In mehreren Welten zu Hause

Third Culture Kids (TCKs) oder auch Drittkultur-Kinder: So werden in der Soziologie Kinder und Jugendliche bezeichnet, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind als ihre Eltern. Auf Rahel Gysel trifft diese Bezeichnung zu; ihr Vater stammt aus der Schweiz, die Mutter aus Deutschland; doch sie selbst wurde in Chile geboren und lebt hier bis heute. An dieser Stelle schreibt sie über ihre Erfahrungen, erörtert die Frage nach dem Zugehörigkeitsgefühl und kulturelle Unterschiede.

4137_p8-9_1
Rahel Gysel Lenk wurde am 23. März.1990 in Santiago geboren. Sie ging zur Deutschen Schule und machte dort 2007 ihren Abschluss. Anschließend studierte sie Physiotherapie und erhielt 2012 ihren Titel. Derzeitig ist sie Studentin am Lehrerbildungsinstitut. Sie ist ein aktives Mitglied einer Theatergruppe und beschäftigt sich in ihrer Freizeit allgemein mit Kulturthemen, Sprache, Sport und Kirche.

Nein. Es geht in diesem Artikel nicht um Kinder, die in der Dritten Welt aufgewachsen sind. Das heißt, sie können schon dort aufgewachsen sein, aber dies ist nicht das Hauptmerkmal der Third Culture Kids, kurz TCKs genannt. Third Culture Kid ist ein Begriff, der aus dem Englischen stammt und von dem Soziologen-Ehepaar Ruth Hill und John Useem in den 60er Jahren geprägt wurde. Doch was steckt genau hinter diesem Konzept? Was ist diese dritte Kultur? Und was zeichnet diese Kinder aus?

Wir waren wieder in der Schweiz. Heimaturlaub. Nein, mein Vater ist nicht Soldat, sondern Missionar. Alle fünf Jahre durften wir unsere Verwandten und Freunde in Deutschland und in der Schweiz besuchen. Wir saßen, wie so oft, im Wohnzimmer, abends bei der letzten Tasse Tee, bevor meine Gedanken auf Wanderung gehen würden, um eine Antwort zu finden. Es war wieder ein Mal mein Patenonkel, der mich zum Nachdenken brachte mit einer seiner harmlosen Fragen: „Fühlst du dich eher als Chilenin, Deutsche oder Schweizerin?“ Ja, wie sollte ich bloß eine Antwort geben, wenn ich mir noch nie Gedanken über dieses Thema gemacht hatte? Warum sollte ich mich überhaupt als irgendetwas fühlen?

Ein Kind kommt auf die Welt, kommt innerhalb einer Kultur auf die Welt, wird zu einem Teil dieser Kultur. Es wächst und lernt die Gewohnheiten sowie Werte seiner Familie und nimmt diese als eigene auf. Es lernt die Grundregeln der Gesellschaft kennen, verinnerlicht sie und vergisst bald, dass es diese einmal erlernt hat.
Kultur ist also unumgänglich. Kultur ist Teil unserer Entwicklung als Person, Teil der Entwicklung der Gesellschaft, in der wir leben. Sie stärkt unsere Persönlichkeit, gibt uns Sicherheit und Zugehörigkeitsgefühl. Als Kinder erlernen wir sie, ohne uns anzustrengen. Wir sind mitten drin und nehmen alles auf. Als Erwachsene handeln wir nach diesen erlernten Grundannahmen und fühlen uns wohl, wir gehören dazu. Ich weiß, wie ich mich verhalten muss, ich verstehe die Menschen um mich herum, kann ihr handeln korrekt einschätzen, fühle mich im sozialen Umfeld sicher.

