Sterben – kein Ende, sondern Übergang

Nur zwei Dinge sind sicher in deinem Leben: dass du sterben wirst und dass du deine Steuern zahlen musst. Die zynische Feststellung taucht wiederholt in Kunst und Literatur auf, seitdem sie Daniel Defoe zum ersten Mal 1726 in seinem Buch «The Political History of the Devil» formuliert hat: «Things as certain as death and taxes, can be more firmly believ’d».

Von Walter Krumbach

Was beileibe nicht heißen will, dass deswegen der Tod etwas Triviales ist, mit dem man sich ohne weiteres im Alltagsgespräch beschäftigt. Eher ist das Gegenteil der Fall: man fürchtet sich vor ihm und man redet möglichst nicht von dem Thema.
Die großen Religionen dagegen versichern, dass nach dem leiblichen Tode ein Leben in paradiesischer Umgebung beginnt – materielle Beweise dafür hat jedoch bisher niemand erbracht. «Gibt es ein Leben nach dem Tod?», fragt in einer jahrtausendalten japanischen Geschichte ein Jünger seinen Meister. «Das weiß ich nicht», antwortet dieser wahrheitsgemäß, worauf sein Schüler nachbohrt: «Aber bist du denn nicht der Meister?“ – «Ja, aber kein toter Meister.» Damit bringt dieser ehrliche Lehrer die Sache auf dem Punkt: Man muss im Jenseits gewesen sein, um es beschreiben zu können.
Berichte über einen Einblick in diese Zone am anderen Ufer des Begriffsvermögens eines Durchschnittsmenschen gibt es zahlreiche, vom Tibetischen Totenbuch bis zu Schilderungen von Schwerkranken aus unserer Zeit, die ihren Verwandten oder Ärzten, nachdem sie eine Nahtoderfahrung überstanden haben, von einer Reise in eine höhere Dimension berichten. Das Tibetische Totenbuch ist ein buddhistischer Text aus dem 8. Jahrhundert. Es schildert, stark zusammengefasst, den Sterbevorgang, und wie das persönliche Karma (das Wirken durch die Tat) sowie die Taten im soeben beendeten Leben rekapituliert werden. Anschließend beschreibt es die verschiedenen Abläufe beim Eingang in einen der sechs Daseinsbereiche der Wiedergeburt.

«Der Flug zum Himmel», Gemälde von Hieronymus Bosch. Verstorbene werden von Engelgestalten zum Tunnel begleitet, an dessen Ende die weiße Lichtgestalt auf sie wartet.
«Der Flug zum Himmel», Gemälde von Hieronymus Bosch. Verstorbene werden von Engelgestalten zum Tunnel begleitet, an dessen Ende die weiße Lichtgestalt auf sie wartet.

