Mit den Waffen der Liebe und des politischen Handelns

Heute betreibt die Stiftung Cristo Vive acht Kindergärten und –krippen in Huechuraba, Recoleta, Renca und La Pintana, in denen rund 800 Kinder betreut werden. Auf dem Foto überreicht Karoline Mayer (73) eine warme Mahlzeit, die die Kinder kostenlos erhalten.
Heute betreibt die Stiftung Cristo Vive acht Kindergärten und –krippen in Huechuraba, Recoleta, Renca und La Pintana, in denen rund 800 Kinder betreut werden. Auf dem Foto überreicht Karoline Mayer (73) eine warme Mahlzeit, die die Kinder kostenlos erhalten.

Die deutsche Missionsschwester Karoline Mayer kam 1968 nach Chile, zog in ein Armenviertel von Santiago und begann, mit und für die Menschen dort zu arbeiten. 1990 mündete diese Arbeit in der Gründung der gemeinnützigen Stiftung Cristo Vive. In vier Jahrzehnten ist das soziale Werk gigantisch gewachsen.

Von Petra Wilken

Heute betreibt Cristo Vive Chile Gesundheitszentren, Berufsschulen, Kindergärten und -krippen, Rehabilitationszentren für Drogenabhängige und Herbergen für Obdachlose in mehreren Armenvierteln von Santiago. Die Stiftung beschäftigt in Chile 450 Angestellte und weitere 70 freiwillige Mitarbeiter. Dazu kommen 25 junge Freiwillige aus Deutschland, die jeweils für ein Jahr vor allem die Arbeit in den Kindergärten unterstützen.

Die sozialen Dienste werden zu 90 Prozent aus staatlichen Programmen Chiles finanziert. Die restlichen zehn Prozent müssen aus Spenden zusammenkommen. Dabei hilft unter anderen der Verein Cristo Vive Europa. Er ist ebenso für die Dienste der Schwesternstiftungen Cristo Vive Bolivien und Peru zuständig, die auch von Karoline Mayer gegründet worden sind. Zur Unterstützung der Arbeit in Chile gibt es seit Kurzem einen Freundeskreis.

Die Institution mit Hauptsitz in der Gemeinde Huechuraba an der Avenida Recoleta betreibt unter anderem eine Ausbildungsstätte, an der verschiedene Handwerksberufe wie Automechaniker, Elektriker, Schweißer, aber auch Kurse in Gastronomie und Verwaltung sowie Krankenpflege angeboten werden. Dazu kommen ein Gesundheitszentrum der Gemeinde – Centro de Salud Familiar (CESFAM) –, acht Kindergärten in Armenvierteln von Huechuraba, Recoleta, Renca und La Pintana, die insgesamt von rund 800 Kindern besucht werden; zwei Rehabilitationszentren in Recoleta und Conchalí, die 135 Jugendliche und Erwachsene mit Suchtproblemen betreut. Zudem arbeitet die Stiftung verschiedenen Programmen mit Obdachlosen. Dazu gehört auch eine Herberge, in der die Bewohner auf ihre soziale Reintegration vorbereitet werden.  

«Wir verstehen uns nicht als karikative, sondern als Entwicklungsorganisation», sagt Schwester Karoline. Die gebürtige Bayerin aus Eichstätt ist heute 73 und steht nach wie vor an der Spitze von Cristo Vive. Auch wenn vor ein paar Jahren eine Gründergemeinschaft von sieben Mitgliedern ins Leben gerufen wurde, die zusammen mit weiteren Vorstandsmitgliedern die Verantwortung für die verschiedenen Sozialdienste tragen, so ist ihre Energie weiterhin ein wichtiger Motor.

Karoline Mayer kam 1968 als 25-Jährige mit den Steyler Missionsschwestern nach Chile, wo sie begann, zusammen mit anderen reliogiösen und weltlichen Einrichtungen direkt mit «pobladores» in Armenvierteln von Santiago zu arbeiten.
Karoline Mayer kam 1968 als 25-Jährige mit den Steyler Missionsschwestern nach Chile, wo sie begann, zusammen mit anderen reliogiösen und weltlichen Einrichtungen direkt mit «pobladores» in Armenvierteln von Santiago zu arbeiten.

Als kleine, sehr kluge, hartnäckige, zähe, furchtlose und charismatische Person ist sie kürzlich in einer der zahlreichen Ehrungen beschrieben worden, die ihr im Laufe der Jahre zuteil geworden sind. 1968 kam sie mit den Steyler Missionsschwestern nach Santiago. Ihr Orden untersagte ihr den Beruf der Ärztin, so ließ sie sich an der «Universidad de Chile» zur Krankenschwester ausbilden. Bereits Ende 1969 begann sie im Armenviertel Areas Verdes in Las Condes und begann in einer staatlichen Krankenstation Patienten kostenlos zu behandeln, gründete einen Kindergarten und eine Volksküche. Seit 1971 wohnt Karoline Mayer dort, wo ihre Lebensaufgabe liegt, und ihr Wohnkomfort unterscheidet sich nicht von dem der Nachbarn.