Da ich die Deutsche Schule besuchte, hatte ich viel Kontakt mit Deutschen. Es war also nicht komisch abends Janosch oder die Raupe Nimmersatt zu lesen. Wenn wir uns unter Freunden treffen wollten, legten wir den Termin schon zwei bis drei Wochen im Voraus fest. Wir kannten die gleichen Kinderlieder, Kinderbücher, Kinderspiele. Doch während ich zu Hause deutsch sprach, taten das viele andere nicht. Meinen Namen konnten die Leute hier in Chile nicht verstehen, schon gar nicht aussprechen.

Kultur ist nicht nur das, was von außen sichtbar oder hörbar ist. Kultur hat mehr Bereiche, Kultur ist tief in uns verankert. Sie bestimmt nicht nur unseren sozialen Dresscode, unser Verhalten, unsere Sitten, Traditionen oder Wörter. Kultur ist ein System gemeinsamer Grundannahmen, Überzeugungen, Wertvorstellungen und Denkprozesse. Nur diese tieferen Dimensionen schaffen es, eine Gruppe beziehungsweise Gesellschaft zusammenzuhalten.
In diesem Zusammenhang wird auch von Oberflächenkultur und Tiefenkultur gesprochen. Ein Mensch, der in eine für ihn neue Kultur kommt, kann die Oberflächenkultur beobachten und sie erlernen. Aber die Tiefenkultur, die Grundannahmen, Überzeugungen, Wertvorstellungen und Denkprozesse kann man nur schwer durch das Beobachten der Mitmenschen erlernen, geschweige denn verstehen.
Warum ist kulturelles Gleichgewicht, also das fast unbewusste Wissen, wie die Dinge innerhalb einer Gesellschaft laufen, wichtig? Wenn wir in einer Kultur aufgewachsen sind und deren Verhaltensweisen erlernten, so haben wir ein intuitives Gespür dafür, was in einer Situation richtig, humorvoll, angebracht oder unpassend ist.

Mein erster Flug nach Europa war kurz vor meinem zweiten Geburtstag. Als wir in Zürich am Flughafen von den Verwandten abgeholt wurden, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich wurde mit „Ciao“ begrüßt. Sollte ich schon wieder umkehren und nach Hause fliegen? Doch dann erklärte mir meine Mama, dass man auf Bärndütsch eben „Ciao“ sagt, wenn man jemanden begrüßt. Also gut. Nicht zurückfliegen. Damals war Europa, in meinem naiven Kindergehirn, ein Land, in dem die Großeltern aller Kinder zu Hause sind. Und es gibt immer Schnee. Langsam merkte ich jedoch, dass viele Klassenkammeraden hier in Chile am Wochenende den Geburtstag des Onkels feierten und sich nicht mit mir treffen konnten. War ich die Einzige die ihre Verwandten in Europa hatte? War Europa gar nicht ein immer Schnee bedecktes Oma-Opa-Land?

Stellen wir uns folgende, uns Condor-Lesern nicht fremde Situation vor. Ein Kind kommt in Chile zur Welt. Seine Eltern: deutsche. Welches ist nun „seine“ Kultur? Die Kultur, die die Eltern ihm zu Hause vermitteln, also die deutsche? Oder die chilenische, die er im Umgang mit chilenischen Bürgern erlernt? Die Antwort: beide zusammen, eine Mischung. Eine neue Kultur mit Wertvorstellungen, Grundannahmen und Verhaltensweisen von beiden Kulturen. Eine dritte Kultur. Ein Kind der Dritten Kultur, ein Third Culture Kid.

Meine Mutter ist Norddeutsche, mein Vater Berner und ich wurde als Deutschschweizerin in Chile geboren. Auch wenn in unserem Land viele deutsche Nachkommen wohnen, so sind diese schon seit mehreren Generationen hier und kennen die chilenische Kultur sehr gut. Der Großteil meiner Freunde gehört zu diesem Kreis. Vor ein paar Jahren hätte ich mich nicht getraut danach zu fragen, wenn ich ein Wort nicht kannte oder eine Redewendung auf Spanisch nicht verstand. Doch heute frage ich nach oder schaue unverständlich meinen Gesprächspartner an und dieser schmunzelt nur, denn er weiß schon, um was es geht. Ich habe wieder ein Mal den „dicho“ nicht verstanden. Oft fällt mir in Gesprächen das Wort erst auf Deutsch ein und erst nachdem ich es auf Deutsch ausgesprochen habe, fällt es mir auf Spanisch ein. Gefragt habe ich noch nie, ob dies beim Gesprächspartner irgendwie hochnäsig ankommt, so nach dem Motto: „Hey, hör mal, ich kann eine andere Sprache super sprechen.“