Die Fakten
Eine Nahtoderfahrung (kurz NTE) tritt ein, wenn ein Schwerkranker oder -Verletzter, der für klinisch tot erklärt wurde, während des Zeitraums seines «Ablebens» übernatürliche Dinge wahrnimmt, an die er sich nach seiner Errettung erinnern kann. Besagte Berichte haben sich im Laufe der Jahrhunderte gehäuft. Von Skeptikern und Atheisten verlacht, weisen sie stets den gleichen schematischen Ablauf auf, egal ob es sich dabei um Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus oder Agnostiker handelt. Die Erzählungen unterscheiden sich allerdings voneinander aufgrund des kulturellen Hintergrunds des Beteiligten und der Schwierigkeit, das Erlebte in Worte zu kleiden, da es sich auf Schauplätzen abspielt, die mit dem irdischen Dasein nicht vergleichbar sind. Die Landschaften, die man betritt, sind unbeschreiblich schön, die Persönlichkeiten, denen man begegnet, von einer nie gekannten Erhabenheit. Zudem spielen sich die Vorgänge nicht in den gewohnten drei, sondern in mehr Dimensionen ab.
Bevor die NTE beginnt, erleben oft Opfer eines schweren Unfalls noch zusätzlich in Sekundenschnelle, wie ihr gesamtes Leben wie in einem im Zeitraffer projizierten Film vorbeirollt. Längst vergessene Episoden tauchen dabei in allen Einzelheiten auf. Unmittelbar danach passiert der Unfall, der Verunglückte verliert das Bewusststein und wird – während er ärztliche Behandlung erfährt oder auf der Straße liegt – für tot erklärt. Er stellt nun zu seiner Überraschung fest, dass er seinen biologischen Körper verlässt, über ihm schwebt und genau beobachten kann, was mit und um ihn geschieht. (Später pflegen NTE-Opfer mit verblüffender Genauigkeit auszusagen, wie die herbeigeeilten Helfer gekleidet waren, was sie getan und was sie geredet haben. Behandelnde Ärzte pflegen bass erstaunt zu sein, wenn diese Patienten ihnen nach ihrem Erwachen in allen Einzelheiten ihre Gespräche und Anweisungen wiedergeben, meist im Originalwortlaut, die Fachausdrücke verwendend, welche Ärzte bei der Arbeit im Munde führen und mit denen ein Laie normalerweise nichts anzufangen weiß.)
Das NTE-Opfer schwebt nun, da keine Rettung in Sicht ist, aufwärts. Es gerät in ein tunnelartiges Gewölbe, an dessen Ende ein weißes Licht zu sehen ist. Dieses Licht ist viel heller als die Sonne, blendet aber nicht. Im Gegenteil, man fühlt sich von ihm angezogen. Verstorbene Bekannte oder Verwandte treten hinzu, begrüßen, begleiten und orientieren den Neuankömmling liebevoll. Er stellt jetzt fest, dass das Licht ein übernatürliches Wesen ist, welches eine bis dahin nie verspürte Liebe ausstrahlt. Oft wird es mit Gott identifiziert, aber auch mit einem Engel oder es wird als Widerspiegelung des allerhöchsten Bewusstseinszustandes des Menschen gedeutet. Bei ihm angekommen, stellt es dem Besucher Fragen über sein soeben beendetes Leben. Die Erinnerung an den Film im Zeitraffer ist bei der Beantwortung von großer Hilfe. Während des Gesprächs stellt sich heraus, dass der Ankömmling noch nicht reif ist, um in dem paradiesischen Ort aufgenommen zu werden. Er wird – sehr zu seinem Bedauern – zurückgeschickt.
Schweren Herzens macht er kehrt, verabschiedet sich von den Gastgebern, verzichtet auf die Liebe, den Frieden und die Geborgenheit, sowie auf das Glücksgefühl und die Schmerzfreiheit, die er in dieser Form und Intensität bisher niemals verspürt hatte. Er kehrt in seinen biologischen Körper zurück, der seine Funktionen wieder aufnimmt. Es folgt die Genesung. Während diesem Prozess und unmittelbar danach erfährt er eine grundlegende Wandlung seiner Weltanschauung. Leute, die etwa notorisch materialistisch waren, sorgen sich nun um ihr geistiges Wohlbefinden und messen ihrer Beziehung zum Geld nur eine bedingte Wichtigkeit bei. Einzelgängertypen, die nicht einmal mit ihren nächsten Familienangehörigen Gespräche führten, werden kontaktfreudig und kümmern sich um das Wohlergehen ihrer Ehepartner und Kinder.
Besonders tiefgreifende Veränderungen machen ehemalige Atheisten durch: sie werden gläubig und schämen sich nicht, im Familienkreis hierüber zu sprechen. In gewissen Fällen versuchen sie, andere von dem Faktum einer höheren Macht, vom Jenseits und vom Leben nach dem Tode zu überzeugen. In bestimmten Fällen wiederum hüllen sich Nahtoderfahrene in Schweigen, oft jahrzehntelang, da sie befürchten, nach der Schilderung des Erlebten für verrückt gehalten zu werden.
Bezeichnend ist das Verhalten eines Rückkehrers bei Trauerfällen. Er findet sich mit dem Verlust einer geliebten Person überraschend gut ab, leidet relativ wenig beziehungsweise gar nicht darunter, und pflegt in Gegenwart von Angehörigen, denen er vertraut, seine Zufriedenheit darüber auszusprechen, dass er den Verstorbenen nun in einer höheren Dimension weiß.

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross führte mit Todkranken zahllose Gespräche und kam dabei auf überraschende Erkenntnisse, wie etwa «Der Moment des Todes ist ein ganz einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis, den man ohne Angst und ohne Nöte erlebt».
Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross führte mit Todkranken zahllose Gespräche und kam dabei auf überraschende Erkenntnisse, wie etwa «Der Moment des Todes ist ein ganz einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis, den man ohne Angst und ohne Nöte erlebt».

