Mit dem Containerschiff von Chile nach China: 26 Tage lang nur Wasser

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Blick aus der Kajüte auf der „Santa Teresa“ der Hamburger Reederei Hamburg-Süd

Alle Welt redet von Globalisierung. Doch wie werden eigentlich die Produkte über die Weltmeere transportiert? Der in Chile ansässige Deutsche Rüdiger May wollte es genau wissen und fuhr mit.

Von Arne Dettmann

300 Meter Länge, 42 Meter Breite und eine Seitenhöhe von 24 Metern: Das ist für die nächsten 28 Tage die Welt von Rüdiger May. In der chilenischen Hafenstadt Valparaíso ist der Deutsche an Bord der «Santa Teresa» gegangen. Das riesige Schiff der Reederei Hamburg-Süd liegt hier einen Tag vor Anker und sticht nach dem Be- und Entladen wieder in See. Kurs: Hongkong. Dazwischen liegt der Pazifische Ozean, den es zu überqueren gilt.

Auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff mit Spielcasino und Unterhaltungsshows könnte eine solche Reise zum Vergnügen werden. Doch die überwiegende Mehrheit der weiteren «Schiffsgäste» ist stumm: Mehr als 7.000 Container kann die «Santa Teresa» aufnehmen, die menschliche Besatzung vom Kapitän bis zum Matrosen beläuft sich dagegen nur auf 24 Personen; einziger Passagier: Rüdiger May.

Be- und Entladen von Containern im Hafen von Valparaíso
Be- und Entladen von Containern im Hafen von Valparaíso

«Es hat schon etwas Unheimliches an sich, wenn man auf diesem „Monster“ von Schiff über den Ozean fährt, praktisch ganz alleine auf dieser einsamen Strecke, und die ganze Zeit kein Land, kein Schiff sieht, sondern nur Wasser um sich», beschreibt der Deutsche sein Gefühl während der Überfahrt. Ein weiteres Kuriosum: Die Besatzung weiß nicht einmal, was sie überhaupt befördert. Schuhe? Spielzeug? Lebensmittel? Nur bei Gefahrengut wird sie eingeweiht.

Als abwechslungsreich bunt entpuppt sich die Zusammensetzung der Nationalitäten. Ein Großteil der Mannschaft stammt aus dem pazifischen Inselstaat Kiribati, die Offiziere aus Äthiopien, Polen und der Ukraine, Kapitän ist eine junge Polin. Das Schiff selbst wurde 2011 in Südkorea gebaut, fährt allerdings unter der Flagge des westafrikanischen Staates Liberia. Die Bordelektronik wiederum kommt aus Japan, die Maschinen aus Korea. «Das Deutsche an dem Schiff ist die Reederei Hamburg-Süd sowie die komplizierte Logistik.»

Verlaschen der Container
Verlaschen der Container

Tatsächlich liest sich der Liniendienst der Reederei wie ein Busfahrplan. Zur «Santa»-Flotte zählen viele weitere Containerschiffe wie die «Santa Cruz», «Santa Rita» und «Santa Rosa», die zwischen Asien und Amerika hin- und herschippern und auf Tag und Stunde genau in einem bestimmten Hafen erwartet werden. So kam beispielsweise die «Santa Teresa» laut Fahrplan 2016 am 11. Januar aus Antofagasta um 8 Uhr in Valparaíso an und fuhr am 12. Januar um 23 Uhr dort wieder ab. Am 6. Februar sollte sie um 18 Uhr in der taiwanesischen Hafenstadt Keelung einlaufen und dort am 7. Februar um 10 Uhr wieder ablegen. Rüdiger May: «Uns Deutschen wird nachgesagt, wir seien Meister im Organisieren.»

Auch der Speiseplan ist gut geplant. Zum Frühstück gibt es jeden Tag frische Früchte, Milch, Saft, Müsli und Käse; am Samstag zum Mittagessen Würstchen, zum Nachtisch Pudding; abends dann Meeresfrüchte mit Reis. Am Montagmittag sollen Fisch und Kartoffelpüree den hungrigen Seemannsmagen erfreuen, am Dienstag Hähnchen. Doch hoppla, was ist das? Am Donnerstag steht überhaupt nichts auf der Menükarte. Ist dem Schiffskoch das Essen ausgegangen? Hat der Kapitän ein Tag Fasten angeordnet?

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Achtung! Datumsgrenze, Uhr umstellen!

Nein. Die richtige Antwort lautet, dass die «Santa Teresa» nunmehr die Datumsgrenze passiert hat. Die westwärts – mit der Sonne – Reisenden haben auf ihrer Fahrt von Chile gen Asien ihre Uhr fortwährend zurückgestellt, insgesamt 14-mal. Beim Überqueren der Datumsgrenze, die in der Nähe des 180. Längengrads verläuft, kommen sie in die Zone mit dem nächsten Kalenderdatum. Da das Datum von Rüdiger May und Co. jedoch um einen Tag kleiner ist, muss nun eine Korrektur her und 24 Stunden überbrückt werden. Der besagte Donnerstag fiel daher aus.

Gefeiert wurde dagegen die Überquerung des Äquators mit dem Ritual der sogenannten Neptunstaufe. Dabei werden Besatzungsmitglieder und Passagiere, die zum ersten Mal den Äquator auf See überqueren, zunächst eingeseift und dann von einem verkleideten Neptun mit Wasser gereinigt. Dieser lustige Brauch hat seinen Ursprung aus der Zeit der Entdeckungsreisen der Portugiesen und wurde auch am Täufling Rüdiger May vollzogen.

Leider ging es an Bord nicht immer so frisch und sauber zu. Die Idee, sich in einen Liegestuhl auf dem Oberdeck zu setzen und die Aussicht auf den weiten Horizont zu genießen, bereute der Deutsche sofort. Die Schiffsoberfläche war mit gelb-schwarzem Ruß überzogen. «Wie ein saurer Kohleregen kam es aus den Schornsteinen heraus.»

Etwa 95 Tonnen Schweröl pro Tag schluckt der 56.000 PS starke Dieselmotor der «Santa Teresa», so Rüdiger May. Bei voller Fahrt könnte es das Doppelte sein. Dabei werden viele Schadstoffe wie Schwefel, Stickoxide und Kohlendioxid emittiert. Nach Angaben des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) stößt die Schifffahrt rund 800 Millionen Tonnen CO2 jährlich aus. Das entspricht zehn Prozent der Emissionen aller Verkehrsträger. Dicke Luft auf hoher See ist ein negativer Aspekt der Globalisierung.

Dann also lieber sich in der eigenen Kabine im 7. Stock, F-Deck, die Zeit mit Bücherlesen vertreiben, in der Mannschafts- und Offiziersmesse die Unterhaltung mit anderen suchen oder sich im Fitnessraum betätigen. Selbst ein kleines Meerwasserschwimmbad ist vorhanden. Zudem kann Rüdiger May zuschauen, wenn Reparaturen vorgenommen und Übungen für den Notfall durchexerziert werden.

Doch auch die längste Schiffsreise geht irgendwann einmal zu Ende. Nach 26 Tagen ist Taiwan erreicht, zwei Tage später Hongkong. Hier heißt es für Rüdiger May «Adiós, Santa Teresa.» Die Crew fährt allerdings weiter. Insgesamt vier Monate lang.

 

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