Warum aber gibt es überhaupt einen Begriff dafür, warum ist es wichtig diese neu entstehende Kultur von den beiden anderen zu unterscheiden? Das Soziologen-Ehepaar Useem hat bei Menschen psychologische Veränderungen beobachtet, die während ihrer Auslandsaufenthalte kulturübergreifende Erfahrungen machten. Heute reist man viel, man kennt sich aus in der Welt, fühlt sich überall zu Hause. Aber man hat dennoch sein zu Hause, seine Kultur.
Bei TCKs ist dies anders. Denn sie haben diese kulturübergreifenden Erfahrungen während ihrer Entwicklungsjahre gemacht. Das heißt, während sie ihre Identität in einer Kultur festigten, wechselten sie die Kultur. Sie müssen sich nun im Dschungel der Gastkultur zurechtfinden.

Uhrzeiten und das Wort meiner Eltern sind immer eine klare Sache. Abmachungen werden eingehalten, Uhrzeiten auch. Plötzlich musste ich lernen, dass mit der Zusage „Wir treffen uns um 19 Uhr“ eigentlich gar nicht 19 Uhr gemeint war. Für mich ist das heutzutage noch ziemlich unverständlich. In meiner Gehirnstruktur läuft das nämlich anders ab: 19 Uhr ist 19 Uhr und nicht 20 Minuten später. Wenigstens habe ich gelernt die Verspätungen nicht persönlich zu nehmen. Obwohl es mich doch ziemlich nervt.

In dieser neuen Kultur gibt es unterschiedliche soziale Kreise, in denen die TCKs die Gastkultur aufnehmen und erlernen. In der Schule haben sie Kontakt zu Gleichaltrigen und Lehrern. Hier färbt sich das Verhalten der Mitschüler auf das Kind zwar ab, doch diese neuen sozialen Kompetenzen können gegenüber der eigenen Kultur sehr fremd sein. Der Lehrer vermittelt die Werte der Gastkultur an das Kind und das Grundwissen im Umgang mit den Anderen. Zu Hause sind die Eltern immer noch die Eltern. Sie korrigieren, Loben nach ihren Wertvorstellungen. Sie leben nach ihren Wertvorstellungen und sind so ein Beispiel für das Kind. Kinder ahmen ihre Eltern nach. So lernen sie. Wie sollen sie aber verstehen, dass das, was zu Hause als richtig und gut gilt, in der Schule oftmals total daneben ist?

Meistens, wenn ich in einem Gespräch das Wort Flughafen sagen möchte, liegt mir das Wort Friedhof auf den Lippen. Dann muss ich erst kurz überlegen, was ich denn eigentlich sagen wollte, denn das Wort Friedhof passt natürlich nicht in den Sinn des Satzes. Bis ich schlussendlich zum Wort Flughafen komme. Nein, ich habe Friedhöfe nicht gern. Aber ich habe so viele Abschiede an Flughäfen erlebt, dass es naheliegend ist, dass diese beiden Wörter in meinem Sprachzentrum Händchen halten.

