Der Schneeberg – das Dach von Niederösterreich

Bis 1897 war es ein Abenteuer, die beiden Gipfel des Schneebergs zu besteigen. Der höchste Berg Niederösterreichs – mit dem Klosterwappen (2.076 Meter) und dem Kaiserstein (2.061 Meter) – konnte nur mühsam per pedes bezwungen werden.

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Von Traude Walek-Doby

Franz Grillparzer schrieb voller Ehrfurcht: «Da steht er, der Schneeberg, der mächtige Greis – von Gämsen in Angst nur erklettert.» Er selbst ist wohl nie in das Reich der verängstigten Gämsen vorgedrungen, denn er starb 1872, 25 Jahre vor der Eröffnung der Schneebergbahn.
Da waren Mitglieder des Hauses Habsburg schon mutiger. Von den Habsburgern ist bekannt, dass sie das Schneeberggebiet als Erholungsraum sehr schätzten, und so bestiegen schon 1804 Erzherzog Johann sowie 1805 und 1807 sein Bruder Kaiser Franz I. den Schneeberg.
Die Wertschätzung der Habsburger lenkte auch die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die Region. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurden jährliche Wallfahrten auf den Schneeberg abgehalten, zur Erinnerung an die Pestkatastrophe 1713.

Puchberg als «Schlüsselloch zum Schneeberg»
Um den Tourismus anzukurbeln, unternahm Puchberg, das vor 160 Jahren als «ärmliches Dorf» bezeichnet wurde, mehrere vergebliche Anläufe, um mit einer Bahnlinie an Wiener Neustadt angeschlossen zu werden. Gegen die «Entweihung des Schneebergs» erhob sich auch teilweise heftiger Widerstand.
Schließlich bekam 1895 der Eisenbahnunternehmer Leo Arnoldi einen Bauvertrag, der neben der Errichtung der gesamten Schneebergbahn von Wiener Neustadt bis auf den Hochschneeberg ebendort in 1.800 Meter Höhe auch den Bau eines Hotels enthielt. Der Standhaftigkeit von Leo Arnoldi ist es zu verdanken, dass sowohl Bahn wie Hotel heute noch in bestem Zustand in Betrieb sind. Und das kam so:
Als fixer Übergabetermin war der 15. März 1897 vertraglich festgehalten, andernfalls drohte die Zahlung einer hohen Strafe. Die Strecke von Wiener Neustadt bis Puchberg wurde als normalspurige Linie geführt, hunderte kroatische und italienische Bauarbeiter wurden eingesetzt, der Bau schritt zügig voran und wurde rechtzeitig fertig.

Ausweichstelle auf halbem Weg
Durch einen langen und harten Winter 1896/97 verzögerte sich jedoch der Bau der schmalspurigen Zahnradbahn von Puchberg auf den Hochschneeberg. Der erste Abschnitt der hochalpinen Strecke bis «Baumgartner» wurde am 1. Juni 1897 eingeweiht. Das Gestein erwies sich als teilweise porös und locker; trotz drohender hoher Strafzahlung bestand Leo Arnoldi jedoch auf einer sicheren und nachhaltigen Bauweise. Und so wurden der zweite Teil der Zahnradbahn erst am 25. September 1897 und das Hotel am 28. Juni 1898 fertig.
Sie halten auch heute noch Winterwetter und Stürmen stand, von denen auf dem Schneeberg beispielsweise im Jahr 2008 einer 230 Stundenkilometer erreichte. Der teilweise meterhohe Schnee wurde früher bei Saisonbeginn mit einem Keilpflug vom Gleis geschoben, heute ist dafür eine Schneefräse im Einsatz.

Höchstgelegner Bahnhof
«Schneebergbahn» ist die ursprüngliche Bezeichnung der gesamten Bahnstrecke von Wiener Neustadt bis auf den Hochschneeberg. Heute wird nur noch der Zahnradbahn-Teil als «Schneebergbahn» bezeichnet. Auf 9,8 Kilometern überwindet sie einen Höhenunterschied von 1.218 Metern. Der Bergbahnhof Hochschneeberg ist der höchstgelegene Bahnhof in Österreich.
Hundertzwei Jahre lang schnaufte nur eine rot-schwarz lackierte Dampflok mit zwei dunkelgrün lackierten Personenwaggons durch Wald und Wiesen, Matten und Latschenfelder hinauf. Die 18 Tonnen schwere Lok brauchte dazu 700 Kilo Kohle und 4.500 Liter Wasser.
Auch Kaiser Franz Joseph I. fuhr am 18. Juni 1902 mit dieser Bahn auf den Schneeberg, besuchte das neben der Endstation gelegene Hotel Hochschneeberg und das ein Jahr vorher zum Gedenken an die Ermordung von Kaiserin Elisabeth errichtete Elisabethkircherl.
Heute sind die Nostalgie-Dampfzüge mit hundert Sitzplätzen nur von Juli bis September an Sonntagen und Feiertagen im Einsatz, können aber auch von Privatpersonen gemietet werden.
Von Puchberg aus hält wie eh und je noch jeder Zug an den Stationen: Hengsttal–Hauslitzsattel–Hengsthütte–Ternitzerhütte–Baumgartner–Hochschneeberg; und seit 2009 im neuen Bergbahnhof in 1.800 Metern neben dem Hochschneeberghaus; wobei die Station Baumgartner eine besondere Bedeutung hat: Hier müssen die Dampfloks 1.800 Liter Wasser nachtanken – etwas einfacher nun, nachdem 2002 die öffentliche Wasserleitung gebaut wurde, die seit 2010 bis zur Fischerhütte auf den Schneeberg hinauf führt.
Und das jetzt bei der Station Baumgarten eingerichtete «Buchtl-Kistl» lässt so gut wie kein Fahrgast aus: Hier gibt’s herrlich flaumige, dampfende Riesenbuchteln, mit Powidl gefüllt, eine typisch österreichische Mehlspeise. Wer dabei Dampfnudeln mit Pflaumenmus erwartet, wird staunen lernen!