«Es geht um den Dienst der Liebe an den Armen, es geht aber auch darum, die Ursachen der Armut und des Elends zu bekämpfen – mit den Waffen der Liebe, der Bewusstseinsbildung bei Arm und Reich und des politischen Handelns», schreibt sie in einem ihrer Rundbriefe, mit denen sie regelmäßig den Freundeskreis über die Arbeit der Stiftung informiert. Schwester Karoline ist dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Der Cóndor sprach mit ihr über die Möglichkeiten zur Überwindung der Armut in Chile und wollte wissen, ob ihrer Meinung nach die Bildungsreform dabei eine Rolle spielt.

Cóndor: Was müsste Chile heute tun, um die Armut zu überwinden?

Schwester Karoline: Dieses Land leidet unter einer Krankheit, die heißt «proyectitis». Mit Projekten kann man Armut nicht überwinden. Es braucht strukturelle Lösungen vom Sozialministerium, vom Arbeitsministerium und vom Bildungsministerium. Ein Mindestlohn ist keine strukturelle Lösung. Wir haben ein Wirtschaftssystem im Land, das zweifellos die Gesellschaft spaltet. Die extreme Armut ist zurückgegangen, das ist ein Erfolg. Aber in Zukunft wird die Armut ganz schrecklich wachsen.

 

Warum meinen Sie, dass die Armut ansteigen wird?

Ein Faktor sind die AFP (private Rentenversicherungen, Anm. d. Red.). Wenn es keine politischen Änderungen gibt, dann werden in zehn Jahren drei Millionen Menschen über 65 Jahren eine Rente zwischen 120.000 und 150.000 Pesos erhalten. Der Anteil der Armen an der Bevölkerung wird damit 25 Prozent betragen. Letztens kam ein Mann zu mir, der eine Rente von 120.000 Pesos hat. Seine Frau hat Brustkrebs und er selbst Prostatakrebs. Ihre Medikamente kosten 30.000 Pesos im Monat, seine Medikamente 36.000. Er hat sich für die Medikamente für seine Frau entschieden. Er möchte, dass sie lebt.

Der zweite Faktor ist die Verschuldung der Armen. Als Beispiel: Wir haben eine Mitarbeiterin, die 500.000 im Monat verdient. Sie bekommt aber nur 200.000 ausgezahlt, weil der Rest Schulden bei Banken und Einzelhandelsgeschäften sind. Wir haben mit ihr einen Plan zur Schuldentilgung gemacht, so dass sie 4,18 Millionen Pesos bezahlen kann. Davon sind bestimmt 1,8 Millionen nur Zinsen.

Die Überwindung der Armut braucht politischen Willen und das Überdenken des Wirtschaftsmodells. Der chilenische Autor Mario Waissbluth hat 2015 das Buch «El tejado de vidrio» herausgegeben. Es handelt von den Fällen Penta, Caval und SQM und ermutigt nicht gerade. Es macht aber einen interessanten Vorschlag für ein Modell. Es ist dem der sozialen Marktwirtschaft Deutschlands ähnlich.

 

Welchen Beitrag leistet Cristo Vive?

Es ist ganz wichtig, die Armen zu sehen. Wir sprechen von Inklusion, nicht nur für Behinderte. Zum Beispiel auch für Obdachlose. Wir fragen die Menschen, welche Lösungen sie für ihre Probleme sehen. So oft werden Programme von oben erarbeitet, ohne sie zu kennen. Das sind doch keine Wilden!

Wir arbeiten seit 15 Jahren mit Menschen auf der Straße. Vor vier Jahren sind wir während der Piñera-Regierung gebeten worden, in dem Programm «Noche digna» mitzumachen. So haben wir eine Herberge eröffnet, die von Mai bis September von dem staatlichen Programm unterstützt wird. Den Rest müssen wir mit karikativen Mitteln finanzieren.

Wir haben ein Stammpublikum von etwa 20 Personen, fast alles Männer. Manche leben seit 30 Jahren auf der Straße. Manche trinken, manche nehmen Drogen, manche haben Straftaten begangen, andere haben psychische Pathologien. Aber es sind Menschen mit Lebenskraft. Du brauchst viel Kraft, um auf der Straße zu leben. Sonst hängst du dich auf. Wir verlangen einen Beitrag von ihnen. 1.000 Pesos pro Nacht. Manche wollen ihr Leben regeln und arbeiten tagsüber als Gärtner im Parque Bicentenario oder als Aufsichtspersonal.

