Mächtig viel Stroh, aber oho!

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Es gibt sie noch: Schöne Häuser in Deutschland, deren Dächer mit Schilfrohr gedeckt werden.

Von Arne Dettmann

Reetdachhäuser sind überwiegend im norddeutschen Raum zu bewundern, wie zum Beispiel an der Nordseeküste, auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern und auf dem Darß. Auch in Holland, England sowie Dänemark werden die Dächer mit Reet eingedeckt. Und das geht so:
Als Basismaterial dient Schilf- oder Teichrohr. Ursprünglich wurden die Halme im Winter auf die Dächer gebracht, weil die Erntezeit für das Reet in diese Jahreszeit fällt. Die Pflanze ist dann trocken, die Blätter abgefallen und der Stock hat nichts von seiner Elastizität eingebüßt. Üblicherweise wird das Material in geschnürten Bündeln geliefert, auf den Dachlatten verteilt und dann befestigt. Dies geschieht mit gebundener, genähter oder geschraubter Deckung.
Beim gebundenen Dach werden die Reetbündel von der Traufe aus, also von der unteren Dachkante, Lage für Lage an der Lattung befestigt. Dafür wird Haltedraht mit Metallnadeln durch das Reet um die Dachlatte geführt. Dieser drückt die rund einen Meter breiten und 10 bis 20 Zentimeter starken Lagen fest, so dass sie nicht herunterfallen. Mit dem Klopf- oder Treibbrett drückt der Dachdecker schließlich das Reet hoch und bringt es in Form. 4164_p8-9_3
Lage für Lage wird nun weiter eingedeckt, bis der Dachfirst als oberste Kante des Hauses erreicht ist. Die einzelnen Lagen überdecken dabei die Bindungen in der Mitte der Deckschicht. An Stelle des Bindedrahts kann der Dachdecker auch Schrauben verwenden. Das genähte Reetdach kommt dagegen ganz ohne Haltedraht aus, gestaltet sich aber aufwändiger.
Eine solche Verarbeitung erfordert viel Geschick und Fachwissen. Tatsächlich stellt das Eindecken von Dächern mit Reet eine der ältesten Handwerkstechniken beim Hausbau dar. Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es bereits um 4.000 v. Chr., wie zum Beispiel bei den Pfahlbauten aus der Stein- und Bronzezeit am Bodensee.
Mit den regional verfügbaren Naturbaustoffen Reet oder Stroh wurden die Dächer gedeckt, wobei eine Fülle mündlich überlieferter Traditionen und handwerkliche Gepflogenheiten von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Im Rahmen eines UNESCO-Übereinkommens setzte Deutschland 2014 das Rechtdachdecker-Handwerk auf die Liste zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. Dazu zählen übrigens auch die deutsche Brotkultur, Orgelbau und Chormusik. Der Lehrberuf des Dachdeckers mit der Spezialisierung Reetdachtechnik wurde 1998 entwickelt, um den gestiegenen fachlichen Anforderungen Rechnung zu tragen.