Die Forscher
Während des 20. Jahrhunderts nahmen sich verschiedene Wissenschaftler dem Phänomen der NTE an. Der nordamerikanische Kardiologe Maurice S. Rawlings (1922-2010) diente während des Zweiten Weltkriegs und des Korea-Kriegs in der US-Army. Er war persönlicher Arzt von Präsident Dwight Eisenhower und schrieb verschiedene Bücher. Im Unterschied zu anderen Forschern, die vom Jenseits nur Positives darlegen, findet auch die Hölle Erwähnung in seinen Berichten. Seine Abhandlungen «Jenseits der Todeslinie – Neue klare Hinweise auf die Existenz von Himmel und Hölle» (1987) und «Zur Hölle und zurück – Leben nach dem Tod» (1996) wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.
Der nordamerikanische Psychiater Raymond Moody (1944) hatte in den 1970-er Jahren mit seinem Bestseller «Leben nach dem Leben» weltweites Echo. Er interviewte an die 150 Patienten, die eine NTE erlebt hatten. In seinem Buch beschrieb er die Erlebnisse seiner Gesprächspartner und stellte eine Reihenfolge typischer, sich in den Berichten wiederholenden Bestandteile auf, wie den Tunnel, das weiße Licht, die verstorbenen Bekannten, die Befragung des Lichtwesens und der Widerstand gegen die erzwungene Rückkehr.
Moody veröffentlichte nach seinem Erfolgsbuch noch weitere Abhandlungen zu dem Thema, wie «Das Licht von drüben. Neue Fragen und Antworten», «Leben vor dem Leben» und «Blick hinter den Spiegel. Botschaften aus der anderen Welt».
Eine herausragende Persönlichkeit in der Nahtodforschung ist die schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004). Während ihrer langjährigen Arbeit wurde sie mit 23 Ehrendoktoraten ausgezeichnet. Kübler-Ross kam als Drillingsschwester in Zürich zur Welt. 1957 schloss sie an der Zürcher Universität ihr Medizinstudium ab. Mit ihrem nordamerikanischen Ehemann zog sie 1958 in die USA, wo sie Sterbende betreute. Im Gegensatz zu der damaligen Gepflogenheit, Schwerkranken, die keine Hoffnung auf Genesung haben, möglichst aus dem Wege zu gehen, nahm sie sich diesen Patienten in besonders verstärktem Maße an, sorgte sich um sie, und führte lange Gespräche mit ihnen. Diese dokumentierte Kübler-Ross in ihrem 1969 erschienenen Buch «On Death and Dying» (auf Deutsch «Interviews mit Sterbenden»), durch das sie weltberühmt wurde. Ihr Ziel war es, eine Methodik zum Umgang mit Sterbenden zu ermitteln, unheilbar Kranken in der letzten Phase ihres Lebens hilfreich zur Seite zu stehen und ihnen diese schwere Zeitspanne so erträglich wie möglich zu machen.
Angespornt durch diese zahlreichen informativen Unterredungen, versicherte sie 1975, wissenschaftlich beweisen zu können, dass es ein Leben nach dem Tode gäbe. Hiermit löste sie unter ihren Kollegen leidenschaftliche Debatten aus.

Darstellung des göttlichen Lichtes. Illustration zu Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» von Gustave Doré.
Darstellung des göttlichen Lichtes. Illustration zu Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» von Gustave Doré.

