Trübe Aussichten

Erstmals seit 1999 ist in Santiago de Chile am Montag wieder ein Smog-Alarm ergangen. Eine Besserung der Luftqualität könnte erst nächstes Jahr mit einer neuen Immissionsschutzverordnung eintreten.

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Dicke Luft in Santiago: Auch in diesem Winter leidet Chiles Hauptstadt unter einer starken Luftverschmutzung.

Von Arne Dettmann

Eine ungünstige Großwetterlage mit wenigen Winden, tiefen Temperaturen sowie ausbleibendem Regen brachte am Montag das Fass zum Überlaufen: Erstmals nach 16 Jahren gaben Chiles Behörden für die Hauptstadt wieder Smogalarm. Vom Fahrverbot waren rund eine halbe Million Autos mit Katalysator betroffen, deren Nummernschilder mit den Ziffern 1, 2, 3 und 4 endeten. Die Metro verzeichnete ein Plus von 35.000 Fahrgästen. Zwar bezeichneten die Behörden die Maßnahmen als positiv, räumten aber ein, dass die Effekte angesichts der ungünstigen klimatischen Bedingungen verpuffen würden. «Wir befinden uns in einer kritischen Situation», erklärte Claudio Orrego, Verwaltungsleiter der Metropolregion. Marcelo Mena, Staatssekretär im Umweltministerium, bestätigte: «Die Belüftungsbedingungen sind miserabel.»
Wie in jedem Jahr ächzt auch in diesem Winter die Bevölkerung Santiagos unter einer sogenannten Inversionswetterlage. Dabei führen Rauchgase aus Heizungen und Autoabgase zu einer erhöhten Feinstaubkonzentration in der Luft. Bei Windstille bildet sich somit eine staubhaltige warme Luftschicht, die in der Höhe eine stabile Dunstglocke ergibt und sich mit den bodennahen kalten Luftmassen nicht vermischt. Autoabgase und andere Luftschadstoffe reichern sich weiter in Bodennähe an und führen zu Smog.
Bereits 19 Warnungen («alertas ambientales») wurden bereits in diesem Jahr für die Metropolregion ausgesprochen; im vergangenen Jahr waren es neun. Die nächst höhere Alarmstufe («preemergencia») wurde bisher fünfmal ausgesprochen. Hierbei gelten Fahrverbote, die im Fall eines Smog-Alarms («emergencia») nochmals verschärft werden. Waren am Montag 27,3 Prozent des Fuhrparks vom Fahrverbot betroffen, könnten laut Matías Salazar vom Gesundheitsministerium sogar 40 Prozent aller Wagenbesitzer gezwungen werden, ihr Autos stehen zu lassen. Bei Zuwiderhandlung drohen Strafen bis zu 65.000 Pesos. Insgesamt gibt es schätzungsweise 1,7 Millionen Fahrzeuge in der Metropolregion.
Am vergangenen Wochenende hatten die Behörden die mittlerweile fünfte «preemergencia» erlassen, um durch Einschränkungen das Verkehrsaufkommen zu reduzieren und somit vor allem die Konzentration von Feinstaub der Partikelgröße PM 2,5 (particulate matter, gemessen in Mikrometer) in der Atmosphäre zu verringern. Während die Luftverschmutzung durch Feinstaub der Größe PM 10 seit den 90er Jahren bis heute um schätzungsweise 40 bis 60 Prozent reduziert werden konnte, wurde Santiago vergangenes Jahr zur «zona saturada» bei dem gefährlicheren PM 2,5 erklärt. Auf Deutsch: Die zulässige Obergrenze ist erreicht.

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Normalerweise nimmt die Lufttemperatur mit steigender Höhe ab. Bei einer Inversion bildet sich jedoch eine warme stabile Luftschicht mit Staub, die sich von der bodennahen kalten Luft abschirmt. Weil die kältere Luft eine höhere Dichte aufweist, wird eine Vermischung mit der warmen Luft bei Windstille unterdrückt. Abgase und Feinstaub aus Autos, Heizungen und Industrie könnten schwerer nach oben entweichen.

