Schlagabtausch der Ideologien

Von Arne Dettmann

Donnerstagabend vergangener Woche, Santiago de Chile: Auf dem Gäste-Parkplatz der konservativen Tageszeitung El Mercurio fahren Audis, Mercedes und Geländewagen vor. Axel Kaiser, Chiles intellektueller Vorkämpfer für Liberalismus, präsentiert sein neues Buch «La tiranía de la igualdad» («Die Tyrannei der Gleichheit»). Und die mehr als 300 Zuhörer erhalten, was sie erwarten: einen Frontalangriff auf sozialistische Gleichmacherei und eine vehemente Verteidigung des Rechts auf Freiheit und Besitz.
Marx, Engels, Trotzki: Gleich zu Beginn zitiert Axel Kaiser die Speerspitzen der untergegangenen roten Weltideologie, um sich und seinen Gästen in Erinnerung zu rufen, wie aus dem frommen Wunsch, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität zu schaffen, am Ende autoritäre und totalitäre Systeme wurden. Trotz dieses historischen Desasters würden einige Leute hier in Chile immer noch mit diesen überholten Ideen liebäugeln. Schlimmer noch: «Diese Leute glauben tatsächlich daran», erklärt Axel Kaiser. Und jeder im Saal weiß, wer gemeint ist.
Ganze 30 Jahre lang sei Chile mit seinem marktoffenen Wirtschaftsmodell gut gefahren. Doch nun habe die Regierung unter Michelle Bachelet einen katastrophalen Kurs eingeschlagen, der da lautet: mehr Staat, weniger ökonomische Freiheit. Das antiliberale Pamphlet «El otro modelo» («Das andere Modell») gäbe die Schützenhilfe für das unternehmerfeindliche Projekt. Wer mit dieser Politik nicht einverstanden sei, so Axel Kaiser, dem bleibe nur das Auswandern oder aber der Gegenschlag. Die Hände in den Schoß zu legen sei jedenfalls keine Option. «Sie alle hier sind aufgefordert zu handeln.»

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Wer als Außenstehender – als Deutscher – auf diese Szene blickt, der fühlt sich auf seltsame Art an ein deutsches Geschichtsbuch erinnert, Kapitel Weimarer Republik, als ideologische Auseinandersetzungen zunächst noch mit Worten ausgetragen wurden. Oder an den Ost-West-Konflikt, als sich zwei Wirtschaftsmodelle und Weltanschauungen feindlich gegenüberstanden und sich gegenseitig der Dekadenz und der Aggressivität beschuldigten.
Doch ist das nicht alles Schnee von gestern? Die Berliner Mauer nicht gefallen, das Sowjetimperium nicht zusammengestürzt? Axel Kaiser erwähnt Kuba, Venezuela, auch Nordkorea. Aber diese Länder sind weit weg, und die eigentliche Gefahr steht ohnehin nicht vor der Tür, sondern ist hier unter uns in Chile zu finden.
Wer als Außenstehender – als Deutscher – in diesen Tagen den Diskurs in der chilenischen Öffentlichkeit verfolgt, der fühlt sich seltsam in die Zeit des Kalten Krieges zurückversetzt. So äußerte sich Michelle Bachelet bei ihrem Aufenthalt im mittelamerikanischen El Salvador vor Kurzem lobend über das vorbildhafte soziale Absicherungssystem der DDR, was dem Vorsitzenden des chilenischen Industrieverbandes, Hermann von Mühlenbrock, den süffisanten Kommentar entlockte, die Rezepte der DDR könnten doch gar nicht so gut gewesen sein, denn sonst würde es diesen Staat noch geben.
Und als Bachelet dort in Mittelamerika einen neuen Platz zu Ehren von Salvador Allende einweihte, sprach sie in einer Hommage an Chiles gestürzten Präsidenten von einem «Führer des Volkes», der «Architekt seiner eigenen Geschichte» werden wollte, von einem Chilenen als «Synonym für soziale Gerechtigkeit», die er hartnäckig verfolgt habe. Und es freue sie, dass das Erbe Allendes sowohl in Chile als auch in den verbrüderten Ländern nach wie vor Gültigkeit besitze. Von Mühlenbrock entgegnete in einem Zeitungsinterview erneut, dass diese Vorgänge doch mehr als 40 Jahre zurücklägen und er es vorziehe, im Jahr 2015 lieber in die Zukunft anstatt nach hinten zu blicken.

Axel Kaiser, Buchautor und Gründer der Fundación para el Progreso
Axel Kaiser, Buchautor und Gründer der Fundación para el Progreso

Man könnte geneigt sein, diese Wortgefechte als belanglose Scharmützel abzutun. Doch jemand wie Axel Kaiser wittert Gefahr angesichts der Vorhaben der Bachelet-Regierung.
Gratis Bildung für alle? Mehr Geldmittel nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen bringe nicht zwangsläufig eine Verbesserung, sondern sei letztendlich Ausdruck von Sozialneid, ja eine Gleichmacherei nach unten, so Axel Kaiser jüngst in einem Interview im El Mercurio. Arbeitsmarktreform? Spielt nur den Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei in die Hände. Die Steuerreform? Ein typisch populistisches Machwerk, das Chile in die Mittelmäßigkeit zurückwerfen werde.
Nein, die Demokratie in Chile sei zwar nicht in Gefahr, gibt Axel Kaiser Entwarnung. Allerdings könnte das Land sehr wohl ganz schnell den Bach runtergehen. Denn die individuelle Freiheit der Bürger würde weiter ausgehöhlt, der Staatsapparat samt Bürokratie und öffentlicher Verschuldung nehme zu. Und das alles, weil sich die chilenische Linke diese egalitären Ideen in den Kopf gesetzt hätten.
Und so schließt Axel Kaiser, der Rechtswissenschaften studierte, die «Fundación para el Progreso» gründete und seinen Doktor in politischer Philosophie an der Universität Heidelberg gemacht hat, an diesem Abend mit einem Zitat von Hölderlin: «Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.»
Es ließe sich auch einen Satz von Jean-Paul Sartre hinzufügen:« Die Hölle, das sind die anderen.»

Info: «La tiranía de la igualdad» von Axel Kaiser, Ediciones El Mercurio, ISBN: 9789567402342.

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