Bildungsprojekt «Redes de Tutorías» in Chile

Spielerisch Lernen im Dialog

Auch im Colegio Bicentenario de Talagante wird «Redes de Tutoría» von den Schülern angewendet.
Auch im Colegio Bicentenario de Talagante wird «Redes de Tutoría» von den Schülern angewendet.

 

Das chilenische Bildungssystem ist ineffizient und daher reformbedürftig. Einen neuartigen Ansatz verfolgt die Organisation Educación 2020 mit der Lernmethode «Redes de Tutorías», die auch von deutsch-chilenischen Unternehmern unterstützt wird.

 

Von Arne Dettmann

Preisfrage: Jedes Jahr steigen 200.000 Menschen auf den japanischen Vulkan Fuji, der nur vom 1. Juli bis 27. August öffentlich zugänglich ist. Wie viele Bergsteiger macht das ungefähr pro Tag?

Diese Aufgabe wurde 2012 bei der internationalen Pisa-Studie der Oecd-Länder gestellt, wobei mehrere Antworten zur Auswahl standen. Die richtige Lösung wäre 3.400 gewesen, nämlich 200.000 geteilt durch die Anzahl der Tage (31+27). Eigentlich eine leichte Aufgabe, doch 56 Prozent der chilenischen Schüler konnten sie nicht beantworten.

Auch in der Lesekompetenz schnitten die Chilenen schlecht ab: 41 Prozent waren nicht in der Lage, wichtige Rezepthinweise aus einer Packungsbeilage für Aspirin zu verstehen – vorletzter Platz im Ranking vor Schlusslicht Mexiko. Dabei hat Chile seine Bildungsausgaben in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht, während die Schüler hierzulande ganze 1.200 Stunden pro Jahr vor dem Lehrerpult hocken – das Doppelte vom OECD-Durchschnitt.

Seit Oktober 2015 versucht die Initiative «Redes de Tutorías» der Nicht-Regierungsorganisation Educación 2020 dieses schlechte Leistungsergebnis zu verbessern. Nicht mehr Geld, sondern eine neue Lernmethode soll den antiquierten Frontalunterricht aufbrechen und aus passiven Schülern motivierte Lernbegeisterte machen.

 

Lernen, wie man besser lernt

Das Rezept kommt aus Mexiko, wo es bereits an 30.000 Schulen auf freiwilliger Basis getestet und von Unicef sowie der Harvard University anerkannt wurde. Ein Schüler geht dabei im Dialog mit einem Lehrer einen Unterrichtsstoff durch. Der Lernprozess wird dokumentiert. Am Ende soll der Schüler das Erlernte der Klasse vortragen und individuell für sich weiter vertiefen. Im letzten Schritt wird er sogar selbst zum Tutor.

«Es geht darum zu lernen, wie man besser lernt. Mathematik soll spielerisch verstanden werden. Durch Fragen des Tutors kommt der Schüler selbst auf die Antwort», erläutert Jürgen Leibbrandt, der das Projekt seit Beginn unterstützt und mehrere Unternehmer sowie Privatleute ebenfalls begeistern konnte. Sieben ländliche Schulen in der Araucanía machten den Anfang, mittlerweile sind es 40 Schulen in den Regionen Metropolitana, Araucanía und Los Ríos, die «Redes de Tutorías» getestet haben. Die Ergebnisse und Erfahrungsberichte (siehe Infokasten) seien durchweg positiv gewesen, so Jürgen Leibbrandt. «Deshalb wollen wir an weitere Schulen herantreten und auch das Bildungsministerium von dieser Methode überzeugen.»

Die Kosten für die 18-monatige Schulung durch externe Lehrer werden zur Hälfte von der jeweiligen Gemeinde als Schulträger getragen, der Rest kommt durch Spender zusammen – darunter befinden sich viele Unternehmer der deutsch-chilenischen Gemeinschaft. Das chilenische Ministerium für soziale Entwicklung hat das Projekt offiziell anerkannt, so dass Spenden steuerlich absetzbar sind. Der nachhaltige Nutzen der Lernmethode wird in Chile von der Universidad Católica derzeit bewertet.

Jürgen Leibbrandt selbst hat an drei Sitzungen der «Redes de Tutorías» teilgenommen und zeigt sich beeindruckt über die Erfolge der Lernmethode. «Wenn man dem Land etwas Gutes tun will, dann über die Erziehung.» Das sieht übrigens auch die Weltbank so, die davon ausgeht, dass eine Qualitätsverbesserung der Bildung ein Wachstum von 25 bis 73 Prozent der Wirtschaftsleistung nach sich ziehen kann.

Infos: www.educacion2020.cl

E-Mail Jürgen Leibbrandt: jleibbrandt@emin.cl

Weitere Spender für das Bildungsprojekt sind herzlich willkommen.

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