Soll die Luftqualität allerdings besser werden, müssten Fahrverbote noch rigoroser gehandhabt werden, glauben Experten. Laut einer Analyse des Instituto Libertad gilt ein Fahrverbot bei einer Smog-Warnung («alerta») nur für Fahrzeuge ohne grünes Umweltsiegel. Das seien 71.000 Autos – zu wenig, urteilt das Institut. Die Verringerung der Luftverschmutzung sei praktisch null.
Auch Ernesto Gramsch von der Universität Santiago de Chile (Usach) rät dringend dazu, bereits bei der ersten Alarmstufe Fahrverbote auf Wagen mit Katalysator auszuweiten. Rainer Schmitz von der Universidad de Chile plädiert zudem dafür, weitere Straßen für Autos zu sperren und somit den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr wie Bus und U-Bahn zu fördern. Derzeit werden nur vier Achsen in San Pablo, Los Leones, Independencia und San Diego exklusiv für Personenbusse frei gehalten.
Doch Autos sind ohnehin nur für ein Drittel der gesamten Luftverschmutzung verantwortlich, so Ernesto Gramsch. Ein weiteres Drittel gehe auf Kosten von etwa 120.000 Heizungen, die mit Leña-Holz befeuert werden. Der Gebrauch dieser Öfen sollte möglichst rasch verringert oder ganz verboten werden, fordert der Experte.
Eine neue Strategie zur Smog-Bekämpfung ist wahrscheinlich erst nächstes Jahr zu erwarten. Denn so lange könnte es noch dauern, bis das Umweltministerium die Details ausgearbeitet und der Rechnungshof die technischen Bestimmungen geprüft hat. Bis 2020 sollen dann die 4.599 Tonnen Feinstaub, die jährlich Autos, Öfen und Industrie in den Himmel über Santiago auspusten, um die Hälfte reduziert werden. Zu den Maßnahmen – Kostenpunkt: 787 Millionen US-Dollar – zählen Fahrverbote für stark kontaminierende Autos, Verbot von Holzöfen, Verschrottung alter Lastwagen, das Auswechseln von Dieselmotoren und die Einführung von Zonen mit eingeschränktem Zugang für den Verkehr.
In der Zwischenzeit wird also die Schadstoffbelastung in der Luft mit all ihren gesundheitlichen Folgen wohl kaum abnehmen. Die feinen Staubkörner, die tief in die Lunge gelangen und mit Schwermetallen oder anderen krebserregenden Substanzen behaftet sein können, schädigen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Atemtrakt sowie das Herz-Kreislauf-System und lassen das Herzinfarktrisiko erheblich ansteigen. Vor allem Komplikationen bei Atemwegserkrankungen bei Kleinkindern und älteren Menschen nehmen in Santiago de Chile jeden Winter signifikant zu. Laut einer WHO-Statistik ist jeder achte Sterbefall in der Welt auf Erkrankungen durch Luftverschmutzung zurückzuführen.

Feinstaub-Belastung

Die chilenische Norm legt für die verschiedenen Smog-Alarmstufen eine Richtlinie fest, bei der die tägliche Konzentration von Feinstaub der Größe PM 2,5 pro Kubikmeter als Basis dient.

PM 2,5 Tageswerte

0 bis 49: gute Luftqualität
50 bis 79: regulär/normal
80 bis 109: «alerta»/erste Alarmstufe
110 bis 169: «preemergencia»/zweite Alarmstufe
170 und darüber: «emergencia»/dritte Alarmstufe

Vor allem Städte wie Rancagua, Talca, Curicó, Los Ángeles, Chillán, Temuco, Valdivia, Osorno und Coyhaique weisen zwischen vier bis zu 57 Tagen im Jahr auf, an denen eine kritische Situation der Luftqualität in Form von «altera», «preemergencia» und «emergencia» herrscht. Zum Beispiel können in Coyhaique durchaus Höchstwerte (Peak) an PM 2,5 von über 200 Mikogramm pro Kubikmeter erreicht werden. Dort gab es in diesem Jahr bisher 14 «emergencias», 21 «preemergencias» und 14 «alteras». In Temuco und Padre las Casas wiederum wurde bisher 11-mal die höchste Smog-Alarmstufe «emergencia» von den Behörden ausgerufen. In Santiago gab es am Dienstag eine «preemergencia», die sechste in diesem Jahr.

