Müllkippe Ozean

Plastikflaschen am verschmutzten Atlantikstrand im Senegal: Mindestens 270.000 Tonnen Kunststoffteile schwimmen als riesige Plastikinseln auf den Meeren. Foto: Nic Bothma/epa
Plastikflaschen am verschmutzten Atlantikstrand im Senegal: Mindestens 270.000 Tonnen Kunststoffteile schwimmen als riesige Plastikinseln auf den Meeren.
Foto: Nic Bothma/epa

 

Millionen Tonnen Plastik treiben auf den Weltmeeren. Zu winzigen Partikeln zersetzt, werden sie von Meerestieren gefressen und landen auf unseren Tellern. Im Wissenschaftsjahr 2016 «Unsere Ozeane – Deine Zukunft» wollen Forscher nach Lösungen suchen.

Berlin (dpa) – Das Meer ist zu einer riesigen Müllhalde für Plastik geworden. Leere Kunststoffflaschen, alte Fischernetze und Plastiktüten: Bis zu 30 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle landen jedes Jahr in den Ozeanen, schätzt das deutsche Umweltbundesamt. Doch an der Oberfläche treibt nur ein Bruchteil davon. Zerkleinert zu Mikroplastik sinkt es Richtung Meeresgrund, wird von Fischen und anderen Meerestieren aufgenommen und kann so auch wieder auf unseren Tellern landen. Noch ist völlig ungeklärt, ob die winzigen Partikel für die menschliche Gesundheit gefährlich sind. Trotzdem fordern Wissenschaftler einen radikalen Wandel im Umgang mit Plastik.
Industrieabwässer, Ölkatastrophen, Dünger aus der Landwirtschaft – auch das Bundesforschungsministerium widmet sich den Problemen der Meere und stellt das Wissenschaftsjahr 2016 unter das Motto «Unsere Ozeane – Deine Zukunft». Bei verschiedenen Veranstaltungen wie Aktionstagen oder Vorlesungsreihen an Universitäten soll der Stand der Forschung zusammengetragen und die Bedeutung der Ozeane für das Leben der Menschen herausgestellt werden. Ein wichtiger Punkt ist dabei die zunehmende Belastung der Meere durch Mikroplastik.
Als Mikroplastik gelten winzige Partikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Sie entstehen zum einen, weil der Plastikmüll mit der Zeit im Wasser zerschrotet oder durch Wellen und UV-Strahlung zerkleinert wird. Die Partikel gelangen aber auch auf direktem Weg ins Meer: Feines Plastikgranulat wird häufig in Kosmetikprodukten wie Peelings, Duschgels oder Zahnpasta verwendet. Auch beim Waschen synthetischer Kleidung wird Mikroplastik freigesetzt.

Mikroplastikkügelchen liegen auf einem Blatt Papier. Die kleinen Plastikteilchen mit einer Größe unter 5 Milimetern verschmutzen die Meere und werden oft von Fischen und anderen Meeresbewohnern aufgenommen. Foto: Oregon State University/dpa
Mikroplastikkügelchen liegen auf einem Blatt Papier. Die kleinen Plastikteilchen mit einer Größe unter 5 Milimetern verschmutzen die Meere und werden oft von Fischen und anderen Meeresbewohnern aufgenommen.
Foto: Oregon State University/dpa

In den Ozeanen sinken die Mikropartikel auf den Meeresgrund, werden an den Strand gespült oder von Meerestieren gefressen. «Mikroplastik ist mittlerweile überall angekommen, sei es in Fischen, Garnelen oder Zooplankton», sagt Meeresbiologe Gunnar Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) auf Helgoland. Das Umweltbundesamt warnt in seiner Studie: «Mikropartikel, deren Größe kleiner als fünf Millimeter ist, können genauso wie größere Kunststoffteile zu mechanischen Verletzungen des Verdauungstraktes führen, die Verdauung behindern sowie die Nahrungsaufnahme blockieren.»
Völlig ungeklärt sind dagegen noch die Auswirkungen für den Menschen, wenn er etwa mit Mikroplastik belastete Meeresfrüchte isst. «Wir wissen immer noch nicht, wie gefährlich das ist», sagt Gerdts. Bislang sei nur in Einzelfällen nachgewiesen worden, dass Mikroplastik in Fischen vom Darm ins Muskelgewebe übergeht. Ob in Fisch, wie er auf dem Teller landet, also überhaupt Mikroplastik enthalten ist, sei unklar. «Ich finde es aber schon bedauerlich genug, dass wir dieses zivilisatorische Überbleibsel überall in der Natur finden», sagt Gerdts. Es könne zudem sein, dass Mikroplastik auf ganz anderen Wegen zum Menschen gelange, etwa durch Feinstaub in der Luft. «Wir sind ja überall von Kunststoff umgeben», sagt Gerdts.
Zudem haben AWI-Forscher herausgefunden, dass selbst Kläranlagen Mikroplastik kaum zurückhalten. Besonders Fasern wie etwa von Fleecepullovern seien häufig im Wasser gefunden worden, erklärt Gerdts. Der Wissenschaftler bezeichnet die Studie allerdings als Momentaufnahme, der weitere Untersuchungen folgen müssten.
Für Gerdts ist klar: «Es ist besser, etwas gegen die Ursachen zu unternehmen und nicht erst, wenn das Mikroplastik im Gewässer ankommt.» Zum einen müssten vermehrt Kunststoffe eingesetzt werden, die biologisch abbaubar sind. Zum anderen liege die Lösung in einem radikalen Wandel des Konsumverhaltens. «Da hilft es, das Gehirn einzuschalten und zu überlegen, was man im eigenen Handeln und Tun verändern kann, zum Beispiel im Supermarkt mal eine Plastiktüte weniger mitnehmen.» Dass die Plastiktüte bald ganz abgeschafft wird, glaubt aber selbst der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) nicht. Er stellt fest: «Das Einzige, was länger dauert als die Diskussion über die Abschaffung der Plastiktüte, ist ihr Abbau im Meer.»

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