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Reetdächer gibt es nicht nur im gesamten nord- und mitteleuropäischen Raum, sondern auch in der Südsee und in Fernost. Die Wirkung beim Betrachter ist fast immer die gleiche: Sie strahlen Gemütlichkeit und Harmonie aus. Besonders bei Fachwerkhäusern entfalten Reetdächer eine romantische Wirkung.
Alte Bauernkaten mit mächtig viel Stroh auf dem Dach haben Tourismusverbände schon längst als Sinnbild für naturbelassenen romantischen Erholungsurlaub in ihren Prospekten vermarktet, ähnlich wie etwa die blumengeschmückten Holzbalkone in Bayern. Darüber hinaus zeugen Reetdächer vom Stolz auf eine Jahrhundert alte Bautradition. Viele alte Höfe mit Reetdächern stehen unter Denkmalschutz und sind für die Touristen attraktive Fotomotive.
Der hölzerne Baustoff erfüllt sogar alle modernen Kriterien des Umweltschutzes: Reet isoliert gegen Wärme im Sommer und gegen Kälte im Winter; der Naturbaustoff gilt aufgrund des Nachwachsens der Pflanze als ökologisch nachhaltig und kann zur Entsorgung kompostiert werden. Die Haltbarkeit des aufgebrachten Schilfes beträgt immerhin 50 bis 80 Jahre.
Doch leider gibt es auch Nachteile. Wegen der hohen Brandgefahr wurde im Mittelalter in einigen Städten die Verwendung von Schilf als Dachmaterial per Erlass verboten. Damals war das Rohrdach die billigste und einfachste Art ein Dach über dem Kopf zu haben. Und nicht nur die teure Brandschutzversicherung, sondern auch die aufwändige Handarbeit beim Verlegen verursachen heutzutage hohe Kosten.
Extra-Ausgaben kommen auf Reetdachbesitzer ebenfalls zu, wenn das Schilf vorzeitig von innen aus vermodert und verrottet. Vor einigen Jahren wurden etliche Reetdachhäuser in Norddeutschland von einem unheimlichen Schimmel befallen, der die normalerweise langlebigen Schilfhalme in kurzer Zeit vergammeln ließ. Am Ende der Untersuchungen durch Physiker und Gutachter stand ein überraschendes Ergebnis: Die Schäden an deutschen, holländischen und dänischen Reetdächern wurden im Wesentlichen nicht durch Pilze verursacht, sondern von enzymatisch belasteten Import-Reet aus China. Weil aus Naturschutzgründen kein Reet mehr in Deutschland gewonnen wurde, hatten Bauherren auf chinesische Einfuhrmaterialen gesetzt.
Andere Forschungsergebnisse wiederum lassen vermuten, dass nicht alleine minderwertige Reethalme die Ursache für das Verfaulen vieler Dächer waren, sondern auch die Nichteinhaltung der Grundprinzipien des Dachaufbaus wie zum Beispiel die richtige Dachneigung. Diese sollte über 45 Grad betragen, damit die einzelnen Wassertropfen von Halm zu Halm gleiten können. Bei einem funktionierenden Reetdach wird so nur die oberste Schicht der Dachdeckung durchfeuchtet. Entsprechend soll der Dachüberstand (Traufüberstand) mindestens 50 Zentimeter betragen, damit das Wasser in ausreichendem Abstand zum Mauerwerk abtropft. Denn auch das ist eine Besonderheit: Reetdächer besitzen keine Regenrinnen.


[two_third]Schilf – ein natürlicher Baustoff[/two_third]

4164_p8-9_4Früher bauten die Menschen ihr Haus mit dem, was die Natur in der jeweiligen Gegend in ausreichendem Maße zu bieten hatte. Für das Dach war und ist dies Holz in Form von Holzschindeln, Schiefer in Form von Schieferschindeln, Dachziegel aus gebranntem Ton sowie in sumpfigen Landschaften und an den Uferzonen von Seen und Feuchtgebieten Schilf. Solche Landschaften gibt es vor allem im norddeutschen Küstengebiet. Dort heißt das verwendete Schilfrohrgewächs Reet. In anderen Gegenden findet man aber auch die Bezeichnungen Reit, Ried oder Rieth. Der Naturbaustoff Reet erwies sich aufgrund seiner Eigenschaften als Wasserpflanze als robustes Material zum Bedecken. Die ersten Reetdachhäuser wurden im Siedlungsgebiet der Germanen zur Jungsteinzeit im heutigen Schleswig-Holstein und Süd-Dänemark erbaut. Reet kann über drei Meter hoch werden. Nach dem Mähen werden die Reetbündel von Unkrautstengeln und Verunreinigungen befreit. Dafür gibt es eine Maschine, die die Reet-Bündel auskämmt. Anschließend wird das Reet zum Trocknen in Kegeln stehend gelagert. Nach einer Trockenzeit von bis zu einem halben Jahr wird das Reet je nach Verwendung auf das richtige Maß zugeschnitten. Qualitativ hochwertiges Reet erkennt man an harten Halmen und der gelblichen bis braunen Farbe. Zudem muss es frei von Gras und anderen Pflanzenresten sein. Schließlich müssen sich die Reethalme biegen lassen, dürfen dabei aber nicht brechen. Ein Reethalm besteht zu 90 Prozent aus Zellulose, einem unverzweigten Vielfachzucker. Zellulose ist vor allem stabil und sorgt bei Pflanzen für Festigkeit. Auch verwittertes Reet bleibt immer holzartig hart – selbst wenn es nass ist. Es wird nach einem Regenguss nicht zu weichem Matsch, sondern trocknet wieder und ist beständig.

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