Beim Thema TCKs fallen meist einige charakteristische Begriffe: Anpassungsfähigkeit, Beobachtungsfähigkeit, soziale Fähigkeiten sowie Sprachkenntnisse; aber es gibt auch zwei eher negative Merkmale: Wurzellosigkeit und Rastlosigkeit. Da TCKs schon öfter negative Erfahrungen im Sozialen erlebt haben, weil sie etwas sagten und taten, das in ihrer Kultur angebracht ist, in der Gastkultur aber nicht, lernen sie zu beobachten, um sich korrekt verhalten zu können, sie passen sich an die gegenwärtige Umgebung an. Doch da sie den Wohnsitz regelmäßig wechseln oder langen Heimaturlaub haben, haben sie das Gefühl in keinem Land zu Hause zu sein, zu keinem Land 100-prozentig dazu zu gehören. Es entsteht die Sehnsucht weiter zu ziehen, neue Orte kennen zu lernen und bloß nicht ruhig sitzen zu bleiben.

Ich rief ihn zum zweiten Mal an: „Hallo Opa, wie geht es dir?“. Ja, genau so wie gerade eben. Er war völlig verwirrt, dass ich ihn schon wieder fragte, wie es ihm ginge. Dabei hatte ich nur die chilenischen Grußworte übersetzt: „,Hola, ¿cómo estás?“ Das tat ich beim ersten Telefonanruf wie auch jetzt, beim zweiten Anruf – nur zehn Minuten später. Erst da merkte ich den Bedeutungsunterschied dieser Worte hier in Chile und in Deutschland. Hier ist es Teil des Begrüßungsrituals, aber keiner erwartet eine lange Antwort oder eine ehrliche. Wir antworten automatisch „bien, ¿y tú?“, auch wenn man die ganze Nacht durchgeheult und immer noch rote Augen hat. In Deutschland ist diese Frage vom Begrüßungswort getrennt. Wenn man das fragt, so darf man sich die Zeit nehmen dem Anderen zu zuhören, und man sollte die Frage ernst meinen.

Sprachkenntnisse ist die wohl nützlichste Fähigkeit der TCKs. Meistens wachsen sie in einem bilingualen Kontext auf. Zu Hause wird eine Sprache, in der Schule eine andere gesprochen. Sie sind also nicht nur zweisprachig aufgewachsen, sondern es fällt uns auch leichter mit Sprachen um zu gehen. Eine neue Sprache zu erlernen erschrickt uns nicht. Es ist kein unüberwindbarer Mount Everest, dem wir uns stellen müssen, sondern eine schöne Herausforderung. Außerdem öffnet es viele Türen bei einer Jobsuche.

Seitdem ich begonnen habe zu schreiben, gibt es Themen, die ich besser in einer Sprache oder in der anderen ausdrücken kann. Je nach dem, wie ich die Sprache einsetze. Zum Beispiel fällt es mir schwer, auf Spanisch meine Gefühle auszudrücken oder mein Empfinden einer bestimmten Situation gegenüber. Lesen mochte ich nie auf Spanisch. Es strengt mich an und ich lese langsam. Auf Deutsch aber verschlinge ich die Bücher und kann Stunden lang lesen ohne müde zu werden. Und wenn ich Bärndütsch höre, dann schlägt mein Herz höher.

Auch wenn TCKs nachgesagt wird, sie seien unruhige Menschen, denen es häufig nicht klar ist, in welchem Land sie nächstes Jahr sein werden, und die Freunde auf mehreren Kontinenten haben, würde ich mein Leben doch nicht tauschen wollen. Es schmerzt, Geburtstage und Beerdigungen meiner Familie in Deutschland und der Schweiz nicht miterlebt zu haben. Doch das ist Teil meines Lebens. Und ich nehme es dankbar an.

 

Print Friendly, PDF & Email

One Comment

  1. Hallo Frau Lenk, habe mit kurzweil Ihren Text gelesen und mußte mitunter auch ein wenig Grinsen.
    Es ist keine Deutsche oder Schweizerische Eigenschaft pünktlich zu sein oder Zusagen einzuhalten, sondern eher eine Erzieherische Komponete in Ihren Elternhaus. Verbindlichkeit und den Respekt anderen gegenüber, Zusagen und Zeiten einzuhalten. Es zeichnet Sie aus, das Sie damit so umgehen. Lieben Gruß aus Duisburg.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*