PM 2,5 Jahreswerte

Die Feinstaub-Belastung PM 2,5 wird statistisch auch für das gesamte Jahr erfasst. In Chile schreibt der Gesetzgeber einen zulässigen Höchstwert von 50 Mikogramm im Durchschnitt vor. Zum Vergleich: In Deutschland gilt ab Januar diesen Jahres ein Grenzwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter (25 μg/m3) als Mittelwert für das Kalenderjahr. Ab 2020 sind dann nur noch 20 Mikrogramm vorgeschreiben.
Laut WHO führte Rancagua im Jahr 2014 die Liste der südamerikanischen Städte mit der stärksten Luftverschmutzung an. Die Stadt kam auf einen PM 2,5 Jahreswert von 53 Mikrogramm pro Kubikmeter. In Talca waren es 44, in Santiago 26. Zum Vergleich: In Hamburg wurden 17 Mikrogramm als Mittelwert gemessen, in Berlin 20 und in Freiburg im Breisgau nur 12. Die zuletzt genannte Stadt führt die Rangliste der Städte in Deutschland mit der saubersten Luft an.

Feinstaub PM 10

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Die Statistik zeigt die Städte mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit. Die Luftverschmutzung wird dabei gemessen anhand des in der Luft enthalteten Feinstaubs. Als Feinstaub (PM10) wird die Masse aller im Gesamtstaub enthaltenen Partikel bezeichnet, deren aerodynamischer Durchmesser kleiner als 10 µm ist. Die im Iran gelegene Stadt Ahwas verzeichnete im Erhebungszeitraum eine Luftverschmutzung in Höhe von 372 µg/m3/Jahr.

Weltgesundheitsorganisation

Krankheiten durch Luftverschmutzung kosten Europa Billionen

Lungenkrebs oder Herzleiden: Schmutzige Luft kann krank machen. Das verursacht auch hohe Kosten. In Europa summieren sie sich auf riesige Beträge, wie die Weltgesundheitsorganisation vorrechnet.

Kopenhagen/Haifa (dpa) – Die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung kommen Volkswirtschaften in der Europäischen Region teuer zu stehen: Auf jährlich 1,6 Billionen US-Dollar (1,47 Billionen Euro) schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Gesamtkosten durch Krankheiten und vorzeitige Todesfälle infolge verschmutzter Luft. Das entspreche fast einem Zehntel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Europäischen Union im Jahr 2013, erklärte das Europa-Regionalbüro der WHO. Schmutzige Luft erhöht den Angaben zufolge vor allem das Risiko für Herz- und Lungenkrankheiten. Demnach starben 2010 in der Europäischen Region rund 600.000 Menschen vorzeitig durch Krankheiten, als deren Auslöser die Luftverschmutzung angesehen wurde. Dies verdeutliche einen «zwingenden Handlungsbedarf für die zuständigen Entscheidungsträger in allen Politikbereichen», erklärte die WHO-Regionaldirektorin Zsuzsanna Jakab. Über 90 Prozent der Menschen in dieser Region leben der Studie zufolge mit einer jährlichen Schwebstaubbelastung in der Außenluft, die die Richtlinienwerte der WHO überschreitet. Sie soll allein im Jahr 2012 für 482.000 vorzeitige Todesfälle durch Herz- und Atemwegserkrankungen, Erkrankungen der Blutgefäße und Schlaganfälle sowie Lungenkrebs verursacht haben. Im selben Jahr waren laut WHO weitere 117.200 vorzeitige Todesfälle auf eine Belastung der Innenraumluft zurückzuführen. Dabei seien Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen fünfmal so stark betroffen wie Länder mit hohem Einkommen. Eine andere neue Studie – sie wurde von der WHO und der UN-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE) in Auftrag gegeben – kommt zu dem Schluss, dass jeder vierte Bürger der Europäischen Region aufgrund von Umweltbelastungen erkrankt oder vorzeitig stirbt. Zwar habe es in den letzten Jahren bei der Reduzierung von Umweltbelastungen in der Europäischen Region Fortschritte gegeben. Jedoch seien diese ungleich verteilt.

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