Transanfiasko

Am Montag dieser Woche brach dieser Gelenkbus in Maipú in der Mitte auseinander, fünf Personen wurden verletzt.
Am Montag dieser Woche brach dieser Gelenkbus in Maipú in der Mitte auseinander, fünf Personen wurden verletzt.

Kommentar von Arne Dettmann

Im Februar 2017 wird es zehn Jahre her sein, dass der Transantiago ins Leben gerufen wurde. Wer wissen will, wie es um das öffentliche Verkehrssystem in Chiles Hauptstadt steht, der braucht nur hinzugucken:

Gelenkbusse, die in der Mitte auseinanderbrechen, die von innen und außen jämmerlich beschmiert und ramponiert wurden und in einem erbärmlichen Zustand über die Straßen klappern. Viele von ihnen sind bis zum Bersten überfüllt, manche derselben Linie düsen allerdings auch gähnend leer kurz hintereinander die Haltestellen ab. Kein Mensch weiß warum.

Zwei große Busunternehmen stehen in diesen Tagen kurz vor der Pleite. Die Schwarzfahrerquote schlägt bei manchen Firmen mit 17, 26, 38 bis hin zu 41 Prozent ins Kontor. Mit diesem Heer an Trittbrettfahrern steht Chile weltweit an der Spitze eines defizitären, unrentablen Personennahverkehrs. Und jeder Mensch weiß warum. Denn wer zahlt schon gerne für einen schlechten Service?

Der Transantiago – groß angekündigt als eines der ambitioniertesten Reformen im modernen Transportwesen: Er startete als Torpedo und kam als Flaschenpost an.

Noch größer als das Transanfiasko selbst ist das unglaubliche Versagen der Politik. In zehn Jahren war keine Regierung in der Lage, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und das Verkehrssystem auf eine halbwegs richtige Spur zu führen. Das wäre nicht einmal ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, geht es doch nicht darum, einen hochkomplizierten Elektronenbeschleuniger oder gar eine chilenische Weltraumrakete zu entwerfen. Personen sollen befördert werden – was ist so schwer daran?

Statt Lösungen gab´s Selbstmitleid. «Der Transantiago war für mich eine schlechte Erfahrung», erklärte Michelle Bachelet Ende 2007 auf die Frage, was für die Präsidentin damals die Tiefstpunkte des Jahres waren. Man könnte hinzufügen, dass für viele Mitbürger diese schlechte Erfahrung bis heute anhält, und zwar von montags bis freitags, Woche für Woche, Monat für Monat.

«Ich habe mich geirrt, als wir 2001 den Transantiago planten», räumte Ex-Präsident Ricardo Lagos 2015 reumütig ein. Wird er es wieder gut machen, sollte er sich nochmals zur Wahl stellen und wieder Präsident werden?

Auch in Deutschland misslingen Projekte, wie das Desaster um den neuen Flughafen in Berlin zeigt. Das ist alles andere als schön. Schlimmer ist allerdings, wenn man keine Korrektur vornimmt. In der Schule würde man sagen: nichts dazugelernt.

Eine überfüllte Metro gehört zum Alltag vieler Einwohner von Santiago de Chile.
Eine überfüllte Metro gehört zum Alltag vieler Einwohner von Santiago de Chile.

Und so hält die Massenflucht von den Bussen weg hin zur Metro ununterbrochen an. Wie in eine Sardinenbüchse gequetscht bersten die Waggons über. Einer Viehherde gleich warten wir auf vollen Bahnsteigen auf die nächste U-Bahn, die ja doch genauso überquillt wie die vorherige. In Ohnmacht fällt nur noch selten jemand, es scheint, wir haben uns an den Frust gewöhnt. Und sollte doch einer das Bewusstsein verlieren, kann er nicht auf den Boden fallen – die drangvolle Enge im Abteil verhindert ein Herabsinken.

Nein, die Chilenen trotzen der Katastrophe und nehmen sie in Kauf. Etwas anderes bleibt ihnen auch nicht übrig. Vielleicht hoffen sie aber auch auf eine neue Staatsverfassung, die derzeit unter Bürgerbeteiligung entworfen wird. Ein Vorschlag von meiner Seite, übernommen aus dem deutschen Grundgesetz: « Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.»

Das wäre doch mal ein Fortschritt. Denn derzeit ist der Transantiago vor allem eins: unwürdig.

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One Comment

  1. Da sieht man wieder die Ähnlichkeit der Chilenen zu den Deutschen.
    Auch bei uns ist die Bahn und die öffentlichen Verkehrsmittel oft marode und überfüllt. Selbst in dem angeblichen Vorzeigeobjekt ICE stehen die Reisenden zum Teil mit Ihren Koffern dicht an dicht in den Gängen und das bei über 200 KM/h und über Stunden. Meist gibt es noch Verspätungen.
    Oft spielt die Technik nicht mit, Computer stürzen ab oder die Klimanlage fällt nach Überlastung aus.
    Zu öffnende Fenster gibt es ja keine mehr.
    Deswegen nehmt besser nicht Deutschland als Vergleich sondern Schwellenländer wie China die eindeutig besseres bieten.
    Deutschland geht da eher Richtung Entwicklungsland.
    Man ist jedoch so überheblich und hat es noch gar nicht bemerkt oder tut so als hätte man es nicht gemerkt.

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