Als während der Piñera-Regierung das Programm «Noche digna» aufgelegt wurde, hat die Stiftung Cristo Vive eine Herberge für Obdachlose eingerichtet. Ihr Ziel ist die Bewohner auf ihre soziale Reintegration vorzubereiten.
Als während der Piñera-Regierung das Programm «Noche digna» aufgelegt wurde, hat die Stiftung Cristo Vive eine Herberge für Obdachlose eingerichtet. Ihr Ziel ist die Bewohner auf ihre soziale Reintegration vorzubereiten.

Im «Programa Calle» betreuen wir hundert Personen, die in Recoleta, Independencia, Conchalí und Huechuraba auf der Straße liegen. Viele haben gar keine Papiere. Sie sind mehr oder weniger ‚auf der Flucht‘, aber es sind unsere Mitbürger! Wir begleiten sie, um sie zum Beispiel in einem Gesundheitszentrum einzuschreiben. Viele sind über 50.

 

Was halten Sie von der Bildungsreform?

Die Bildungsreform ist sehr wichtig. Armut wird ohne Bildung nicht überwunden. Allerdings beklage ich, dass es nicht vorgesehen ist, die Handwerksausbildung einzuführen. Da ist eine große Leere, die ganz viel Schaden erzeugt. Etwa 25 Prozent aller Schulabgänger bräuchte eine handwerkliche Ausbildung. Sie müssen durch ein Schulsystem, das für sie fatal ist. Ein Teil der Armut wird generiert, weil es keine Möglichkeiten für sie gibt.

Über Sence werden Fortbildungen finanziert, aber was nützt eine Fortbildung, wenn ich keine Ausbildung gehabt habe? Die Teilnehmer an unserer Berufsschule müssen mittels «ficha social» nachweisen, dass sie arm sind. In einem Semester absolvieren sie bei uns zum Beispiel eine Ausbildung als Schweißer, Elektriker, Gas-Wasser-Installateur, Automechaniker oder -lackierer. Sehr beliebt sind auch die Kurse in Gastronomie und Krankenpflege.

Wenn es in Chile eine qualitativ gute berufliche Bildung geben würde, und dazu soziale Gerechtigkeit kommen würde, dann bleiben nur noch zehn Prozent Arme übrig, die wir durch gute Programme auf fünf bis sieben Prozent reduzieren könnten.

 

Sie kämpfen darum seit vielen Jahren mit den Waffen der Liebe, wie Sie sagen.

Ich bin von meinen Eltern sehr geliebt worden. Ich kann nichts weiter tun, als das weiterzugeben. Meinem Vater war die Freiheit so wichtig. Er hat mich gelehrt, mich zu trauen. Er war Arbeiter in unserem Dorf und wollte eigentlich Medizin studieren, aber er hatte kein Geld. Meine Mutter war 19, eine junge Bauerntochter, eine ganz Hübsche und Lustige. Mein Großvater war Bürgermeister, aber wurde 1933 von Hitler abgesetzt.

Ich hatte die Berufung für «Die Armen» von klein auf. Habe viele Missionszeitschriften gelesen und wollte eigentlich nach Indien oder nach China – in ein großes Krankenhaus. Ich wollte, dass die Menschen heil werden. Danach habe ich gemerkt, wie wichtig die Bildung ist. Auch mit Bildung kannst du etwas für die Gesundheit tun.

 

 

Halbierung der Wartezeiten durch moderne Telemedizin

Zu den sozialen Diensten der Stiftung Cristo Vive gehört auch ein öffentliches Gesundheitszentrum – CESFAM (Centro de Salud Familiar) – an der Avenida Recoleta, in dem rund 25.000 Personen eingeschrieben sind und kostenlos eine primäre Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen können. Die dazugehörige Notaufnahme wird von mehr als 30.000 Patienten jährlich in Anspruch genommen.

Vor drei Jahren ist mit großem Erfolg moderne Telemedizin eingeführt worden. Angeboten werden unter anderem Elektrokardiogramme, Blutdruck- und Herzrhythmus-Holter, Mammografien und verschiedene Ultraschalluntersuchungen. Die Untersuchungen werden per Internet übermittelt.  «Damit konnten wir die Wartezeiten halbieren», erklärt Schwester Karoline.

Im Jahr 2015 sind fast 8.000 Untersuchungen per Telemedizin gemacht worden. In diesem Jahr ist auch das Röntgen mit dazu gekommen. «Diese Angebote moderner Technologie sind erst in kleinem Umfang im staatlichen Gesundheitssystem aufgenommen worden», fügt sie hinzu.    

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