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Familie «Salamander»
Während die Dampfzugsgarnitur bis zur Endstation Hochschneeberghaus 94 Minuten braucht, ist man seit dem 24. Juli 1999 in 42 Minuten oben: Der «Salamander» macht’s möglich.
Da die Dampflok allein den Andrang von 130.000 Fahrgästen jährlich nicht mehr schaffte, wurden ihr drei Triebwagenzüge beigesellt. Salamander heißen sie nach den hier lebenden schwarz-gelb gefleckten Amphibien – und so sehen auch die 41 Tonnen schweren und über 30 Meter langen Triebwagenzüge aus, die sich mit 15 Stundenkilometer den Berg hinauf schieben. Die Schulkinder der Region gaben ihnen die Namen «Franz-Josef», «Sisi» und «Leo» – nach Leo Arnoldi.
Zu einer rechten Familie gehören auch Kinder, und so wurden die kleinen Güterbeiwagen «Baby-Salamander» genannt. Für Streckenarbeiten wurde zudem eine Zahnradlokomotive angeschafft, die gelegentlich auch als Reservetriebwagen zum Einsatz kommt. Wie es sich für ein rechtes Familienmitglied gehört, ist sie ebenfalls salamander-schwarz-gelb lackiert, sodass kein Zweifel bestehen kann, wohin sie gehört.
Wanderer begrüßen den schnellen Salamander, können sie dadurch doch mehr Zeit ihren Ausflügen widmen; der Schneeberg ist ja nicht nur ein einziger Gipfel, er ist ein ganzes Gebirgsmassiv, das aus vielen Böden, Leiten, Graten, Wänden und Gräben besteht, mit den Gipfeln Waxriegel nächst dem Hochschneeberghaus, mit Klosterwappen und Kaiserstein, wo auf dem Rundweg das Damböckhaus und die Fischerhütte – mit 2.049 Metern die höchstgelegene Schutzhütte Niederösterreichs – zur Stärkung einladen. Insgesamt stehen 17 Hütten auf dem ausgedehnten Wanderwegenetz für die Ausflügler zur Einkehr bereit.

Geschichte erleben im Hochschneeberghaus
Die Architekten Helmer und Fellner hatten schon in Wien, Bukarest und Odessa Theaterbauten entworfen; das Berghotel Hochschneeberghaus zeigt unverkennbar ihre dramatische Handschrift. Allein der Speisesaal mit einer originalen Holzdecke gleicht einem bühnenwirksamen Rittersaal. Im ganzen Haus ist jeder Quadratmeter Wand mit historischen Erinnerungsstücken bedeckt, mit Bildern, Stichen, Urkunden, Widmungen berühmter Gäste und mit Jagdtrophäen.

Speisesaal im Hochschneeberghaus

Zu den Antiquitäten kamen noch historisches Kinderspielzeug dazu und eine Sammlung hundert Jahre alter Prager Marionetten. Erster Chef nach der Eröffnung 1898 war der berühmte Hotelier Josef Panhans, der auch Kaiser Franz Joseph beherbergen durfte. Das Kaiserzimmer und das Adjutantenzimmer stehen noch immer zur Verfügung.
Seit 1994 gehört das Berghaus Hochschneeberg Jaroslav Stastny aus Prag. Gekommen ist er als Kurgast zur Stärkung seiner Lunge, geblieben ist er als Gastronom, der auch einen Ansturm von 150 unangemeldeten Gästen mühelos schafft.
Der dramatische Höhepunkt ist jedoch der phänomenale Ausblick vom Schneeberg ins Tal und in die Bergwelt, von den Alpen bis nach Pannonien. Kein Zweifel: Hier steht man am Dach von Niederösterreich.

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