Schwitzen bis zum Umfallen

Die Cóndor-Praktikantinnen Natalie Campbell und Sabrina Greifzu zeigten Mut und nahmen an einem Bikram-Yoga-Kursus teil. Bei über 40 Grad wurden die Muskeln gedehnt – nicht gerade ein entspannender Sauna-Gang.

«Saugt soviel Luft in eure Lungen, bis euch schlecht wird davon», befiehlt Paola Maturana und demonstriert Tiefenatmung, «Pranayama» im alt-indischen Sanskrit. Rund 40 Teilnehmer in Badehosen, Shorts und bauchfreien Tops stehen stramm auf ihren Yogamatten, blicken unverwandt in den Spiegel, während sie, das Kinn auf ihren Handrücken gestützt Luft, tief Luft holen und dabei die Ellbogen heben, so lange wie Paola es sagt. Auf ihr Kommando hin wird im Anschluss der Kopf in den Nacken geworfen und aus den Kehlen geräuschvoll der Atem geblasen. Das klingt in etwa so, als würde eine Horde Zombies zum Leben erwachen. Leider riecht es in dem verspiegelten, mit Teppichboden ausgelegten Saal auch etwas streng: Ausdünstungen von Menschen, die bei 40,6 Grad Raumtemperatur schweißtreibendes Yoga praktizieren.

Montag, 19.30 Uhr im Bikram-Yoga-Centro, Straße Huerfanos 757, Santiago Innenstadt. 90 Minuten dauert ein Kursus, 26 «Asanas», also Körperübungen, werden nach der Reihe absolviert. «Wer ist zum ersten Mal hier?», fragt Paola. Zwölf Arme zeigen auf, die Neuen nennen schüchtern ihre Namen. Die Yoga-Trainerin nickt, lächelt jedem aufmunternd zu und beendet damit auch schon wieder ihre Nettigkeiten. Denn abgesehen von Paola darf niemand reden. Es darf auch niemand trinken, bis sie es nicht ausdrücklich erlaubt. Die Wasserflaschen aus Plastik sind angelaufen. Schon im Stehen sammelt sich der Schweiß in schweren Tropfen. Still und ergeben warten wir auf Paolas nächsten Befehl. Und spätestens bei der zweiten Übung, dem «halben Mond mit Rückwärts- und Vorwärtsbeuge», rinnt der Schweiß in Bächen unaufhörlich über Nacken und Schultern, das Rückgrat entlang, fängt sich in Brusthaaren und Kniekehlen, perlt von Ellbogen und Lippen, tropft geräuschlos auf das Handtuch, ausgebreitet unter unseren Füßen.

 

Ein geschäftsbringendes Konzept

Bikram Yoga ist in – und hat den gebürtigen Inder und mittlerweile US-Amerikaner Bikram Choudhury reich gemacht. Der 67-jährige Erfinder dieser Marke wurde schon im zarten Alter von 13 Jahren indischer Yoga-Champion. Seine geschäftsbringende Idee, 26 traditionelle Yogaübungen bei 105 Fahrenheit, das entspricht 40,6 Grad, und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit zu praktizieren, soll wahre Wunder bewirken: Die Hitze hilft, den Körper dehnbar und geschmeidig zu machen, die Verrenkungen versorgen den Blutkreislauf mit Sauerstoff, stärken Muskeln, Immunsystem und Selbstbewusstsein.

Dieses Konzept hat sich Choudhury patentieren lassen. Jeder Lehrer in den weltweit 638 Studios hat seine Ausbildung beim Meister persönlich absolviert. Neun Wochen lang hartes Training in Los Angeles. Kostenpunkt: 11.500 US-Dollar. Bikrams Jünger schrecken vor nichts zurück: von Casablanca bis Jakarta, weltweit sprießen die «Torture Chambers», die «Folterkammern», wie Bikram sie nennt, wie Pilze aus dem Boden.

Alejandra Barra und Paola Bahamondes haben im Januar  2011 das Bikram-Yoga-Centro in Santiago eröffnet, es ist eines von sechs Studios in Chile. Sechs Lehrer arbeiten hier, von sieben Uhr morgens bis nach acht Uhr abends werden die 90-Minuten-Kurse angeboten. Die jüngsten Teilnehmer sind erst zwölf Jahre alt, die Ältesten stehen kurz vor ihrem 80. Geburtstag. 180 Personen kommen pro Tag. 100.000 chilenische Pesos kostet eine unlimitierte Monatskarte. «Am Eröffnungstag haben uns die Leute die Tore eingerannt», sagt Alejandra Barra, die selber Stunden gibt. «Wir haben von Anfang an schwarze Zahlen geschrieben.»

 

Wundermittel

Esteban Diaz besucht seit einem Jahr, drei bis viermal in der Woche, den Bikram-Yoga-Kursus. «Gerade am Anfang ist der Geruch schwer zu ertragen, die ersten zwei Klassen waren schrecklich», sagt der Ingenieur. «Aber ich hab mich schnell daran und an die Hitze gewöhnt. Ich litt unter Schlaflosigkeit und Bikram-Yoga hat mir sehr geholfen, dieses Problem in den Griff zu bekommen.»

«Bikram hat alles verändert», sagt auch Matias, Schauspieler. «Es hat mir beigebracht, mich selbst zu beherrschen und einen Rhythmus im Leben zu finden.» Er hat gerade eine 60-tägige Bikram-Yoga-Tortur durchgezogen, ist zwei Monate täglich ins Studio gekommen. «Das Beste daran ist, dass es jeder ausprobieren kann, überall auf der Welt.»

Auf Bikrams Internetseite berichten ehemalige Teilnehmer, wie das einmalige Konzept ihres Gurus ihre Krankheiten lindern oder heilen konnte. Vom erhöhten Cholesterinspiegel über Diabetes, Hepatitis C, Nierenkrebs und Depression, beeindruckend ist die Liste der Gebrechen. Ob das auch alles so stimmt? Wer weiß… Aber wenn Bikram-Yoga auch nicht hilft, schaden tut es vielleicht auch nicht?

«Nicht zum Nachbarn schauen, sondern immer in den Spiegel!», schreit Paola. Wie ein Feldwebel spaziert sie unermüdlich vor den Matten auf und ab. «Einatmen, ausatmen, beugen, beugen und beugen.» Jede Übung wird zweimal wiederholt. Wir sind erst bei Nummer neun angelangt, der Dreieckspose, oder auch «Trikanasana», wie es im Sanskrit heißt. Die Beine gegrätscht, das linke Knie gebeugt, das rechte gestreckt. Die linke Handfläche zeigt zu Boden, die rechte («Die Finger müssen geschlossen bleiben!») senkrecht in die Höhe. Ausnahmsweise wird der Blick Richtung Decke gewandt und die warme Luft der Heizstrahler bläst unbarmherzig ins Gesicht. Das grelle Licht blendet. Das T-Shirt ist nassgeschwitzt.

«Wenn ihr umfallt, dann steht ihr wieder auf», ruft Paola. Und auch ihr merkt man den Gesundheitsstress an: Ihr Gesicht glänzt jetzt feucht.

 

Von Natalie Campbell und Sabrina Greifzu

 

Lesen Sie auf der nächsten Seite ein Interview mit Alejandra Barra, die den Bikram Yoga-Kurs leitet.

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