Die fünf Phasen des Sterbens
Anhand der Gespräche, die sie mit über 200 Sterbenden führte, ermittelte sie die «fünf Phasen des Sterbens». Phase eins ist das «Nicht wahrhaben wollen»: der Patient leugnet seine Krankheit. Er behauptet zum Beispiel, die fatalen Scannerbilder seien vertauscht worden oder der Arzt habe eine falsche Diagnose erstellt. Phase zwei ist der «Zorn» über seinen hoffnungslosen Zustand. Er erleidet unkontrollierbare Wutausbrüche und beneidet die Gesunden. Phase drei heißt «Verhandeln»: der Kranke macht nun mit dem behandelnden Personal gemeinsame Sache, um mit einer längeren Lebenszeit belohnt zu werden. In der Phase vier verfällt er in eine «Depression». Er gerät in eine tiefe Traurigkeit reaktiver Art: er ist etwa darüber betrübt, dass man ihm ein Organ entnommen hat oder dass er dem Krankenhaus eine hohe Rechnung wird zahlen müssen. Phase fünf nennt sich «Akzeptanz»: der Kranke hat sich mit seinem nicht umkehrbaren Zustand abgefunden, schläft besser und länger, will in Ruhe gelassen werden und verhält sich seinen Mitmenschen gegenüber höflich.
1981 gab Elisabeth Kübler-Ross ein bedeutsames Fernsehinterview, in dem sie noch einmal ihre Erkenntnisse zusammenfasste. Einführend beschrieb sie den Tod als «einen Übergang in ein anderes Leben», das sich «auf einer anderen Frequenz, einer anderen Wellenlänge» abspielt. Erstaunen löste ihre Behauptung aus, «der Moment des Todes ist ein ganz einmaliges, schönes, befreiendes Erlebnis, das man ohne Angst und ohne Nöte erfährt. Man löst sich von seinem Körper, wie ein Schmetterling aus seinem Kokon kommt. Man ist sich bewusst über den Körper, der im Bett liegt oder auf der Straße beim Autounfall. Man beobachtet das ganz objektiv, ohne Angst, ohne Schmerzen, ohne Heimweh. Man kann keine negativen Gefühle haben, und man merkt dann plötzlich, dass man wieder vollkommen ist. Das heißt, Leute, die bei einem Arbeitsunfall ihre Finger verloren haben, merken nun, dass sie alle Finger haben. Ein Amputierter ist sich bewusst, dass er schlagartig seine Beine wieder hat, ein Querschnittgelähmter oder einer, der multiple Sklerose hat, der jahrelang in einem Rollstuhl gelebt hat, sagt mir dann unversehens: Frau Doktor Ross, jetzt konnt‘ ich wieder tanzen. Jemand, der taub war, kann hören und ein Blinder kann sehen».
Ross berichtete von Blinden, die klinisch tot waren und zurück gebracht wurden: «Man fragt sie, was sie erlebt haben und dann sagen sie in ganz klaren Details, wer ins Krankenzimmer oder an die Unfallstation kam. Sie beschreiben Ihnen, was für Kleider Sie getragen haben, welche Farbe diese Bluse hat, was für eine Kette, Armband oder Uhr Sie tragen, oder das Design von einer Krawatte, und das kann ein Blinder ja nie sagen, weil er nicht sieht!»
Die Forscherin versicherte, dies selbst verifiziert zu haben, «von Aborigines aus Australien, von Eskimos, von Juden, von Katholiken, von Atheisten, von Protestanten, und es hat gar nichts zu tun mit ihrem religiösen Wissen und Verstehen. Es ist einfach das Erlebnis des menschlichen Todes», unterstreicht sie.
Denkbar tröstlich ist ihre Aussage: «Das Wichtigste, was die Menschen wissen müssen, ist dass man nicht allein sterben kann. Da könnten Sie zum Beispiel einen Mann in einer Rakete auf den Mond schicken. Er verpasst seine Richtung und fliegt im Weltall herum, bis er allein in seiner Rakete stirbt. Dann wird er immer, immer erwartet von den Menschen, die er geliebt hat und die vor ihm gestorben sind. Die sind immer da.»

Der Tod und die Kinder
Während ihrer Tätigkeit bei der Betreuung von sterbenden Kindern konnte Elisabeth Kübler-Ross überraschende Information einholen, da es sich um Personen handelte, die aufgrund ihres Alters keine Vorbildung auf dem NTE-Gebiet haben konnten: «Nach einem großen Autounfall, wo zwei bis drei Personen einer Familie sterben, werden die Kinder ins Krankenhaus eingeliefert. Dann setze ich mich zu diesen Kindern in der Intensivstation. Ganz kurz bevor sie sterben, werden sie sehr ruhig und irgendwie verklärt. Ich frage sie, ob sie mir mitteilen können, was sie erlebt haben. Sie sind ganz, ganz ruhig und dann sagen sie alle in ihrer kindlichen Ausdrucksweise: jetzt ist alles in Ordnung, meine Mami und der Peter warten schon auf mich. Und ich weiß, dass seine Mutter in der Unfallstation gestorben ist, aber Peter, der Bruder, wurde in ein anderes Krankenhaus eingeliefert. In dem Moment rufen sie vom anderen Krankenhaus an und sagen, ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass Peter vor 10 Minuten gestorben ist. In 10 Jahren Forschungsarbeit hat mir noch kein einziges kleines Kind einen falschen Namen genannt. Sie nennen nur Leute, die vor ihnen gestorben sind, manchmal nur 5 oder 10 Minuten nach deren Tod. Es kann ja nicht Zufall sein, dass tausend Kinder im Moment des Todes schon wissen, wer auf sie wartet, und es sind Kinder, die man nicht informiert hat, wer an der Unglücksstelle gestorben ist, weil sie ja selber kritisch verletzt waren. Zwei- und dreijährige Kinder haben noch keine Bücher gelesen, die wollen Ihnen keinen Eindruck machen, die lügen nicht über solche Dinge.»
Abschließend fragte der Interviewer Elisabeth Kübler-Ross, ob sie vor ihrem eigenen Tod Angst habe. Sie setzte ein entspanntes Lächeln auf und antwortete: «Nein, gar nicht. Ich freue mich darauf. Das Leben ist viel, viel schwieriger als das Sterben.»

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