Jahr in Angriff nehmen, müssen 90 in Rettungsaktionen geborgen werden. Schätzungsweise 30 Alpinisten sind von Berg und Gletscher nicht freigegeben worden und geltan als vermisst.


Dass Whymper sich zum Superhelden der Alpen stilisierte, war Zermatter Geschäftsleuten hingegen durchaus Recht. So konnte er als werbestarkes Vorbild für Heerscharen zahlungskräftiger Briten dienen, die bald auf seinen Spuren wandelten und dem Alpentourismus zum Aufschwung verhalfen.
Und zwar gegen den erklärten Willen von Königin Victoria. Die Queen war besonders über den Absturztod des 18-jährigen Lord Francis erschüttert und wollte das «Kraxeln» in den Alpen untersagen. Englands bestes Blut dürfe nicht in fremden Bergen verschwendet werden. Doch ein gesetzliches Verbot konnte sie nicht durchsetzen.
Was im Berg genau geschah, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Als gesichert gilt, dass der unerfahrene 19-jährige Hadow beim Abstieg ausrutschte und beinahe alle Männer mit sich gezogen hätte – wäre nicht das Verbindungsseil gerissen. Oder – wie manche orakeln – gar bewusst durchtrennt worden.
Im Zermatter Museum liegt ein Teil des Unglücksseils. Angeblich jenes mit einer der beiden Riss-Stellen. Doch das Gegenstück, mit dem sich das zweifelsfrei beweisen ließe, ist mit dem jungen Lord im Berg geblieben. Seine Leiche wurde nicht gefunden. Die anderen drei konnten geborgen werden. «Sie waren fürchterlich zerschlagen, am schlimmsten Croz; sie hatten alle den größten Teil ihrer Kleider verloren», berichtete Taugwalder. «Bei ihrer Beerdigung, einige Tage später im Friedhof der winzigen kleinen Zermatter Kirche, war die ganze Gemeinde anwesend.»

Zermatt begeht 150 Jahre Matterhorn-Bezwingung
Zermatt (dpa) – Ein Berg als Superstar: Mit etlichen Veranstaltungen wird in der Alpinistenhochburg Zermatt werbewirksam der 150. Jahrestag der Erstbesteigung des 4478 Meter hohen Matterhorns gefeiert. Der wohl bekannteste Berg der Schweizer Alpen wurde am 14. Juli 1865 von einer Seilschaft um den Engländer Edward Whymper bezwungen. Damit fand rund 80 Jahre nach der Erstbesteigung des Montblanc – mit 4.810 Metern der höchste Berg der Alpen – das «Goldene Zeitalter des Alpinismus» einen krönenden Abschluss.
Heute klettern jährlich rund 3.000 Männer und Frauen auf das Matterhorn. In jedem Jahr gibt es dabei auch tödliche Unfälle.
Schon bei der Erstbesteigung lagen Triumph und Tragödie dicht beieinander: Vier der sieben Matterhorn-Bezwinger stürzten beim Abstieg in den Tod. Die genaue Ursache ist bis heute rätselhaft und umstritten.
Am Jahrestag selbst gönnt man dem Schweizer Berg der Berge ausnahmsweise mal Ruhe: «Dann darf niemand aufsteigen», sagte der Präsident der internationalen Vereinigung der Bergführerverbände, Hermann Biner, der Deutschen Presse-Agentur. «Wir verneigen uns vor dem Berg und vor den Menschen, die dort umgekommen sind.»

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