Wo die Nordseewellen spülen an den Strand

Geschichten aus der Heimat

Strand Nordsee
Blick vom Nordseestrand aufs Meer: Cóndor-Redaktionsleiter Arne Dettmann berichtet in diesem Essay über die magische Anziehungskraft der Nordsee und seine Liebe zum Meer.

 

Von Arne Dettmann

Hamburg liegt nicht am Meer. Hamburg liegt nicht am Meer. – Man muss diesen Satz zweimal sagen, denn viele Menschen glauben, dass gleich hinter den Landungsbrücken im Hafen die See rauscht. Doch von der Hansestadt bis zur Elbmündung sind es noch ganze 108 Kilometer! Concepción dagegen liegt an der Mündung des Biobio-Flusses, der sich in unmittelbarer Nähe in den Pazifischen Ozean ergießt. Doch seltsam: In Chiles zweitwichtigstem Wirtschaftszentrum ist fast nichts von einer maritimen Atmosphäre zu spüren.

In Hamburg sehr wohl. Vielleicht liegt es an den riesigen Containerschiffen, die fast mitten durch die Stadt fahren, um am Terminal anzulegen, und die von draußen kommend das Meersalz mitbringen, diesen Geruch nach Weite und Ferne. Vielleicht liegt es aber auch an einer Sehnsucht oder nur an einer Ahnung, dass hinter dem «Tor zur Welt», so eine Bezeichnung Hamburgs, irgendwo da draußen das Meer sein muss, eben die große weite Welt.

Flussabwärts also. Gleich zu Beginn seines Romans «Moby Dick» lässt Herman Melville seinen Protagonisten – «Nennt mich Ismael.» – vom Land in Richtung See wandern, des Ärgers und Kummers überdrüssig, magisch angezogen von den Verheißungen des Ozeans, wo alles Leben einmal anfing, zurück zur Quelle, den Ursprung allen Seins. «Auf ewig vereint sind Wasser und Tiefsinn. Es ist das Bild des unbegreiflichen Phantoms des Lebens, und darin liegt der Schlüssel zu allem.»

 

Als Kind verbrachte ich regelmäßig einmal im Jahr mit meiner Mutter eine Woche an der Nordsee in dem Hafenort Büsum. Der Arzt hatte die jod- und salzhaltige frische Luft empfohlen, um den Appetit des essfaulen Jungen anzukurbeln, vor allem aber um den von Heuschnupfen geplagten Körper eine Ruhepause zu gönnen. Und so zogen wir denn täglich mit Eimer und Schaufel bewaffnet in Richtung Wattenmeer, das größte seiner Art weltweit, wo das Niedrigwasser den Grund der Nordsee freiliegt und eine riesige Sandlandschaft aus Prielen (Ströme), Muschelbänken und Salzwiesen freilegt.

Ein endloser Horizont hinter einer weiten Landschaft, Einsamkeit, Schweigen, eine frische Brise, klares Licht, dazu die himmlische Ruhe – bis heute hat die Nordsee nichts von ihrer Faszination für mich verloren. Immer noch, wenn ich nach Büsum fahre, bin ich der kleine Junge, der sich ungeduldig der Küste nähert, endlich den Deich hochgeht, Schritt für Schritt in freudiger Erwartung, höher, noch ein Stückchen, gleich ist es geschafft, dann muss man es sehen, ja, jetzt, da ist es! «Nennt mich Ismael.»

 

Die Nordsee – das hatte auch immer etwas Archaisches an sich. Stets pfeift einem der Wind um die Ohren, eine nasskalte Nase inbegriffen, rau und wechselhaft ist das Klima. Aus einem schönen Sommervormittag kann schnell ein verregneter Sommernachmittag werden. Wer entspannte Strandtage sucht, der fährt lieber an die Ostsee, im Vergleich zur Nordsee eine lauwarme, seichte Badewanne, wo der Lübecker Thomas Mann seine «Buddenbrooks» einen Erholungsaufenthalt verbringen ließ. Der Friese Theodor Storm schickte dagegen seinen «Schimmelreiter» Hauke Haien hinaus in die sturmgepeitschte Nacht zu einem wilden, gespenstischen Galopp auf dem Nordseedeich.

 

Viele Jahre später ging ich mit Freunden durch das Watt. Diesmal nicht mehr mit Schaufel und Eimer, sondern einer Jever-Buddel in der Hand. Der Werbespruch meines Lieblingsbieres: «Wie das Land, so das Jever. Friesisch-herb.» Der frühere Jever-Mann im TV-Spot erlangte übrigens Kult-Status in Deutschland, denn niemand schlenderte so herrlich entspannt barfuß durch die Nordsee-Dünen und ließ sich dann so gekonnt in den weichen Sand fallen. Dazu die Stimme aus dem Off: «Keine Staus. Keine Termine. Keine Hektik. Kein Stress. Keine Kompromisse.»

Um den Kopf frei zu kriegen, sich zu konzentrieren oder einfach nur, um sich selbst zu finden verschlug es viele Literaten und Künstler auf die Nordsee-Insel Helgoland, den einsamen roten Fels 65 Kilometer vor der Küste. Franz Liszt war dort, Kafka, Heinrich Heine und Heisenberg, «dort, wo mich niemand suchte», wie der Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel einst schrieb. Und dort oben auf dem 61 Meter hohen Oberland ließ der Blick auf das Meer dieses Lebensgefühl entstehen, dass schon Hoffmann von Fallersleben beschrieben hat: «Lass die wilden Wogen toben, um den Felsen dort und hier, auf dem Felsen wohn ich droben und der Frieden wohnt in mir.»

Wir Studenten ließen uns jedenfalls am Badestrand so wie der Jever-Mann in den Sand fallen, stiegen in die Nordseefluten und taten es den in der Nähe liegenden Seehunden gleich: Dösen, sinnieren, an nichts Böses denken.

 

Dabei ist es, ehrlich gesagt, fürs Gemüt durchaus nicht immer leicht an der Nordsee. Das Land davor kommt so verdammt flach daher, keine Anden als Blickfang, kein Cerro San Cristóbal zur Auflockerung der Bildfläche. Nein, dort, wo man sich auf den Hocker stellen kann, um zu gucken, welcher Besuch übermorgen zu erwarten ist, gebärt sich die Landschaft oft als eintönig und langweilig.

Beim norddeutschen Nieselregen wird´s dann noch schlimmer. Die Chilenen in Viña del Mar haben morgens beim dichten Frühnebel wenigstens die Gewissheit, dass dieser langsam um die Mittagszeit verschwunden sein wird und den Blick auf den Pazifik freigibt. Unter einem bleigrauen Himmel an der Nordsee besteht aber die berechtigte Befürchtung, dass diese Depressionswetterlage ein Leben lang anhält.

Auf der anderen Seite: In der Nordsee kann man, aller Unkenrufe zum Trotz, doch baden, während einem im Stillen Ozean die Knochen in Eiseskälte erstarren.

 

Beim Spaziergang an der Nordseeküste ist es wie beim Bergsteigen in den Anden: Man gewinnt viel, viel Zeit über sich nachzudenken. Ist es richtig, wie ich so lebe? Was wollte ich eigentlich immer schon mal machen? Wer sind meine besten Freunde? – Unterdessen rauschen die Wogen. Wer keine Antwort auf diese Fragen findet, geht einfach weiter. Auch das endlose Anrollen der Wellen setzt sich fort. Das kann beruhigen.

Es gibt aber auch Momente, bei dem das eintritt, was die Menschen heutzutage vielleicht sogar noch mehr fürchten als den Tod und was wir mit viel Elektronik und permanenter Zeitverplanung ganz gut verdrängen: Langeweile. Nietzsche schrieb einmal, dass Langweile eine «unangenehme Windstille der Seele» sei, dieser Augenblick, an dem die Diktatur der Unterhaltung nicht herrscht, sondern der Mensch plötzlich erschrocken feststellt, dass er einfach nur da ist. Gnadenlos wird die eigene Existenz erfahren, stumm blicke ich dann auf die Nordseewellen und frage mich: Was nun? Wohin? Wozu das alles? Was ist mein Zweck?

An der Nordsee kann ich solche Momente erfahren, um dann hoffentlich diese «unangenehme Windstille» zu überwinden, um dann gestärkt – ganz nach Nietzsche – die «glückliche Fahrt» fortzusetzen und die «lustigen Winde» zu spüren.

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